"Hypothese für Zahlungsbereitschaft"

So startet der Stern (und überhaupt G+J) mit digitalem Paid-Journalismus

Carina Laudage, Geschäftsführerin G+J Digital Media, läuft sich warm für Paid Content beim Stern
© Jenny Jacoby / G+J
Carina Laudage, Geschäftsführerin G+J Digital Media, läuft sich warm für Paid Content beim Stern
Geld her: Bisher hat Gruner + Jahr auf Paid Content für journalistische Digitalinhalte verzichtet, auch und gerade bei seiner wichtigsten Pressemarke Stern. Das ändert sich jetzt. Den Anfang macht der Ableger Stern Crime – aus ganz bestimmten Gründen. Und noch in diesem Jahr soll die Hauptmarke folgen.

Mit Stern Crime Plus startet G+J in dieser Woche sein erstes kostenpflichtiges Abo-Modell für digitalen Journalismus. Schon jetzt gibt es neben dem zweimonatlichen Magazin mit Rekonstruktionen wahrer Verbrechen (Jahres-Abo 34,80 Euro, also 5,80 Euro pro Heft) etwa Events, Podcasts und multimediale Inhalte – bisher kostenlos. Nun kommt einiges hinzu: Audio- und Videoaufnahmen von Opfern, Tätern und Ermittlern, Interviews und Interaktion mit den Reportern, mehr lange Lesestücke als im Heft sowie von Profi-Sprechern eingelesene Geschichten.



Bisherige und neue Digitalangebote kosten im Paket monatlich 5,99 Euro. Abonnenten erhalten zudem Rabatte für Events, etwa Lesungen und Stadtführungen an die Schauplätze von Verbrechen. Daneben gibt es ein Kombi-Abo inklusive Printmagazin für 7,49 Euro pro Monat. Hierbei bepreist der Verlag das Heft demnach indirekt lediglich mit 3 Euro.

Bisher hat G+J lediglich auf bezahlte Services gesetzt, etwa für Apps für Diäten (Hirschhausen) und Meditation (Balloon) oder für die Mitgliedschaft bei der Rezepte-Community Chefkoch. „Wir machen damit sicher mehr Umsatz als andere mit digitalem Bezahl-Journalismus“, sagte G+J-Digitalchef Arne Wolter vor ein paar Wochen im HORIZONT-Interview. Ansonsten und vor allem bei seiner wichtigsten journalistischen Marke Stern hat der Verlag auf Paid Content verzichtet; alle Sites sollten zunächst durch werbefinanzierte Reichweite profitabel werden. Dieses Ziel wurde vor zwei Jahren auch bei Stern.de erreicht. „Jetzt stehen wir vor der nächsten Stufe der Monetarisierung“, so Wolter jüngst. Und kündigte „bei ausgewählten Marken, am wahrscheinlichsten bei unseren News-Angeboten“, Paid-Content-Modelle an.


Nun ist es soweit. „Wir sind mit Paid später dran als andere Verlage“, bekundet auch Stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier – und kündigt an, nach dem „Nischenprodukt“ Stern Crime Plus „ganz bald“ auch beim Haupttitel mit Paid Content („Stern Plus“) zu starten. „Noch dieses Jahr“, präzisiert Carina Laudage, Geschäftsführerin G+J Digital Media, gegenüber HORIZONT Online.

Doch warum eröffnet gerade Stern Crime für G+J und für den Stern das Kapitel Paid Content? Wohl deshalb, weil sich diese Inhalte gut für (multimediale) Zusatz-Features eignen; weil das True-Crime-Magazin eine treue Fangemeinde mitbringt und weil es sich als kleiner Titel gut zum Experimentieren eignet – Anfängerfehler fallen hier beim Trial & Error nicht so sehr ins Gewicht. „Das Produkt, das wir jetzt launchen, ist zunächst eine Hypothese dessen, für welches Angebot Nutzer zahlen“, sagt Laudage. „Auf dieser Grundlage wollen wir lernen und entscheiden dann, wie wir weitermachen.“ Die Erfahrungen sollen in weitere Paid-Angebote des Hauses einfließen. Für den Aufbau der technischen Plattform hinter Stern Crime Plus hat der Verlag im Rahmen der Google Digital News Initiative eine Anschubfinanzierung erhalten.

Das Bezahlangebot Stern Crime Plus ist zunächst werbefrei. „Auch hier werden wir schauen, welches Modell künftig am sinnvollsten ist“, so Laudage. Ein weiterer Aspekt neben Werbe- und Vertriebszielen: Mit Digital-Abos schaffen Verlage zugleich Login-Modelle – die können angesichts des Gegenwinds für Cookies sinnvoll sein, mit Blick auf Privacy-Regulierung. rp

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