HORIZONT RESTART 2021

USA-Experte Josef Braml: "Journalisten sollten mehr mit Taxifahrern sprechen"

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Josef Braml: "Selbst die kritischen Medien sind jedem Twitter-Stöckchen hinterhergesprungen, das Trump warf."
© Josef Braml
Josef Braml: "Selbst die kritischen Medien sind jedem Twitter-Stöckchen hinterhergesprungen, das Trump warf."
Ein versierter Kenner der amerikanischen Politik hat sich als Speaker für das Jahresauftakt-Event HORIZONT RESTART 2021 im Januar angesagt: Josef Braml, USA-Experte und Generalsekretär der Deutschen Gruppe der Trilateralen Kommission, wird über "Die neue Welt im Weißen Haus" sprechen. Im HORIZONT-Interview rechnet er vorab schon mal mit den US-Medien ab.
Herr Braml, ist Donald Trump nun Geschichte? Oder wird er in vier Jahren wieder kandidieren?
Vieles spricht dafür, dass er wieder antritt. Man sieht ja, dass ihm nur drei republikanische Senatoren den Rückzug aus der Politik nahelegen. Die anderen trauen sich nicht. Denn Trump mag die Wahl verloren haben, aber seine Wähler bleiben. Er hat 10 Millionen Stimmen mehr bekommen als 2016. Daher wird die Trump-Show weitergehen, und die „Second Season“ wird schon produziert. Deshalb strickt er auch an der Legende von der „gestohlenen Wahl“: Er will sich einmal mehr als Außenseiter, als Kämpfer gegen das Establishment und gegen den „tiefen Staat“ positionieren. Und wenn er dabei nicht mehr auf Fox News bauen kann, das ihn vorzeitig zum Verlierer in Arizona erklärt hat, dann wird er eben seinen eigenen Fernsehsender gründen.


Haben Sie mit dem Sieg von Joe Biden gerechnet?
Nicht unbedingt, weil ich davon ausgegangen bin, dass seine Umfrageergebnisse im Vorfeld zu positiv waren. So ticken halt die Menschen: Wenn Sie jemanden fragen, ob er im vergangenen Monat Sex hatte, bekommen Sie keine ehrliche Antwort. Noch intimer ist es zu fragen, ob man einen Pussy-Grabscher oder einen Rassisten wählen will. Daher gibt es viele sogenannte „Shy Voters“, eigentlich verschämte Wählerinnen und Wähler, die sich nicht offen zu Trump bekennen. Zudem wollen sich viele seiner Anhänger nicht wahrheitsgemäß gegenüber Medien wie „Washington Post“ oder NBC äußern, die sie nur mit Fake-News verbinden. Diese Effekte konnte man nicht gut einschätzen. Daher habe ich geahnt, dass es zumindest knapp werden würde.

Stichwort Medien: Wie stark haben Fernsehen und Zeitungen in den vergangenen Jahren zu Trumps Erfolg beigetragen?
In allerhöchstem Maße. Er hat sie benutzt. Trump musste im ersten Wahlkampf wenig Geld für Werbung ausgeben, weil die Medien alles für ihn erledigt haben. Nach seiner siebenjährigen Erfahrung mit der Fernseh-Show „The Apprentice“, wusste er, wie man die Menschen trotz ihrer niedrigen Aufmerksamkeitsspanne am Apparat hält und auch, wie der Hase in der Medien-Demokratie läuft. Danach ging die Trump-Show in der Realität weiter: Immer Rambazamba, alle anderen waren langweilig. Die Medien haben, um ihre Einschaltquoten zu erhöhen, ihre volle Aufmerksamkeit ihm geschenkt und gar nicht begriffen, wie sehr er sie instrumentalisiert hat. Als er sie dann nach seinem Wahlsieg nicht mehr brauchte, hat er sie als Fake News beschimpft, als Lügenpresse. Selbst seriöse und kritische Medien wie die „New York Times“ haben zu seinem Aufstieg beigetragen. Die Berichterstattung über Trump war hochnäsig und von oben herab. Damit haben sie es einem Wohlbetuchten ermöglicht, sich als Vertreter all derer zu verkaufen, die sich auch nicht ernst genommen fühlen.


