HORIZONT Kongress

Energie-Ökonomin Claudia Kemfert: "Die Energiewende spart Geld"

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Wirtschaftsprofessorin Claudia Kemfert: "Ein ungebremster Klimawandel verursacht enorme wirtschaftliche Kosten, die wir schon heute heimlich bezahlen."
© Roland Horn
Wirtschaftsprofessorin Claudia Kemfert: "Ein ungebremster Klimawandel verursacht enorme wirtschaftliche Kosten, die wir schon heute heimlich bezahlen."
Seit über 25 Jahren bewertet sie die volkswirtschaftlichen Kosten des Klimawandels: Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung gehört zu den weltweit anerkannten Stimmen, wenn es um das Zusammenspiel von Ökonomie, Energie und Umwelt geht. Die Gäste des HORIZONT Kongresses dürfen sich daher auf ihre Keynote besonders freuen. Mit HORIZONT spricht sie vorab über die Chancen der Energiewende, über Greenwashing, „Stehzeuge“ und die Kosten des Nicht-Handelns.

Frau Kemfert, Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden. Ist das zu schaffen? Ja, sicher ist es zu schaffen, durchaus auch schon früher. Allerdings ist beim Begriff „klimaneutral“ Vorsicht geboten: Dieser darf nicht missbraucht werden für „Greenwashing“ als Verlängerung fossiler Geschäftsmodelle unter anderem Namen, sondern muss einhergehen mit dem Ziel der Null-Emissionen und einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien. Die „Neutralisierung“ von Emissionen sollte nur für nicht vermeidbare Prozesse vorgesehen werden. Noch besser ist die Nutzung von CO2 im Rahmen von Industrieprozessen. Somit dürfen keine Investitionen mehr in fossile Geschäftsmodelle fließen, auch nicht in fossiles Erdgas.

Was sind die wichtigsten Weichen, die die Politik stellen muss, um die Energiewende zu meistern? Im Zentrum stehen: Erneuerbare Energien und das Energiesparen. Überall. Der kostbare und knappe Ökostrom muss sofort und überall genutzt werden und darf nicht verschwendet werden, indem man beispielsweise den energieintensiv hergestellten Wasserstoff in SUVs oder Heizungen von ungedämmten Häusern verschwendet. Der Ökostrom sollte in der Elektromobilität genutzt werden, Häuser müssen energetisch saniert werden. Nicht Wasserstoff, sondern Strom ist das neue Öl, genauer: Öko-Strom.


Der Strombedarf wird aber steigen. Ja. Daher benötigen wir im Jahre 2030 einen mindestens 75-prozentigen Anteil an erneuerbaren Energien, jährlich müssen ab sofort rund 30 Gigawatt Photovoltaik und circa 9 Gigawatt Windkraft zugebaut werden. Die bisherigen Hemmnisse beim Ausbau erneuerbarer Energien müssen abgebaut werden, wie zu geringe Ausbauraten, unnötige Barrieren, Hemmnisse wie die unzureichende Flächenausweisung, unnötige Abstandregeln für Windenergie und komplizierte Genehmigungsverfahren. Zudem muss die Verkehrswende endlich konsequent angegangen werden mit Verkehrsvermeidung, -verlagerung und -optimierung. Sprich: Statt „Stehzeugen“, die 23 Stunden lang herumstehen, Menschen den Platz wegnehmen und der Umwelt und dem Klima schaden, brauchen wir eine menschengerechte Mobilität für alle durch eine massive Stärkung des Schienenverkehrs samt ÖPNV, dem Ausbau von sicheren Rad- und Fußwegen. Zudem muss die Industrie emissionsfrei werden. Wirtschaftshilfen für die Transformation sind richtig und notwendig. Auch die Landwirtschaft muss nachhaltig werden.
Claudia Kemfert
Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und ist Professorin für Energiewirtschaft und Energiepolitik an der Leuphana Universität. Sie ist Ko-Vorsitzende des Sachverständigenrats für Umweltfragen SRU, Mitglied im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome (DGCOR) sowie im Klimabeirat der Stadt Hamburg und Dresden. 2016 erhielt sie den Deutschen Solarpreis sowie den Adam-Smith-Preis für Marktwirtschaftliche Umweltpolitik. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien.
Würde das Projekt einfacher zu stemmen sein, wenn die Grünen die nächste Kanzlerin stellen? Egal wer Kanzlerin oder Kanzler wird: Sie oder er muss – und das hat das Bundesverfassungsgericht den Regierenden ins Pflichtenheft geschrieben – sofort Klimaschutz umsetzen und die Emissionen so schnell wie möglich auf null senken, allerspätestens bis 2038. Alles andere ist grob rechtswidrig. Wenn man sich die Wahlprogramme der Parteien anschaut, gibt es bei fast allen dazu einen Konsens. Allerdings muss der Weg heute auf allen Ebenen eingeleitet werden. Und da trennt sich in der Tat die Spreu vom Weizen, einige bleiben im Vagen. So kann die Klimakrise nicht bewältigt werden.

