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Wie HORIZONT künftig gendern wird

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Gendersprache ist auch für HORIZONT ein Thema
© IMAGO / Christian Ohde
Gendersprache ist auch für HORIZONT ein Thema
Gendersternchen und Doppelpunkt spalten die Nutzer von Medien. Beziehungsweise die Nutzerinnen und Nutzer. Oder die Nutzer:innen. Vielleicht auch die Leserschaft. Vor allem auf den digitalen Plattformen gilt für immer mehr Redaktionen: Gendern ist Pflicht. Wer sich um eine gendersensible Sprache bemüht, erntet Anerkennung – und zugleich lauten Protest. Wie also umgehen mit diesem polarisierenden Thema?

Die HORIZONT-Redaktion hat sich gemeinsam mit ihren Schwester-(Bruder?)Titeln in der dfv Mediengruppe dazu entschieden, vor einer eigenen Entscheidung unser Publikum zu befragen, also Sie: Sollen wir? Oder sollen wir’s lassen? Und wenn ja, wie? Schließlich geht es um Sie, um Ihr Leseerlebnis. Und unser Journalismus, so haben wir es erst kürzlich in sieben Publizistischen Grundsätzen festgelegt, ist keine Einbahnstraße, sondern Kommunikation auf Augenhöhe. Wir trauen uns ein Urteil über Ihr Business zu. Und wir nehmen Ihr Urteil über unsere Arbeit ernst.


Also auf in die Debatte! Unsere Tochtergesellschaft Business Target Group (BTG) hat unter Leitung der Marktforscherin Mareike Wisniewski eine repräsentative Online-Befragung unter den Nutzerinnen und Nutzern der dfv-Titel durchgeführt.
Über die Studie:

Die Business Target Group (BTG) hat im Zeitraum 12. November bis 8. Dezember 2021 eine repräsentative Online-Befragung unter den Nutzern und Nutzerinnen zahlreicher Titel der dfv Mediengruppe durchgeführt. Insgesamt nahmen 2162 Personen teil, davon 567 aus der HORIZONT-Community.

Die wichtigsten Ergebnisse: Mehr als zwei Drittel der (überwiegend) Führungskräfte, die wir in unterschiedlichen Branchen befragt haben, finden, dass sie Wichtigeres zu tun haben als sich mit gendergerechter Sprache auseinanderzusetzen. Zu ähnlichen Ergebnissen waren in der Vergangenheit auch Studien gekommen, die für die gesamte Bevölkerung repräsentativ sind, etwa von Allensbach oder der Forschungsgruppe Wahlen. Aber ein knappes Drittel unserer Zielgruppen ist anderer Ansicht: Die Auseinandersetzung mit diesem Thema sei wichtig oder sogar sehr wichtig. Eine Minderheit, aber keine Randgruppe. Etwa so groß wie der Anteil jener Partei, die nach der jüngsten Bundestagswahl den Kanzler stellt.

Soweit ein zentrales Ergebnis der Studie über die ganze Breite der etwa 100 dfv-Titel hinweg. Unterschiedliche Zielgruppen haben allerdings unterschiedliche Prioritäten: Die HORIZONT-Community tickt anders als die der Lebensmittel Zeitung oder der TextilWirtschaft, das Fashion-Business wiederum anders als die Hotel- und Gastronomiebranche.
„Für Menschen, die im Marketing, in Agenturen oder in den Medien aktiv sind, ist die Genderfrage eindeutig wichtiger als in anderen Branchen. “
Uwe Vorkötter, Herausgeber HORIZONT
Deshalb jetzt der Fokus auf das HORIZONT-Publikum: Für Menschen, die im Marketing, in Agenturen oder in den Medien aktiv sind, ist die Genderfrage eindeutig wichtiger als in anderen Branchen. 42 Prozent der Befragten nehmen das Thema wichtig oder sehr wichtig – auch hier nicht die Mehrheit, aber eine bemerkenswert große Minderheit.

