Journalismus im Stresstest

"Das Dialogische muss zurück in die Redaktionen"

Beim VDZ Publishers' Summit wurde über die Zukunft des Journalismus diskutiert - unter anderem mit dpa-Chefredakteur Sven Gösmann (mit Blick nach vorn)
© VDZ
Beim VDZ Publishers' Summit wurde über die Zukunft des Journalismus diskutiert - unter anderem mit dpa-Chefredakteur Sven Gösmann (mit Blick nach vorn)
Was sind die drängendsten Herausforderungen für die (politischen) Redaktionen? Darüber gab es keinen Konsens auf dem Journalismus-Panel des VDZ Publishers' Summit. Egal, denn in Zeiten wie diesen scheint es allein schon wichtig, dass ein paar Fragen gestellt werden.
Junge Zielgruppen, die in nicht-verlagseigene Digitalkanäle abwandern und eine handfeste Debatte über Medienvertrauen und Meinungsfreiheit auslösen – die Bedingungen für Journalismus sind auch nicht mehr das, was sie früher mal waren. Von immer knapperen Budgets und einem immer hektischeren Fluss an News und Schein-News ganz zu schweigen. "Der Geduldsfaden unserer Kunden ist kürzer geworden. Damit geben die Verlage den Druck, den sie von ihren Lesern verspüren, indirekt an uns weiter", sagt dpa-Chefredakteur Sven Gösmann. Manche Probleme seien aber hausgemacht, deutet Focus-Kolumnist Jan Fleischhauer an. Er, der jetzt über 30 Jahre im "Politik-Beobachtungsgeschäft" tätig sei, frage sich seit jeher, ob die Themen, die in den Redaktionskonferenzen als relevant und interessant identifiziert würden, dies tatsächlich auch für die Leser seien. "Oder betreiben viele Redaktionen eher einen Peer-Group-Journalismus für ihresgleichen?", fragt und bejaht Fleischhauer. Heftiger Widerspruch unter anderem von Marion Horn, der Chefredakteurin von "Bild am Sonntag". An dieser Stelle zitiert Fleischhauer besorgt aktuelle Studien, wonach die Mehrzahl der Deutschen meine, mit Äußerungen zu bestimmten Themen vorsichtig sein zu müssen – vielleicht unter anderem deshalb, weil die breit veröffentlichte Meinung eine andere sei.


"Es gibt so etwas wie einen Mainstream-Journalismus, eine Art Großstadt-Journalismus", gemacht von Köpfen aus ähnlichen Milieus, sieht Gösmann hier eher eine "Ideenkrise". "Das Dialogische muss zurück, wir müssen andere Sichtweisen in die Redaktionen lassen", so der dpa-Chef. Und: "Es sollte uns betrüben, dass Leute wie Roland Tichy ihre Weltsicht nun außerhalb der etablierten Medienhäuser publizieren." Jörg Quoos hingegen, Chefredakteur der Funke-Zentralredaktion, sieht diese Diskussion "ein Stück weit als Nabelschau". Zumal vor allem die regionalen Tageszeitungen sehr nah dran seien an ihren Zielgruppen.
„Junge Leute verstehen die Welt über Youtube. Wo stehen wir Verlage hier? Hier müssen wir uns etwas überlegen.“
Jörg Quoos
Außerdem hält er ein anderes Thema für dringlicher: "Junge Leute verstehen die Welt über Youtube. Wo stehen wir Verlage hier? Hier müssen wir uns etwas überlegen", sagt Quoos. Allerdings dürften sich die Medienhäuser und Redaktionen angesichts der Vielzahl der digitalen Kanäle nicht verzetteln. Qualität und Sorgfalt dürften nicht leiden – "und wir dürfen niemals den Kern unseres Geschäfts vergessen", so Quoos.

BamS-Chefin Horn derweil sieht nicht, dass junge Leute den etablierten Medien weniger glauben – sie informierten sich allerdings "sehr versiert auf den digitalen Plattformen". Und nach innen gerichtet: "Wir Medienmenschen müssen Führung ernster nehmen." Horn plädiert dafür, etwa bei Redaktionssitzungen nicht nur die "Häuptlinge" und üblichen Polit-Platzhirsche zu Wort kommen zu lassen, sondern auch jüngere und digitalerfahrene Kollegen – und sie generell ernster zu nehmen. Das würden dann auch (jüngere) Leser merken. rp
stats