„Die Parteien müssen besser kommunizieren, dass keine Energiewende kostet. Und zwar Unsummen.“
Claudia Kemfert
Um die Klimaziele zu erreichen, kommen auch Belastungen auf die Unternehmen zu. Rechnen Sie mit einer Beeinträchtigung der konjunkturellen Entwicklung? Umgekehrt: Werden die Klimaziele eingehalten, vermeiden wir nicht nur enorme Klima-, Umwelt und Gesundheitsschäden, sondern investieren in eine nachhaltige und zukunftsfähige Wirtschaft. Klimaschutz schafft enorme wirtschaftliche Chancen für alle Unternehmen. Durch die enormen Investitionen in Zukunftsmärkte, angefangen von erneuerbaren Energien, Energieeffizienz, Schienen- und Ladeinfrastruktur bis hin zur Digitalisierung, entstehen enorme Wertschöpfungen, Arbeitsplätze und Innovationen. Man schafft so eine dauerhaft zukunftsfähige Entwicklung, die nicht zu Lasten der Umwelt und des Klimas, sondern zugunsten heutiger und zukünftiger Generationen wirtschaftet.

In welchen Branchen sehen Sie zusätzliche Wachstumspotenziale durch „Green Deal“ und Energiewende? Vor allem im Bereich der Energiewende samt Ausbau erneuerbarer Energien, Energiesparen und Energiespeicher. Das Energiesystem wird sich ja grundlegend ändern, es wird kleinteiliger, dezentraler, flexibler, intelligenter und partizipativer. Dafür braucht man einen deutlichen Ausbau der erneuerbaren Energien, intelligente Netze, Speicher und Digitalisierung für ein dynamisches Energie- und Lastmanagement. Auch im Mobilitätssektor gibt es enorme wirtschaftliche Chancen für Mobilitätsdienstleistungen, Elektromobilität, die Fahrradbranche oder klimaschonende Antriebstechnologien im Schiff- und Flugverkehr. Auch die Industrie hat durch die Dekarbonisierung enorme wirtschaftliche Chancen.
Der HORIZONT Kongress
Der HORIZONT Kongress findet am 13. und 14. Oktober 2021 im Gesellschaftshaus im Palmengarten in Frankfurt statt. Die Veranstaltung löst den bisherigen Deutschen Medienkongress ab. Ein umfangreiches Clean & Safe-Konzept sorgt für die Sicherheit der Gäste vor Ort. Gleichzeitig lässt sich der Kongress live als Stream im Internet verfolgen. Einer der Höhepunkte ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2020. Alle Informationen gibt es auf der Website des HORIZONT Kongresses. Der Preis für die Teilnahme mit Frühbucher-Ticket beträgt 999 Euro (zzgl. MwSt.). Inbegriffen sind die Teilnahme am HORIZONT Kongress, am Get-together auf dem HORIZONT Kongress und an der Live-Übertragung zum HORIZONT Award. Live-Streaming-Tickets sind zum Preis von 349 Euro (zzgl. MwSt.) erhältlich. Darin enthalten sind der Zugang zu den Vorträgen per Live-Stream, die Teilnahme an Q&A und Umfragen sowie der Download-Zugang zu allen freigegebenen Präsentationen der Referenten und Sponsoren nach der Veranstaltung. Veranstalter des HORIZONT Kongress 2021 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Wie beurteilen Sie die Stimmung in der Bevölkerung? Ist die Mehrheit der Menschen bereit, für den Klimaschutz finanzielle Opfer zu leisten? Klimaschutz nützt der Wirtschaft und der Menschheit, Klimawandel kostet. Nicht-Handeln ist viel teurer als Handeln! Ein ungebremster Klimawandel verursacht enorme wirtschaftliche Kosten, die wir schon heute heimlich bezahlen. Und diese finanziellen Opfer werden immer größer, wenn wir nicht handeln.

Ist das Umweltbewusstsein der Menschen während der Corona-Pandemie noch einmal stärker geworden? Es geht mehr um ein Nachhaltigkeitsbewusstsein: Wir wirtschaften zu Lasten zukünftiger Generationen. Wir benötigen eine Ausrichtung auf mehr Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Umweltschutz. Die Rahmenbedingungen müssen angepasst werden, sodass wir eine echte sozial ökologische Transformation hin zu einer echten sozial-ökologischen Marktwirtschaft erreichen.

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Müssen die Parteien deutlicher kommunizieren, dass die Energiewende nicht zum Nulltarif zu haben ist? Die Parteien müssen besser kommunizieren, dass keine Energiewende kostet. Und zwar Unsummen. Auch in die Kohle- und Atomenergie sind gewaltige Summen in den Aufbau der Kraftwerke und Strukturen geflossen, bevor wir den vermeintlich günstigen Strom aus der Steckdose bekommen haben. Günstig ist das ohnehin nur bei extremer Kurzsichtigkeit: Denn die Langzeitkosten durch Atommüll, Umwelt- und Klimaschäden müssen von künftigen Generationen bezahlt werden. Eine Generation hat billige Energie, aber 30.000 Generationen zahlen dafür die Zeche. Die Anschubfinanzierung der Energiewende hat einen enormen Nutzen gebracht: So wurden die Stromentstehungskosten der erneuerbaren Energien durch Innovationen, steigende Nachfrage und Wettbewerb deutlich gesenkt. Je schneller der Ausbau erneuerbare Energien vorangeht, desto größer wird der Netto-Nutzen der Energiewende. Unterm Strich zeigen seriöse Kosten-Nutzen-Studien, dass der Nettonutzen der Energiewende weit größer ist als die Nettokosten. Ehrlich und realistisch auf den Punkt gebracht: Die Energiewende kostet nicht, sie spart Geld.

 

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