Andreas Wolfers über Journalismus & Identitätspolitik

"Moralische Ansagen? Puh! Bitte nicht"

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Andreas Wolfers
© Maria Rohweder
Andreas Wolfers
Diskriminierung ist das Thema der Stunde: in der Gesellschaft, in den Medien, in der Werbung. Dahinter verbirgt sich auch ein Generationenkonflikt, bei dem Identität eine besondere Rolle spielt. Wie verändern die Forderungen der Jüngeren Debatten, das Verständnis für- und untereinander? Darüber sprach HORIZONT mit Andreas Wolfers, ehemals Leiter der Hamburger Nannen-Schule.
Zwölf Jahre lang leiteten Sie die Nannen-Schule und bereiteten junge Menschen auf ihren Berufsweg vor. Haben Sie sich in jüngster Zeit gefragt, welche Fehler Sie gemacht haben?
Ich habe bestimmt Fehler gemacht. Etwa bei dem Versuch, unsere Ausbildung auf den immer schnelleren Medienwandel abzustimmen und zugleich Grundsätze unseres Handwerks beizubehalten. Aber ich denke, Ihre Frage zielt in eine andere Richtung: ob wir es geschafft haben, bei der Auswahl der Schüler*innen die Vielfalt unserer Gesellschaft abzubilden.

Jetzt fangen Sie auch schon an mit Gendersternchen ... Wie lautet Ihre Antwort?
Wir haben es nicht hinbekommen. Obwohl wir allerhand versucht haben. Wir haben zum Beispiel diskutiert, Quoten einzuführen.

Für Frauen? Ostdeutsche? Schwarze? Oder solche ohne Studienabschluss, aber mit Migrationshintergrund?
Soweit ich das sehe, entspricht der Frauenanteil an Journalistenschulen seit Jahren dem gesellschaftlichen Anteil. Für andere Kategorien gilt das nicht. Um den Anteil von Schüler*innen aus Einwanderfamilien zu erhöhen, gibt es schon ein paar Stellschrauben, etwa den Wissenstest so zu verändern, dass er nicht nur die Themenwelten des deutschen Bildungsbürgertums abfragt. Aber selbst mit Quote würden ein paar grundsätzliche Probleme bleiben.
Zur Person
Von 2007 bis Ende 2019 leitete Andreas Wolfers die 1979 von Wolf Schneider gegründete Nannen-Schule in Hamburg. Er selbst wählte als Einstieg in den Journalismus ein Volontariat bei seiner früheren Heimatzeitung Flensburger Tageblatt und studierte danach Geschichte und Politik. Von 1983 bis 1985 berichtete der heute 61-Jährige als Korrespondent für mehrere deutsche Tageszeitungen aus Jerusalem. Bevor er die Leitung der Nannen-Schule übernahm, arbeitete er für Gruner + Jahr zunächst als freier Reporter, später als Redakteur bei Geo sowie als Textchef und geschäftsführender Redakteur beim Stern. Träger der Nannen-Schule sind neben Gruner + Jahr der Zeit- und der Spiegel-Verlag. Seit 2009 ist Wolfers Sprecher der Nannen-Preis-Jury.
Den Berufswunsch Journalismus muss man sich leisten können. Schlecht bezahlte Praktika und die Ausbildung an einer Journalistenschule sind ohne finanzielle Unterstützung durch die Eltern kaum möglich. Hinzu kommt der Ruf des Journalismus als beruflich unsichere Angelegenheit. Und schließlich fühlen sich Deutsche mit Migrationsgeschichte oft von uns ausgeschlossen – wenn etwa, wie kürzlich geschehen, eine Zeitung ein wohlmeinendes Dossier mit der Headline versieht "Warum wissen wir so wenig über den Islam?" Kurzum: Wir sind nicht sonderlich attraktiv für den Nachwuchs aus jenen gesellschaftlichen Gruppen, die in unserem Beruf unterrepräsentiert sind.

Wie sieht es mit der politischen Diversität aus?
Die Nannen-Schule hat zwar auch einen Jan Fleischhauer und Nikolaus Blome hervorgebracht, aber das sind rechte Raritäten in unserer Absolventengalerie.
„Wenn nur noch Betroffene sich äußern dürften, wäre es das Ende von kritischem Journalismus.“
Andreas Wolfers


Identitätspolitik ist für viele junge Journalisten ein großes Thema.

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