Fusionen und Übernahmen

Zahl der Grossisten sinkt bis 2023 um mehr als zwei Drittel

Zehn bis 15 Presse-Zwischenhändler dürften sich in fünf Jahren das Bundesgebiet aufteilen
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Zehn bis 15 Presse-Zwischenhändler dürften sich in fünf Jahren das Bundesgebiet aufteilen
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Jetzt ist die Zahl quasi offiziell: Nur noch zehn bis 15 Presse-Zwischenhändler dürften sich in fünf Jahren das Bundesgebiet aufteilen. Dies sagte Michael Fischer, Chef der Axel-Springer-Vertriebsorganisation Sales Impact, auf dem VDZ Distribution Summit in Hamburg. Aktuell sind es 44 Grossisten, vor fünf Jahren waren es noch 70 – und vor zehn Jahren sogar 100. Bisher haben es Verlage und Grosso-Verband stets vermieden, offizielle Ziel-Zahlen zu nennen.

Mit der bisherigen Zurückhaltung (nur inoffiziell wurden diese Zahlen genannt) wollte man den Eindruck vermeiden, es gebe gesteuerte Fusionspläne – schließlich sind die Grossisten selbstständige Unternehmer. Und auch Springer-Vertriebsmann Fischer wählte auf der VDZ-Bühne eine indirekte Herleitung: Sowohl Gutachten des Grosso-Verbandes als auch der Vertriebsallianz der Verlage seien im Vorfeld der neuen Branchenvereinbarung unabhängig voneinander zu dem Ergebnis gekommen, dass angesichts sinkender Presse-Absätze und -Umsätze in Zukunft nur noch Grossisten überlebensfähig seien, die jeweils 100 bis 150 Millionen Euro Jahresumsatz erzielten. Bisher liege die Spanne bei 6 bis 120 Millionen Euro.



Andererseits der gesamte deutsche Presse-Jahresumsatz via Grosso: Er lag 2017 bei insgesamt 2 Milliarden Euro (ohne Bahnhofsbuchhandel mit weiteren 1 Milliarden Euro) – und würde bei einem Rückgang von weiterhin jährlich rund 5 bis (wie zuletzt) 7 Prozent in fünf Jahren bei rund 1,5 Milliarden Euro rangieren. Somit ergebe eine einfache Division (1,5 Milliarden Euro geteilt durch 100 bzw. 150 Millionen Euro) eine Grossisten-Zielanzahl von zehn bis 15, um die Verlagsware auf die rund 100.000 Einzelverkaufsstellen (Stand 2017) zu verteilen.

„Wir werden bei der Auflagenentwicklung keinen Turnaround hinkriegen, das ist illusorisch – aber wir werden im Vertrieb noch viele Jahre viel, viel Spaß an der Print-Presse haben“, sagt Fischer. Auch Burda-Vertriebschef Tobias Mai hat pessimistische wie auch optimistische Erkenntnisse mitgebracht. Die pessimistischen: Das Konsumentenverhalten und der Lebensmitteleinzelhandel (LEH), der als Pressevertriebskanal immer wichtiger wird, veränderten sich. Die Menschen kaufen seltener als früher im stationären LEH und öfters via E-Commerce ein. Und es gibt mehr große Supermärkte und Discounter mit mehr Kassen und damit geringerer Kontaktwahrscheinlichkeit zum Presseregal. Zudem hinterfragen die großen LEH-Ketten die Flächenrentabilität ihrer Pressesortimente; aktuell lasse Rewe dies von einer Unternehmensberatung überprüfen. „Hierauf müssen wir Antworten finden“, sagt Mai.


Und seine optimistischen Erkenntnisse? Es entstehen mehr kleine Nachbarschaftsläden (mit allerdings ebenso kleinen Presseregalen); auch in Bio-Supermärkten und Drogerien könnten neue Flächen erschlossen werden. „Doch die Grossisten allein tun sich schwer damit, deshalb müssen wir Verlage Seite an Seite mit ihnen marschieren.“

Aus dem Fachpublikum gab es eine bemerkenswert offene und emotionale kritische Wortmeldung zur Branchenvereinbarung. Diese nütze nur den großen Titeln (meist großer Verlage) und gehe zulasten „innovativer kleiner Titel“ meist kleiner Häuser, die - anders als die Dickschiffe - oft stabile Auflagen vorwiesen. Eine Kritik, die so ähnlich bereits der Arbeitskreis Mittelständischer Verlage (AMV) beim Kartellamt vorgebracht hat – und die Springer-Vertriebsmann Fischer in Hamburg auf der Bühne unkommentiert ließ. rp

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