Helmut Thoma

"Der deutsche TV-Markt ist fast schon eine Karikatur"

Helmut Thoma
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Helmut Thoma
Der Medienmanager Helmut Thoma hat das deutsche Privatfernsehen geprägt wie kaum ein anderer. Er machte RTL groß, er erfand die werberelevante Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen, er polarisierte die TV-Branche. Im HORIZONT-Interview kritisiert er unter anderem den Zustand des deutschen Privatfernsehens, zweifelt an der Nachhaltigkeit von Netflix und ist dabei – wie gewohnt – nie um einen prägnanten Spruch verlegen.

Warum ist der deutsche TV-Markt heute Ihrer Meinung nach eine Katastrophe? 
Weil er in einem Ausmaß monopolisiert ist, dass es fast schon eine Karikatur dessen ist, was ursprünglich vorgesehen war. Aber das ist doch typisch für Deutschland: Da wird groß geredet und werden groß Grundsätze festgelegt, die dann doch alle über den Haufen geworfen werden. Wenn wir es genau betrachten, ist es in Deutschland heute so, dass die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten praktisch eine Art Altenheimversorgung darstellen; bei den jungen 14- bis 29-Jährigen sind sie marginalisiert. Im privaten Fernsehen teilen sich zwei große Gruppen den gesamten Kuchen auf, Pro Sieben Sat 1 und RTL haben 86 Prozent Marktanteil im Privatfernsehen. Diese zwei Gruppen haben überhaupt kein Interesse daran, wirkliches Programm zu machen. Die beiden würden am liebsten das Testbild senden, wenn es ginge. Dadurch erhöhen sich die Gewinne. Pro Sieben wiederholt bis zu 200-mal eine Folge von „Big Bang Theory“; RTL zeigt immer noch die Autobahnpolizei Cobra 11 …



… die aus Ihrer Ära stammt. RTL lebt, wenn man es genau nimmt, von der sogenannten Prime Access Time. Da sind sie stark, aber das ist lauter altes Programm: "Explosiv", "Exclusiv", "GZSZ" – übrigens ein Format, von dem man anfangs mit Abschaum und Entsetzen sprach und das bald in der 6000. Folge läuft, oft als erfolgreichste Sendung des Tages. Mit dem Erfolg dieser Formate werden auch neue Formate in die Höhe getrieben.
Anbieter wie Amazon, Netflix und Co machen den Sendern nicht nur Zuschauer streitig, sondern werden auch immer stärker selbst zu Produzenten. Wird das den Etablierten wehtun? Nein, denn das sind zwei verschiedene Welten. Netflix ist ein Phänomen, aber ich weiß nicht, ob es sich auf Dauer hält. Das ist auch nichts Neues, denn große Studios in Hollywood, die Serien und Filme produzieren, gibt es seit fast 100 Jahren. Bei Filmen waren sie gut, aber Filme haben an Bedeutung verloren, und die Serien – na gut. Ich sehe bei Netflix derzeit eine Entwicklung wie bei Tesla: Da wird Geld, Geld und noch mal Geld hineingepumpt; irgendwann wird man sehen, dass auch die nicht zaubern können. Sieht man sich die Nutzungszahlen an, ist das im deutschsprachigen Raum sehr überschaubar. 

Ein nachhaltiges Geschäftsmodell und damit eine Bedrohung für die TV-Branche sehen Sie also nicht? Im Moment gar nicht. Das mag sich vielleicht ändern, aber die Leute wollen im Grund genommen Fernsehen, und Fernsehen ist etwas Fertiges: Ich setze das Gerät in Betrieb, setze mich davor und bekomm etwas vorgesetzt. Die Leute wollen ihre Nachrichten sehen, ihren Sport. 


Und Serien? Na ja, Serien sind gesondert zu betrachten. Netflix produziert die größtenteils für den amerikanischen Markt. "House of Cards" ist eine tolle Serie, aber im deutschsprachigen Raum haben Serien, die die Politik betreffen, in der Masse überhaupt nie funktioniert; weil es den Seher nicht interessiert und weil er es nicht begreift. Das ist für einen kleinen Kreis an intellektuellen Journalisten, denen das zu Recht gefällt. Das ist toll gespielt und toll gemacht, aber die breite Masse will solche Serien nicht.

Interview: Jürgen Hofer 
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