Und nun? 58 zu 42, die Sache ist entschieden? Das wäre zu einfach. Unsere Zeitung, die Website, unsere Newsletter, unsere Social-Media-Inhalte produzieren wir sowohl für die Mehrheit der 58 Prozent als auch für die (mutmaßlich wachsende) Minderheit der 42 Prozent. Kann es bei diesem hoch emotionalen Thema Kompromisse geben? Also journalistische Formen, die all den Frauen gerecht werden, die nicht mehr nur mitgemeint, sondern auch mitgenannt sein wollen? Und geht das, ohne dass sich die Mehrheit der Gender-Skeptiker (Skeptikerinnen gibt es auch) aus dem Dialog ausgeschlossen fühlen?
So bewerten die HORIZONT-Leserinnen und -Leser das Thema gendersensible Sprache
© Business Target Group
So bewerten die HORIZONT-Leserinnen und -Leser das Thema gendersensible Sprache
Wir haben weitergefragt: Wie könnte denn eine gendersensible Sprache beschaffen sein, die den Konsens sucht? Vier Varianten haben wir in unserer Befragung in einem kurzen Text zur Auswahl gestellt:

1. Das traditionelle generische Maskulinum. Beispiel: Wir schreiben und sprechen von Entscheidern. Entscheiderinnen sollen sich selbstverständlich auch angesprochen fühlen.

2. Wir nennen systematisch beide Geschlechter: Also schreiben und sprechen wir von Entscheidern und Entscheiderinnen, gern auch in umgekehrter Reihenfolge.

3. Wir vermeiden geschlechtsspezifische Begriffe, wo es geht und verwenden stattdessen geschlechtsneutrale Formulierungen: statt Entscheiderinnen und Entscheidern verwenden wir z.B. den Begriff Führungskräfte.

4. Wir gendern mit dem Doppelpunkt - Entscheider:innen. Das ist das sichtbarste Zeichen der gendergerechten Sprache. Es könnte auch ein Sternchen oder das Binnen-I sein, aber aus Gründen der Übersichtlichkeit haben wir uns auf eine dieser Schreibweisen konzentriert.

Das Ergebnis der Befragung entspricht auf den ersten Blick den Erwartungen. Zunächst die Mehrheit der Gender-Skeptiker: Sie würden am liebsten am traditionellen generischen Maskulinum festhalten – kein Wunder. Interessant ist aber, dass als Alternative in dieser Gruppe die geschlechtsneutrale Formulierung („Führungskräfte“) auf Zustimmung stößt, und zwar in allen Kategorien die wir abgefragt haben: Lesbarkeit/Verständnis des Textes, Lesefluss und Ästhetik. Die Nennung beider Geschlechter landete – ebenfalls in allen Kategorien – auf dem dritten Platz, der Doppelpunkt abgeschlagen am Schluss. Anders fällt – auch das erwartungsgemäß – das Bild bei denen aus, die gendersensible Sprache prinzipiell befürworten. Aber Achtung: Der Doppelpunkt ist in dieser Gruppe keineswegs die favorisierte Lösung, sondern (wiederum in allen Kategorien) die geschlechtsneutrale Formulierung. Erst auf Platz zwei folgt der Doppelpunkt, das generische Maskulinum und die regelmäßige Nennung beider Geschlechter rangieren auf den letzten Plätzen.

Das Bemühen um geschlechtsneutrale Formulierungen steht also bei den Gender-Befürwortern auf Platz eins, bei den Kritikern immerhin auf Platz zwei. Für unsere praktische journalistische Arbeit nehmen wir das als wichtigen Hinweis: Studierende statt Studenten sind inzwischen zum sprachlichen Standard geworden, an Mitarbeitende statt Mitarbeiter können sich womöglich auch Sprachästheten gewöhnen, Beschäftigte können Arbeitnehmer (und Arbeitnehmerinnen) ersetzen, Führungskräfte, Menschen und Leute sind Begriffe, die niemanden ausschließen und den Lesefluss nicht stören.

