Lead Awards

Warum sich der Abend trotz Durststrecke nicht nur für den Zeit-Verlag und G+J gelohnt hat

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Einer der Abräumer des Abends: Giovanni di Lorenzo
© Jim Rakete
Einer der Abräumer des Abends: Giovanni di Lorenzo
Strukturwandel, Stellenabbau, Relotius: Für die Verlagsbranche geht ein (abermals) schwieriges Jahr zu Ende. Dennoch – nein: gerade deshalb – kürte die Lead Academy am Montagabend jene „Medienmacher, die der Glaubwürdigkeitskrise etwas entgegenhalten“. Es gab würdige Sieger, weise wie witzige Worte – und lediglich eine Weile etwas wenig Wasser.
Der Zeit Verlag ist der große Abräumer dieser Verleihung der 26. Lead Awards im Curio-Haus in Hamburg. So heimsen die Macher von vier Medien des Holtzbrinck-Hauses die begehrten Medaillen ein, allen voran Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit Gold in der Kategorie Zeitung Überregional. „Eindrucksvoll stellte er 2019 unter Beweis, dass man als Blattmacher nie stehenbleiben, sondern auf gesellschaftliche Veränderungen auch mit publizistischen, blattermacherischen Mitteln reagieren muss“, begründet die Jury um Lead-Academy-Chef Markus Peichl. Und nennt exemplarisch das neue Ressort „Streit“, in dem „offene, ehrliche Debatten geführt werden, um einen Beitrag zum Zusammenhalt der Gesellschaft zu leisten“. Besser und entschlossener könne man ein Blatt nicht machen.


Eben jenes neue „Streit“-Ressort nennt auch di Lorenzo in seinen Dankesworten als Beispiel für eine zentrale Erfahrung seines Berufslebens: „Alles, was bei den Lesern gut läuft, fand zunächst unter hämischer Begleitung der Branche statt.“ Auch das „Streit“-Ressort komme bei etlichen Pressekollegen nicht gut an, zumindest bei Twitter. „Hört nicht so sehr auf Journalisten, dann wird alles gut“, ruft der Zeit-Chef nicht nur ironisch ins Publikum, mit dem Appell, auch manche „unzumutbare“ Meinungen nicht aus Bequemlichkeit abzukanzeln oder zu ignorieren, sondern diese im Diskurs als Gelegenheit zu nutzen, die eigene Meinung zu schärfen.

Punkten mit Zeit Verbrechen: Sabine Rückert und Andreas Sentker
© Vera Tammen für Die Zeit
Punkten mit Zeit Verbrechen: Sabine Rückert und Andreas Sentker
Zweite Gold-Gewinner aus dem Zeit-Verlag sind di Lorenzos Stellvertreterin Sabine Rückert und Andreas Sentker, Leiter des Wissensressorts – für ihren Kriminalfälle-Podcast „Zeit Verbrechen“. Der Podcast-Preis wird zum ersten Mal verliehen. „Tiefsinnig ausgeleuchtet, immer spannend und fundiert“, so die Jury zum Sieger – „ein Faszinosum gesellschaftlicher Realitäten und Abgründe“. Spannung(en) dann auch auf der Bühne, als sich Rückert beim gewohnt distanziert-ironischen Conférencier Michel Abdollahi über die ihrer Ansicht nach „muffelige Anmoderation“ mokiert. Und der? Gratuliert ihr „von Herzen“ zum Preis.


Zuvor hatte Abdollahi kokettiert, die Moderation der Lead Awards sei sein „am schlechtesten bezahlter Job“ – er komme jedoch aus Überzeugung gerne. Das gilt an diesem Abend wohl auch für die geschätzt 250 Besucher, die vor und während der Verleihung über zweieinhalb Stunden lang nicht einmal Wasser zu trinken erhielten. Unter diesen Umständen hätten die fünf Lese-Performances von Schauspielern zu Relotius, Greta Thunberg, Ibiza/Strache, zu suggestiven Frage-Überschriften und – unter allseitigem Geschmunzel – Franz Josef Wagners Bild-Kolumnen kaum weniger eindrücklich gewirkt, wenn sie etwas kürzer geraten wären.

Denn immerhin gab es acht Kategorien zu prämieren. Der Vollständigkeit halber: Die Medaillen Nummer Drei und Vier für den Zeit-Verlag gehen an die Chefredakteure Christoph Amend (Zeitmagazin) und Jochen Wegner (Zeit Online) für ihren Podcast „Alles gesagt?“ (Silber in der Disziplin Podcast) sowie an Andreas Lebert (Zeit Wissen) mit Bronze in der Kategorie Magazin Debatte. Alle 25 Medaillengewinner-Medien, die Auszeichnungen und alle Macher sind hier nachzulesen. Bereits zuvor hatte HORIZONT ausführlich über alle Nominierungen in Print, die Hintergründe zu den Lead Awards 2019 samt Interview mit Markus Peichl (alles hier) sowie über die Digital-Kandidaten (hier) berichtet.