Selbst die kritischen Medien sind also auf Trumps Strategie hereingefallen?
Ja. Sie bezeichnen sich zwar als „Wachhunde der Demokratie“, sind aber jedem Twitter-Stöckchen hinterhergesprungen, das Trump warf. Damit hat Trump sie abgelenkt. Und während dieser Ablenkungsmanöver hat er im Hintergrund den Staat radikal abgebaut – im Sinne der Vermögenden, die nicht wollen, dass es einen regulierenden und besteuernden Staat gibt. So läuft es auch auf Kindergeburtstagen: Der Clown kommt dann ins Spiel, wenn im Hintergrund die Kulissen verschoben werden, weil die Kinder das nicht merken sollen. Daher hatten auch die amerikanischen Medien lange keinen Schimmer, was wirklich passiert. Da war viel Arroganz und Ignoranz im Spiel.

Was hätten Sie den kritischen Medien stattdessen empfohlen?
Sie sollten besser verstehen, welche Probleme es im Land wirklich gibt. Auch die Demokraten leben häufig in ihrer eigenen Blase und sehen die Welt nicht so, wie sie sich für die meisten Menschen darstellt. Ich komme selbst aus einfachen Verhältnissen, war früher Landwirt, und kann das daher besser nachvollziehen. Die Mitglieder der US-Eliten mögen Austauschschüler gewesen sein und in Harvard studiert haben – aber was bekommt man dort wirklich mit von den Problemen, mit denen die meisten ihrer weniger betuchten Landsleute zu kämpfen haben? Auch Journalisten täten gut daran, im Taxi mal das Smartphone auszuschalten und sich mit dem Fahrer zu unterhalten. Egal wo ich hinkomme, frage ich den Taxifahrer – dann weiß ich, was wirklich los ist. Das gilt auch für Twitter und die sozialen Medien: Das sind keine News, das ist Zeitverschwendung in Blasen von Gleichgesinnten.
„Biden ist nicht unterhaltsam. Es kann nur interessant werden, wenn er mal wieder den Namen seiner Frau vergisst.“
Josef Braml
Viele gehen davon aus, dass der Trumpismus als Politik- und Kommunikationsstil mit Trumps Abwahl nicht verschwinden wird. Kann Biden die Entwicklung rückgängig machen?
Der Stil wird sich schon ändern. Für die Medien bedeutet das: Es wird sehr viel langweiliger werden, das Spektakel ist beendet.

Werden sich die deutschen Beziehungen zu den USA nun grundsätzlich verbessern?
Man muss betonen, dass auch die Regierung Barack Obama schon viel Druck gemacht hat – das wird oft vergessen. Auch Obama hat schon gefordert, unseren Beitrag zum NATO-Budget endlich auf 2 Prozent des BIP, also unserer Wirtschaftsleistung, anzuheben und etwas gegen den Exportüberschuss zu tun. Und auch bei den Auseinandersetzungen um die Sanktionen gegen Russland gab es schon verbale Ausfälle: Obamas Chefberaterin Susan Rice ließ in einem Gespräch mit Angela Merkels Berater Christoph Heusgen sogar das Wort „Motherfucker“ fallen. Sie war dann erst einmal Persona non grata. Das Ganze wurde aber nicht wie später in der Trump-Ära auf offener Bühne ausgetragen, sondern in Hinterzimmern ausgefochtenDie Interessenkonflikte werden bleiben, aber der öffentliche Ton wird nun im Vergleich zu Trump sehr viel verbindlicher, diplomatischer sein, nicht mehr so rüde.

