Gescheiterte Abstimmung

"Der Journalist" veröffentlicht Steingart-Interview mit geschwärzten Antworten

Gabor Steingart wollte ein Interview mit dem Journalist nicht freigeben
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Gabor Steingart wollte ein Interview mit dem Journalist nicht freigeben
Eigentlich spricht Gabor Steingart gerne Klartext. Umso mehr verwundert sein Umgang mit einem kritischen Interview des Medienmagazins "Der Journalist": So griff Steingart derart massiv in die Antworten ein, dass sich die Redaktion dazu entschied, das Interview mit komplett geschwärzten Antworten zu veröffentlichen
Das rund einstündige Interview von "Journalist"-Autorin Catalina Schröder mit Steingart fand Anfang September statt. In dem Gespräch ging es unter anderem um sein Ausscheiden beim Holtzbrinck-Verlag, die Pläne seines Start-ups mit dem Medienschiff und seine Haltung als Journalist. Dabei fasste Schröder ihren Gesprächpartner nicht gerade mit Samthandschuhen an. Eine Frage lautete zum Beispiel: "Gehört es zu Ihrem journalistischen Stil – sagen wir es auch mal polemisch und knallhart – andere zu beleidigen?". Außerdem konfrontierte sie ihn mit einem Treffen mit Steve Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen von Donald Trump oder stellte kritische Fragen zum Geschäftsmodell seines Unternehmens. 


In der Abstimmung griff Steingart derart massiv in seine Antworten ein und formulierte teilweise sogar Fragen um, dass der "Journalist" eine Veröffentlichung ablehnte. 
"Die Eingriffe von Steingart hatten mit Autorisierung nichts zu tun. Ich sehe sie als Versuch, Gesagtes im Nachhinein um- und neuzuschreiben", erklärt "Journalist"-Chefredakteur Matthias Daniel die Entscheidung. Nachdem der "Journalist" die Änderungen ablehnte und eine Verständigung mit Steingart scheiterte, ließ dieser das Interview über den Medienanwalt Christian Schertz komplett zurückziehen. 

Der "Journalist" entschied sich nun, das Interview trotzdem mit komplett geschwärzten Antworten zu veröffentlichen. "Denn auch so kann man viel über Gabor Steingart und seine journalistische Haltung erfahren", begründet das Magazin den Schritt. 


Der Deutsche Journalisten-Verband zeigt sich in einer Stellungnahme enttäuscht von Steingarts Umgang mit dem Interview: "
Journalisten sehen sich immer wieder Versuchen ausgesetzt, für den Interviewten genehme Gespräche zu veröffentlichen. Die Angst der Journalisten vor hohen Abmahngebühren und teuren Verfahren kann dabei in vielen Fällen Druck erzeugen." Umso wichtiger sei es, dass führende Köpfe der Medienwelt, zumal Journalisten, mit gutem Beispiel vorangingen. "Wenn Gabor Steingart wirklich an freiem und kritischem Journalismus gelegen ist, sollte er souveräner mit kritischen Fragen von Kollegen umgehen", teilt der DJV-Vorsitzende Frank Überall mit. 

Von der Möglichkeit, nicht freigegebene Interviews mit geschwärzten Antworten zu publizieren, um den Umgang des Interviewpartners mit kritischen Fragen bloßzustellen, hatte zuerst die taz Gebrauch gemacht. 2003 hatte die Zeitung auf ihrer Titelseite ein nicht freigegebenes Interview mit dem damaligen SPD-Generalsekretär Olaf Scholz mit komplett geschwärzten Antworten veröffentlicht. 2013 griff die linksalternative Zeitung bei einem Interview mit dem damaligen FDP-Chef Philipp Rösler zu dem gleichen Mittel. dh
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