Interview

ZDF-Chefredakteur Peter Frey: Rundfunk hat sich in Krisen bewährt

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ZDF-Chefredakteur Peter Frey
© ZDF / Laurence Chaperon
ZDF-Chefredakteur Peter Frey
Rundfunkbeitrag, Intendantengehälter, Programmumfang: Seit der Krise beim ARD-Sender Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) um Vetternwirtschaftsvorwürfe mehren sich die Stimmen in der Politik nach mehr Reform im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der in anderen europäischen Ländern auch unter Druck steht. ZDF-Chefredakteur Peter Frey verteidigt im Interview der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem letzten Arbeitstag vor der Rente das deutsche Rundfunksystem.
Die ARD steht derzeit stark in der Kritik – ausgelöst durch die Filz- und Protzvorwürfe gegen die fristlos entlassene RBB-Intendantin Patricia Schlesinger. Um das ZDF ist es bislang vergleichsweise ruhig geblieben. Sind Sie gerade besonders froh, dass Sie beim ZDF und nicht bei der ARD arbeiten? 
Nein, es macht mich eher traurig, weil jetzt überdeckt wird, was dieses System für unser Land leistet und geleistet hat - gerade in der Corona-Zeit. Wir sind für die Menschen eine sehr verlässliche Quelle für Information. Ich hoffe, dass das nicht untergeht. 

Nicht nur beim RBB gibt es Vorwürfe, auch beim NDR stehen Funkhaus- und redaktionelle Verantwortliche aus unterschiedlichen Gründen in der Kritik. Politiker – nicht nur von AfD, auch von Union und FDP - laufen sich unter diesem Eindruck gerade warm. Forderungen reichen von Einfrieren des Rundfunkbeitrags über niedrigere Intendantengehälter bis hin zu Verkleinerung des Programmumfangs. Was passiert gerade im politischen Raum? 
Das öffentlich-rechtliche System ist jedenfalls insgesamt zu wertvoll, als dass wir hier zum kollektiven Buhmann gemacht werden. Ich schaue jetzt mal bewusst 30 Jahre zurück: Nach der deutschen Einheit waren zum Beispiel die Fernsehanstalten ganz wichtige Faktoren, dass dieses Einheitsgefühl überhaupt entstehen konnte. Und zwar sowohl auf der Ebene der Länder, die dann durch neue Programme durch die ARD versorgt worden sind. Aber eben auch durch das nationale Programm des ZDF, das überall im Osten Studios eingerichtet hat. 

Und so kann man das auch in anderen Krisen buchstabieren, in denen wir uns bewährt haben. Ich erinnere nur an das große Publikumsinteresse an unseren Sendungen in den ersten Jahren der Pandemie. Es gibt Stimmungen, die im Moment für uns schwierig sind. Es gibt aber auch Abstimmungen, die die Zuschauer jeden Abend mit ihrer Fernbedienung machen. Und sie gehen für "heute" und "heute journal", für "Tagesschau" und "Tagesthemen" aus. Ich glaube nicht, dass unser Land besser dastünde, wenn es das nicht gäbe. 

Vertreter der Union als Opposition im Bund, darunter CDU-Parteichef Friedrich Merz, stoßen sich auch am Gendern in den Programmen von ARD und ZDF... 
Was uns unterstellt wird, nämlich dass wir in erzieherischer Absicht auf das Publikum einwirken, entspricht überhaupt nicht der Wirklichkeit. Der Prozess war so, dass - wie wahrscheinlich überall in dieser Republik - junge Leute ihre Sprachgewohnheiten in die Institutionen reinbringen. So war ich damit konfrontiert, dass vor allem jüngere Frauen nach der Uni selbstverständlich ihre Sprechweise hier eingebracht haben. Aber es geht ja nicht nur um eine sprachliche Diskussion, sondern um die Frage der Repräsentanz von Frauen in der Öffentlichkeit. Dies sich bewusst zu machen, schadet nicht. Dass der Genderstern das Ende der Diskussion ist, glaube ich allerdings nicht. Ich fühle mich damit auch nicht wohl. Aber sollte ich das verbieten? Nein. Sprache ist etwas, was sich verändert, was lebt. Ich glaube, dass wir am Ende Formen finden, mit denen sich alle repräsentiert fühlen. Das ist ein Prozess, der Jahre dauert. 
Zur Person
Peter Frey ist seit Jahrzehnten für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk tätig - von 2010 bis Ende September 2022 als Chefredakteur an der redaktionellen Spitze des ZDF mit Sitz in Mainz. Davor leitete er unter anderem das ZDF-Hauptstadtstudio und arbeitete auch im Senderstudio in Washington. Zuschauern ist Frey bekannt durch seine Moderationen von Wahlsendungen, Sommerinterviews und der Politiker-Interviewreihe "Was nun?" mit seiner Nachfolgerin Bettina Schausten. Er ist auch Mitinitiator des Formats "ZDF-Morgenmagazin" gewesen. Der 65-Jährige Katholik, in Bingen am Rhein geboren, ist verheiratet und hat eine Tochter.
Ein Blick auf die Live-Berichterstattung Ihres Senders. Sind Sie mit der Strategie des ZDF, bei aktuellen größeren Geschehnissen viele Programmangebote ins Netz zu ZDFheute zu verlagern, zufrieden? 
Ja, ich bin zufrieden. Aber insgesamt ist es noch zu wenig, was wir dort zeigen können, weil uns einfach die Manpower dafür fehlt. Vor allem, weil das Netz ja der Kampfplatz der Beeinflussung für Kräfte geworden ist, die unsere Demokratie zerstören wollen. Und dem muss man etwas entgegensetzen. 

Sie gehen Ende des Monats als ZDF-Chefredakteur in Rente. Was werden Sie ab Oktober machen? 
Erst einmal verschnaufen und vieles einfach mal Revue passieren lassen. Ich habe alle meine Kalender aufgehoben, die werde ich durchgucken und rekapitulieren, wo ich überall war und wen ich getroffen habe. Übrigens nicht mit dem Ziel, daraus ein Buch zu machen. Was dann kommt, das werden wir mal sehen. Ich würde mich gerne weiter mit Journalismus beschäftigen, vielleicht als Dozent an einer Universität. Da gibt es auch schon ein paar Gespräche. Ich würde gerne etwas an einer osteuropäischen Universität machen. 

Was werden Sie sich im Fernsehen anschauen? 
In Zukunft werde ich mir mehr internationales Programm, also mehr BBC World und fremdsprachige Programme, Arte und alle Arten von Dokumentationen angucken. Und eines bleibt: 21.45 Uhr, meine "Nullzeit" fürs "heute journal".
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