Wo sehen Sie weitere Knackpunkte in der künftigen Beziehung zu Deutschland?
Ich habe gute Kontakte in die nächste Biden-Regierung. In einer zwölfköpfigen Strategiegruppe schmieden wir mit dem hoffentlich nächsten US-Außenminister unter Biden transatlantische Ideen. Es zeichnet sich ab, dass sich der Kampf mit China verschärfen wird. Hier wird Biden die Trump-Linie weiterverfolgen. China ist dabei, sich zur Großmacht aufzuschwingen, und macht kein Hehl aus seiner konfrontativen Strategie. Das betrifft die militärische Seite, aber auch die für die künftige militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft ausschlaggebende Technologie – denken Sie an 5G/Huawei und Künstliche Intelligenz. Der Kampf um die weltpolitische Vorherrschaft ist in vollem Gange, die Welt teilt sich wieder in zwei Blöcke. Und Deutschland wird Farbe bekennen müssen. Biden wird zum Beispiel darauf dringen, auf die 5-G-Technologie von Huawei zu verzichten und weniger Gas aus Russland, sondern vielmehr sogenanntes Freedom Gas aus den USA zu kaufen.

In den vergangenen Jahren war ja eher die Rede davon, dass Europa selbstbewusster werden muss – politisch, militärisch und technologisch. Ist es angesichts dieser neuen Freund-Feind-Welt dafür zu spät? Müssen wir stattdessen die USA umarmen?
Beides ist gleichzeitig möglich. Wir müssen uns auf die Seite der Amerikaner stellen, weil wir militärisch von ihnen abhängig sind. Aber wir müssen auch, um nicht erpressbar zu bleiben, Europa handlungsfähiger machen. Dazu gehört zunächst, dass wir entscheidungsfähiger werden, also das Einstimmigkeitsprinzip überwinden und zu qualifizierten Mehrheitsentscheidungen in der EU finden. Um den Euro zu retten, müssen wir die Wirtschaftsunion mit einer politischen Union verbinden.

Wie glaubwürdig ist Bidens Versprechen, wieder mehr für den Umwelt- und Klimaschutz zu tun?
Das nehme ich durchaus ernst. Biden ist im Wahlkampf immerhin ein hohes Risiko eingegangen, weil er Trump mit dem Green Deal Trump eine Angriffsfläche geboten hat, vor allem in den hart umkämpften Einzelstaaten Texas, Ohio und Pennsylvania. Das sind drei Staaten, in denen gefrackt wird. Denen hatte bislang noch niemand gesagt, dass es sich angesichts der auch durch Corona bedingen Nachfrageeinbrüche bald ausgefrackt haben wirdDoch um die Weiterentwicklung der Energieträger und -technologien der Zukunft zu schützen, werden wir nicht um eine CO2-Steuer umhinkommen, damit die Marktpreise wieder die eigentlichen Kosten abbilden und die richtigen Signale geben. Die Politik hinkt hier hinter den Finanzmärkten her. So hat Blackrock-Chef Larry Fink bereits davor gewarnt, dass Umweltrisiken auch Marktrisiken sind, und sich die Finanzmärkte dementsprechend schnell verändern werden. Wer heute noch in alte Energieträger investiert, hat den Schuss nicht gehört, die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt.
HORIZONT RESTART 2021
Das neue Jahresauftakt-Event HORIZONT RESTART findet am 20. Januar 2021 im Deutsche Bank Park in Frankfurt statt. Im Fokus der Veranstaltung, die von HORIZONT und der dfv Conference Group ausgerichtet wird, stehen sowohl aktuelle Trends der Marketing- und Medienbranche als auch Themen wie Digitalisierung, Arbeit und Leben sowie Nachhaltigkeit. Die Gäste dürfen sich auf Top-Entscheider aus Unternehmen, Agenturen und Medienhäusern freuen. Alle Informationen gibt es auf der Website von HORIZONT RESTART 2021. Der Frühbucherpreis für die Teilnahme gilt bis zum 30. November und beträgt 549 Euro (zzgl. Mwst.). Weil die Live-Teilnehmertickets limitiert sind, gibt es zudem Livestreaming-Tickets zum Preis von 249 Euro (zzgl. Mwst.). Der Deutsche Medienkongress, der traditionell im Januar das Event-Jahr der Branche einläutet, ist auf Grund der unabsehbaren Corona-Infektionslage für den 1. und 2. Juni 2021 geplant. Kombi-Tickets für HORIZONT RESTART und den Deutschen Medienkongress kosten 1199 Euro (zzgl. Mwst.).


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