"Lehrstunde im modernen Fußball"

So herrlich nimmt die Süddeutsche Zeitung die Bayern-Bosse aufs Korn

Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamdzic auf der Pressekonferenz, genauso in die Geschichte eingehen dürfte, wie die Wutrede von Giovanni Trappatoni 1998
© FCBayern.tv / Youtube
Karl-Heinz Rummenigge, Uli Hoeneß und Hasan Salihamdzic auf der Pressekonferenz, genauso in die Geschichte eingehen dürfte, wie die Wutrede von Giovanni Trappatoni 1998
Glossen gehören aus stilistischer Sicht zu den Königsdisziplinen der journalistischen Darstellungsformen. Eine gelungene Glosse zeichnet sich durch pointierte Polemik, Ironie und den Einsatz satirischer Elemente aus, die in der Regel ein aktuelles Thema aufgreifen. Ein Paradebeispiel für einen solchen Meinungsbeitrag liefert heute die Süddeutsche Zeitung - und nimmt so die Bosse des FC Bayern nach ihrer denkwürdigen Medienschelte am vergangenen Freitag aufs Korn. Ein großer Lesespaß!
Es war das Thema des vergangenen Fußball-Wochenendes: Die Pressekonferenz, in der die Bayern-Oberen Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und (zu kleinen Teilen auch) Hasan Salihamidzic am Freitag nahezu die gesamte deutsche Medienlandschaft - insbesondere aber Bild und N-TV - für ihre vermeintlich respektlose Berichterstattung über einzelne Spieler des deutschen Rekordmeisters an den Pranger stellte. Die Meinung der Medienvertreter und TV-Experten, die in den letzten zwei Tagen zu dem denkwürdigen Auftritt befragt wurde, war einhellig: Die Bayern-Chefs haben sich mit ihren teilweise widersprüchlichen Aussagen  - um in der Fußballersprache zu bleiben - ein klares Eigentor geschossen. Nachdem die taz bereits am Wochenende mit einem Scherz reagierte und den FC Bayern kurzerhand wieder auf Platz 1 der im Blatt abgedruckten Tabelle setzte, zog heute die Süddeutsche Zeitung nach. Die Überschrift der Glosse von Philipp Selldorf: "Bayern gibt eine Lehrstunde im modernen Fußball." Nun weiß jeder, der die Bundesliga verfolgt, dass die Münchner am Samstag zwar verdient und in Unterzahl mit 3:1 beim insgesamt zu harmlos auftretenden VfL Wolfsburg gewonnen haben. Der Bezeichnung "Lehrstunde im modernen Fußball" wird der Auftritt der Mannschaft von Trainer Niko Kovac jedoch keinesfalls gerecht.


Umso besser funktioniert dafür der hämische Kommentar von Selldorf: "Der größte Rekordmeister aller Zeiten bietet eine Leistung, die von Harmonie in der Mannschaft zeugt. Experten berichten von einem 'hinreißenden Schauspiel' - einzig der Platzverweis für Robben beruht auf unwahren Fakten", heißt es schon zum Einstieg. In der Folge greift der Autor Aspekte auf, die die Berichterstattung über den FC Bayern in den vergangenen Wochen und Monaten bestimmt haben - wie zum Beispiel die immer wieder kritisierte Altersstruktur des Kaders: "Die Mischung aus jungen Spielern und alten Herren passt perfekt im Münchner Team, jeder Mannschaftsteil ist exakt richtig besetzt."

Und freilich adressiert Selldorf auch die vermeintlichen Unstimmigkeiten innerhalb des Teams: "Die Spieler des größten und besten deutschen Rekordmeisters aller Zeiten boten eine Leistung, die von Harmonie und Zusammenhalt in der Mannschaft zeugte." So großartig können "Fake News" sein. tt

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