Führungswechsel

Wegner und die SWMH: Der Digitalvisionär und das Zeitungshaus

Christian Wegner
Christian Wegner
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Nun ist es offiziell: Christian Wegner wird Nachfolger von Richard Rebmann an der Spitze der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH). Zum 1. Juli übernimmt er den Vorsitz der Geschäftsführung. Rebmann geht mit 60 in den Ruhestand. "Die Gesellschafter und der Aufsichtsrat freuen sich, mit Herrn Dr. Wegner einen ausgewiesenen Fachmann für die Digitale Entwicklung gewonnen zu haben, der zudem nachgewiesene Expertise in der Umsetzung einer externen Wachstumsstrategie durch Unternehmenszukäufe hat", teilen die Gesellschafter mit.

Den Ex-Pro-Sieben-Sat-1-Vorstand Christian Wegner hatte wohl kaum einer auf dem Zettel, als es um die Nachfolgeregelung bei dem Zeitungshaus ging, zu dem neben der vor zehn Jahren gekauften "Süddeutschen Zeitung" unter anderem "Stuttgarter Zeitung", "Esslinger Zeitung" und "Schwarzwälder Bote" gehören. Der 44-Jährige war bis Ende 2016 Digitalvorstand von Pro Sieben Sat 1 und musste das Unternehmen verlassen, nachdem die Diskussionen darum, welche Investitionen von P7S1 nun sinnvoll waren und welche nicht, unüberhörbar wurden. Seither ist es ruhig geworden um den Manager. Er firmiert bei Linked-In derzeit als Beirat und Berater von Egmont Publishing UK.



Die Personalie ist wegweisend. Mit Wegner verpflichten die Eigentümer einen ausgewiesenen Digitalexperten, unter dessen Ägide das Digitalgeschäft von Pro Sieben Sat 1 von einem Millionen- zu einem Milliarden-Bereich ausgebaut wurde. Wegner war zwölf Jahre bei dem TV-Konzern und galt lange als Kronprinz des mittlerweile ausgeschiedenen CEOs Thomas Ebeling.

Ebeling und Wegner einte eins: Sie hatten keine Angst vor Veränderung. In den Vorstandsbereich "Digital & Adjacent" – salopp übersetzt: "Digitales und anderer Kram" – den Wegner ab Oktober 2011 verantwortete, fiel vieles: Von der Online-Videothek Maxdome, über das Youtuber-Netzwerk Studio71 bis hin zu den umstrittenen Media-for-Equity- und Media-for-Revenue-Deals, bei denen P7S1 Werbezeiten gegen Unternehmens- oder Umsatzbeteiligungen von E-Commerce-Firmen  getauscht hat, um diese mit Werbung groß zu machen. Zalando ist das prominenteste Beispiel für dieses Geschäft.


Wegner hatte bei P7S1 allen Freiraum zu probieren und auch das nötige Kleingeld dafür. Denn eins hatte Ebeling direkt nach seinem Amtsantritt scharf analysiert: Die Abhängigkeit vom TV-Werbegeschäft muss an Gewicht verlieren, wenn der Konzern langfristig bestehen soll. Die Portfolioüberprüfung, die mit Wegners Abgang begann und im Zuge derer P7S1 einige Zukäufe wieder losgeschlagen hat, ändert daran nichts. Und war zumindest finanziell auch nicht zum Schaden der Gruppe, wie der lukrative Verkauf des Onlinereisebüros Etraveli zeigt.

Und nun also die SWMH. Das Zeitungsgeschäft. Die gebeutelste aller Mediengattungen und die beharrungsfreudigste. Dass Medien Union (unter anderem "Rheinpfalz") und die Gruppe Württembergischer Verleger, die von der mächtigen Ulmer Verlegerfamilie Ebner angeführt wird, und die je 47,5 Prozent halten, Veränderungen wollen, lässt sich schon aus der Formulierung in der Pressemitteilung heute ablesen (siehe oben). Einen Verlagsfremden zu holen, ist ein mutiger, aber richtiger Schritt. Manager mit Zeitungsexpertise gibt es im Haus genug. Ein Zeitungs- aber nicht branchenfremder, der in den vergangenen Jahre bereits erbittert darum gekämpft hat, nicht von Google, Facebook und Amazon überrannt zu werden, kann den berühmten frischen Wind sicher leichter bringen, als ein langjähriger Verlagsmanager.

Aber wie wird ein Manager vom Typ Wegners in Stuttgart zurecht kommen? Wie kann er seine Ideen in einem Unternehmen durchsetzen, in dem Agilität noch ein Fremdwort ist?

Der Ex-McKinsey-Berater Wegner ist nahbar, offen und neugierig. Für Ideen und für Geschäftsmodelle. Er kann mit Menschen und das dürfte neben seiner Expertise im Digitalen das wichtigste Asset sein, das er zur SWMH mitbringt. Denn er muss diejenigen um sich scharen, die sich vom digitalen Wandel nicht verschrecken lassen und ans klassische Geschäft klammern, sondern die darin neue Möglichkeiten sehen, ein zukunftsträchtiges Medienhaus zu bauen.

Von Vorteil dürfte dabei sein, dass er von P7S1 weit verzweigte Strukturen kennt und weiß, wie damit umzugehen ist. Der TV-Konzern ist ein Konglommerat aus Einzel-GmbHs, die von vielen Häuptlingen geführt werden. Beim kurzfristigen Dax-Unternehmen galt diese Strukturzuletzt als Schwäche. Für den Start in der SWMH dürfte die Erfahrung helfen.

Schwierig dürfte für Wegner trotzdem werden, auch die Rückendeckung für neue, vor allem ungewöhnliche Ideen zu bekommen – und zwar nicht nur von unten, sondern auch von oben. Wie offen sind die Gesellschafter wirklich und wie weit sind sie bereit zu gehen? Wäre auch bei einer SWMH denkbar, dass sie sich einen eigenen Adtechnologie-Stack zulegt oder ins E-Commerce-Reisegeschäft einsteigt?  Den Worten müssen erstmal Taten folgen.

Seitens der Medien-Union lässt sich Verleger Thomas Schaub von Oliver C. Dubber vertreten, der die Benennung Wegners heute auch verkündet hat. Dem Vernehmen nach hat Dubber stets die Kosten im Blick hat. Ein Umbau, wie er bei P7S1 in der Ära Ebeling vonstatten ging, war jedoch alles andere als günstig.

So ganz fremd dürfte Wegner das Kostenbewusstsein allerdings nicht sein, denn P7S1 hat das Geld, das Wegner dann im Digitalen ausgeben konnte, im Kerngeschäft, konkret bei den Programminvestitionen gespart. Das hat allerdings kräftige Bremsspuren hinterlassen, die der neue CEO Max Conze nun mit höheren Investments wieder ausgleichen muss. Denn noch ist die TV-Werbung in Sachen Ertrag der wichtigste Bereich. Welche Konsequenzen wird Wegner wohl daraus für seine neue Aufgabe bei der SWMH ziehen? Nächste Woche tritt er in Stuttgart an. Dann erst werden sich die vielen Fragen klären. pap

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