Holtzbrinck versus Steingart

Zwingt der Trennungsdeal Gabor Steingarts Website in die Knie?

Das neue Morning Briefing von Gabor Steingart wird seit Juni verschickt
© Gabor Steingart
Das neue Morning Briefing von Gabor Steingart wird seit Juni verschickt
Zum Abschied viel Kohle und Klicks: Der Trennungsdeal zwischen Verleger Dieter von Holtzbrinck und Gabor Steingart scheint besiegelt – abzulesen auch an einem Werbe-Newsletter am Freitagmorgen. Doch lange Stunden machte offensichtlich die Technik einen Strich durch Steingarts Rechnung.

„Wo steckt Steingart?“ lauten Überschrift und Betreffzeile in einer Sonderausgabe des Handelsblatt Morning Briefing. Der frühere Handelsblatt-Herausgeber „lebt mitten im Herzen Berlins, er ist putzmunter und greift wieder schwungvoll zur Feder“, beantwortet darin Handelsblatt-Chefredakteur Sven Afhüppe seine aufmerksamkeitsstarke Frage. Es folgt ein Link zur Bestellung von Steingarts Morning Briefing. "In der Medienbranche gilt wie in der Marktwirtschaft: Konkurrenz belebt nicht nur das Geschäft, sondern auch das Gehirn", wirbt Afhüppe weiter für das Produkt seines alten Chefs und neuen Wettbewerbers.



Doch der Grund dafür dürfte weniger die pure Lust am Ausleben marktwirtschaftlicher Prinzipien sein, sondern der Trennungsdeal zwischen Holtzbrincks Stuttgarter Holding DvH Medien und seinem ehemaligen Verlags-Ziehsohn Gabor Steingart, der auch Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group (HMG) in Düsseldorf war. Monatelang haben sich die Trennungsverhandlungen mit dem im Februar entmachteten Steingart hingezogen. Denn es ging um viel Geld: Steingarts Geschäftsführervertrag lief noch bis Ende 2020, außerdem gehörten ihm 5 Prozent der Anteile. Zur Ermittlung des Rückkaufpreises musste der (zukünftige) Wert des Verlages taxiert werden.

Noch mehr Kopfzerbrechen bereitete der Deal, auf den sich beide Seiten einst per Handschlag geeinigt hatten: Danach durfte Steingart bei seinem Ausscheiden aus der HMG (das natürlich erst später, freiwillig und unter netteren Umständen geplant war) die Mailadressen der über 530.000 deutschen Abonnenten des Handelsblatt-Morning-Briefings, das er in seiner HMG-Zeit erfunden hatte, für einen eigenen Newsletter nutzen.


Genau dies aber war nach dem neuen Datenschutzgesetz so nicht mehr möglich. Die Anwälte beider Seiten feilten lange an einer Lösung: Danach sollte der Handelsblatt-Newsletter seine Leser – möglicherweise mehrfach – auf Steingarts Produkt hinweisen, redaktionell und mit Werbung. Per Opt-in sollten sie sich dann direkt anmelden können. Afhüppes Sonder-Newsletter scheint (der erste) Teil des Deals zu sein. Eine HMG-Sprecherin will dies nicht kommentieren und verweist auf DvH Medien; auch dort mag man nichts dazu sagen.

Immerhin: Auf Steingarts Homepage ist zu lesen, dass im Oktober 2018 die „einvernehmliche Trennung“ und sein Rückzug als Mitgesellschafter erfolgt seien. Am Freitag war er bisher nicht zu erreichen. Dies könnte auch daran liegen, dass er gerade alle Hände voll mit seiner Anmelde-Website zu tun hat: Sie war – vielleicht unter der Last der Zugriffe aus Afhüppes Newsletter – am Morgen zusammengebrochen und auch noch am Vormittag nicht zuverlässig zu erreichen. Auf eigene Faust dürfte Steingart bisher eine höchstens mittlere fünfstellige Bezieherzahl gewonnen haben. Am Ende soll es wohl eine untere sechsstellige Zahl werden.

Nun kann Steingart mehr zu seinen künftigen Geschäften mitteilen: Media Pioneer heißt seine Firma in Berlin. Sie soll laut Website „kritischen, unabhängigen Qualitätsjournalismus für das digitale Zeitalter“ liefern und fühle sich „einem publizistischen Liberalismus verpflichtet, der bewusst ‚den anderen Blick‘ zu Tage fördert“. Der Leser solle nicht indoktriniert, sondern inspiriert werden. Demokratie lebe vom Wettbewerb der Meinungen: „Das Problem sind nicht die kritischen Journalisten, das Problem sind die harmlosen.“

Das Geschäftsmodell hatte er in einem früheren Morning Briefing angedeutet: Seine Produkte seien „bewusst (werbe)frei“, schrieb er im Oktober und stänkerte am Beispiel der Autoberichterstattung gegen werbefinanzierte Medien. Offenbar plant er ein Abo-Modell; auch eine Beteiligung eines Medienhauses ist wohl noch nicht vom Tisch. Er selbst sagte damals dazu nichts, sondern wollte sich zunächst auf „Relevanz und Reichweite“ konzentrieren. rp

stats