Der Doppelpunkt dagegen ist für die Gender-Skeptiker offenkundig eine Provokation, sie lehnen diese Form ähnlich vehement ab wie die Befürworter des Genderns das generische Maskulinum. Wenn es also Kompromisslösungen gibt, dann offenbar am ehesten durch geschlechtsneutrale Formulierungen (siehe oben) und eigentlich auch durch die regelmäßige Nennung beider Geschlechter, also zum Beispiel Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – eine Form, die bei unserer Befragung überraschend schlecht abgeschnitten hat. Vielleicht liegt das daran, dass jede sprachliche Figur die Menschen nervt, wenn sie zur Marotte wird? Sie kennen das aus den TV-Nachrichten: Die Ärztinnen und Ärzte können den Patientinnen und Patienten jetzt das Medikament verabreichen, dessen Freigabe Virologinnen und Virologen den Politikerinnen und Politikern empfohlen haben ...
„Wir bemühen uns um eine gendersensible Sprache, die niemanden ausschließt, weder Frauen noch Männer, weder Minderheit noch Mehrheit.“
Uwe Vorkötter, Herausgeber HORIZONT
Fazit der HORIZONT-Redaktion: Wir bemühen uns um eine gendersensible Sprache, die niemanden ausschließt, weder Frauen noch Männer, weder Minderheit noch Mehrheit. Deshalb vermeiden wir nach Möglichkeit das generische Maskulinum. Andererseits verzichten wir darauf, den Doppelpunkt zum Standard unserer Sprache zu machen. Stattdessen verwenden wir geschlechtsneutrale Formulierungen, wo sie zur Verfügung stehen. Und wir nennen beide Geschlechter, allerdings nicht so häufig, dass der Text dadurch schwer lesbar wird.

Keine Regel allerdings ohne Ausnahme. Etwa in unseren Schlagzeilen, die sollen kurz und prägnant sein; leider sind gendersensible Formulierungen fast immer länger, manchmal zu lang. In unseren Social-Media-Accounts dagegen kann auch der Doppelpunkt Gender-Sensibilität ausdrücken – wenn wir uns im Umfeldern bewegen, in denen dieser Standard bereits etabliert ist.

Lesen ist Arbeit. Für die Augen und fürs Gehirn. Eine Arbeit, die eine Menge Spaß machen und das Leben bereichern kann. Oder die anstrengend und nervig sein kann. Deshalb bemühen wir uns um eine Sprache, die es Ihnen, unseren Lesern, Leserinnen, Leser:innen, also unserem Publikum, unserer Audience (falls Sie auf Anglizismen stehen) so leicht wie möglich macht. uv

  1. Andrea Treffenstädt
    Erstellt 12. Januar 2022 08:47 | Permanent-Link

    Find ich gut. Und vielleicht verwenden Sie in Ihren Schlagzeilen dann einfach abwechselnd das generische Maskulinum und das generische Femininum. :-)

  2. Bernd Klotz
    Erstellt 12. Januar 2022 13:32 | Permanent-Link

    Liebe Horizont, ein pragmatischer Kompromiss, der gesellschaftliche Entwicklungen aufgreift, ohne dafür unsere Sprache mit Doppelpunkt oder Sternchen zu verunstalten. Sehr gut!

  3. Laura Jil Beyer
    Erstellt 12. Januar 2022 17:08 | Permanent-Link

    Leider schrammt diese Zusammenfassung/Schlussfolgerung hart an der aktuellen Debatte vorbei. Die Interpretation der Umfrageergebnisse geht von einem binären System aus, das nur Frauen und Männer kennt. Geschlechtsneutrale Formulierungen sowie Schreibungen mit Doppelpunkt beziehen agender und nicht-binäre Personen mit ein. Und das ist, neben Lesbarkeit und Accessability (Sprachcomputer können einen Doppelpunkt interpretieren, den Asterisk nicht immer), ihr Main Appeal. Aus genau diesem Grund wird die Variante, weibliche und männliche Formen zu nennen, immer der denkbar schlechteste Kompromiss bleiben: Den Verfechter:innen des generischen Maskulinums geht sie bereits zu weit, und Menschen, die sich mit Diskursen rund um gendersensible Sprache auseinandersetzen, sehen darin keine nachhaltige Verbesserung. Im schlechtesten Fall dient die Doppelnennung perspektivisch nur einem: der Verfestigung althergebrachter Strukturen und Hierarchien.

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