Sinja Schütte gewinnt Gold
© Nele Martensen
Sinja Schütte gewinnt Gold
Der zweite Abräumer 2019 ist Gruner + Jahr: Alle drei Medaillen in der Kategorie Magazin Lifestyle gehen an Chefredakteure am Hamburger Baumwall. Gold gibt es für Sinja Schütte (Flow, Living at Home, Hygge, Holly). Sie mache Magazine für ein Lebensgefühl, urteilt die Jury. Mit großer Intuition und „perfektem blattmacherischen Handwerk“ habe sie das Genre der Mindstyle-Magazine in Deutschland durchgesetzt und Print einen neuen Markt geöffnet. Als „Liebeserklärung ans Papier“ wertet Schütte ihr Tun. Über Silber und Bronze freuen sich Jan Spielhagen (unter anderem Beef, Essen & Trinken) und Markus Wolff (etwa Geo Saison).

Sabine Ingwersen
© Bauer Media Group
Sabine Ingwersen
Gold in der Kategorie Magazin Popular gewinnt Sabine Ingwersen, Chefredakteurin der Bauer-Frauentitel Tina, Bella, Laura, Alles für die Frau und Meins. Sie habe die Hefte „nicht bloß renoviert, sondern mit Konsequenz ins Heute geführt“, meint die Jury. Ingwersen zeige, dass vertriebsgetriebene Massentitel und ein modernes Frauenbild mit Themen wie sozialem Engagement, Ökobewusstsein und Gleichberechtigung kein Widerspruch sein müssten, sondern einander bedingten. „Damit erreicht sie mit relevanten Themen ein Publikum, das andere oft nicht erreichen und hat eine wichtige Brückenfunktion in einer sich spaltenden Gesellschaft“, lautet die Jurybegründung. Vom früheren Bild-Chef Kai Diekmann habe sie gelernt, den Menschen vor Ort genau zuzuhören, sagt Ingwersen bei ihren Dankesworten.

Lars Haider
© Andreas Laible
Lars Haider
Der Gold-Sieger in der Kategorie Zeitung Regional heißt Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts. Er mache „die vielseitigste, umfassendste und zeitgemäßeste Regionalzeitung Deutschlands“, sagt die Jury – mit opulenten Stories, investigativen Dossiers und originellen Aufmachern. Zudem erfinde er „wie kein anderer laufend neue“ Rubriken, Serien, Beilagen und Spezials. „Es war ein tolles Jahr für das Hamburger Abendblatt“, sagt Haider auf der Bühne, „wir haben die Krise ein Stück weit hinter uns gelassen“.

Michael Ebert
© Julian Baumann
Michael Ebert
In der Kategorie Magazin Debatte geht der Lead Award in Gold an Michael Ebert und Timm Klotzek, die Chefredakteure des SZ-Magazins. „2019 haben sie mit ebenso investigativen wie umsichtigen Berichten über gesellschaftliche Problemfelder wie Rassismus, Nationalismus, Altersarmut, Wohnungsnot, aber auch Pädophilie auf vorbildliche Weise Akzente gesetzt“, so die Jury. Besonders beeindruckend sei das „konsequente, einfühlsame Storytelling, mit dem Geschichten oft an Einzelschicksalen erzählt werden, ohne in Kitsch oder Parthos abzurutschen“. So werde Relevanz und Wirkung auch mit leisen Tönen erzeugt.

Nicht völlig unerwartet geht die Gold-Medaille in der Disziplin Magazin Independent, nach dem Event-Sponsor auch „Porsche Award“ betitelt, an Oliver Wurm, Herausgeber unter anderem vom „Grundgesetz als Magazin“. Wurm, „aus der deutschen Indie-Szene nicht mehr wegzudenken“, habe mit dem allseits gelobten Grundgesetz-Heft „einen echten Scoop gelandet“, der publizistisch für Aufsehen gesorgt und sich zum Bestseller entwickelt habe.

Über einen Lead Award in Gold in der Kategorie Webmagazin können sich Matze Hielscher und Pierre Türkowsky freuen, die Chefredakteure des Online-Stadtmagazins Mit Vergnügen, dem laut Jury „smartesten, originellsten, verlässlichsten und sympathischsten Navigator“ durch vier deutsche Großstädte. rp
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