FFF-Aktivist Maurice Conrad

"Die Medien sind leider dabei, ein rechtes Narrativ zu übernehmen"

Maurice Conrad: "Die Medien sind leider dabei, ein rechtes Narrativ zu übernehmen: Man darf in Deutschland nicht mehr alles sagen!"
© Maurice Conrad
Maurice Conrad: "Die Medien sind leider dabei, ein rechtes Narrativ zu übernehmen: Man darf in Deutschland nicht mehr alles sagen!"
Er ist gerade erst 19, wirbelt aber als politischer Aktivist schon ziemlich viel Staub auf: Maurice Conrad, streitbarer Vertreter der "Fridays For Future". Beim Deutschen Medienkongress 2020 spricht er über die die brisante Frage: "Warum auf eine Zukunft bauen, die bald nicht mehr existieren wird?" HORIZONT hat sich mit ihm vorab über die Rolle der Medien in der Klimadebatte unterhalten.

Maurice Conrad hat die "Fridays For Future"-Bewegung in Mainz aufgezogen, vertritt sie landesweit gegenüber den Medien und agiert bundesweit als Redner und Moderator. Darüber hinaus kümmert sich der Schauspielstudent und IT-Engineer um die Software-Entwicklung für Social-Media-Kampagnen der Klimaschutz-Bewegung. Und: Er ist als Fraktionsvorsitzender der Piraten- und Volt-Fraktion Mitglied des Mainzer Stadtrates sowie Aufsichtsratsmitglied der Mainzer Verkehrsgesellschaft. Im Gespräch mit HORIZONT verrät Conrad, warum "Fridays For Future" neue Protagonisten braucht, was er von "Bild" hält und weshalb die Medien einem rechten Narrativ aufsitzen.



Herr Conrad, fühlt sich die "Fridays For Future"-Bewegung von den Medien ausreichend wahrgenommen? Wir betrachten die öffentliche Aufmerksamkeit als großen Erfolg. Wir haben es geschafft, Klimaschutz zum omnipräsenten Thema dieser Zeit zu machen und damit die irrationalen Diskussionen um Flüchtlinge und Seenotrettung abgelöst. Das Interesse der Medien war von Anfang an immens groß. Vor "Fridays For Future" konnte man sozusagen noch den Sender wechseln, wenn man Klimaschutz ausblenden wollte. Jetzt geht das nicht mehr – wir senden omnipräsent. Dazu haben wir insofern beigetragen, als wir stabile Strukturen aufgebaut haben. Damit sind wir zum verlässlichen Dialogpartner der Medien geworden. Unsere Aktivisten sind nicht zuletzt als Interviewpartner sehr gefragt.

Die Medien berichten aber auch kritisch über "Fridays For Future". Ärgert Sie das? Nein, es gehört zum öffentlichen Diskurs dazu, dass Themen auch kontrovers diskutiert werden. Wie einseitig sich Blätter wie "Bild" auf uns eingeschossen haben, ist bedenklich. Auf der anderen Seite gehört es zum Tagesgeschäft dieser Zeitung. Allein der Neologismus "Klima-Greta" und die darin enthaltene Menschenverachtung zeigt, wie gewisse Finanzierungsmodelle der gesellschaftlichen Spaltung dienen.
„Wie einseitig sich Blätter wie 'Bild' auf uns eingeschossen haben, ist bedenklich.“
Maurice Conrad
Ist es ein Problem, dass die Berichterstattung sich sehr häufig auf Greta Thunberg konzentriert? Ich kann das teilweise verstehen, die Medien brauchen Gesichter. Greta Thunberg hat sich aber nicht aufgedrängt, sie ist eher ein Opfer des Medieninteresses. Aber für die Bewegung kann es natürlich schädlich sein, wenn sich die Aufmerksamkeit auf einige wenige Personen konzentriert. In Deutschland ging das bei Frau Neubauer so weit, dass sich Interviewanfragen immer an Frau Neubauer richteten und sie absagen musste, weil sie einfach keine Zeit mehr hatte. Nun zieht sie sich etwas zurück und es werden neue Ansprechpartner für die Medien aufgebaut. Wir brauchen neue Köpfe, um unseren Raum in der Öffentlichkeit auch ausfüllen zu können.


Sind die Aktivisten an der Basis immer mit allen Äußerungen von Greta Thunberg einverstanden? Oder gibt es auch abweichende Positionen? Sie bleibt ja in ihrem Wording meist auf einer sehr allgemeinen Ebene, man diskutiert mit Greta Thunberg ja nicht die Details einer CO2-Besteuerung. Insofern besteht da grundsätzlich Konsens. Aber natürlich gibt es auch Aktivisten, die den "How Dare You"-Auftritt in New York zu emotional fanden oder andere, die ihn zu wenig emotional fanden. "Fridays For Future" ist ja keine homogene Gruppe.

Hat sich der Tenor der Berichterstattung über "Fridays For Future" verändert? Ja, ganz klar. Vor dem weltweiten Aktionstag am 20. September war sie weitgehend großväterlich wohlwollend. Unser internationaler Erfolg rief dann aber auch die Stimmen auf den Plan, die uns vorher einfach nicht ernst genommen haben. Daher ist der Ton nun schärfer und kritischer geworden. Aber das ist gut so. Wir brauchen die Auseinandersetzung.

Die Vertreter von "Fridays For Future" in Talk-Shows sind teilweise noch sehr jung. Erspart man ihnen daher in der Diskussion die ganz harte Konfrontation? In Teilen sicherlich. Aber kein Politiker tut das aus Altruismus, es besteht immer die Hoffnung, den Protest tot zu streicheln und sich damit vor der Auseinandersetzung zu drücken. Lässt man das aber nicht zu, werden die Fronten auch ganz schnell genau so hart wie bei älteren Diskutanten. Ich zeige in meinen Diskussionen relativ schnell, dass man mich nicht in Watte packen kann und schon gar nicht für die eigene politische Agenda missbrauchen. Das merken Politiker, wenn sie öffentlich mit mir diskutieren, auch schnell  genug, und spätestens nach ein paar Minuten ist die Kost der netten Worte dann auch vorbei.
„Wer meint, in Deutschland wird die eigene Meinungsfreiheit beschränkt, dem rate ich zu einer Unterhaltung mit wirklich politisch verfolgten Aktivisten aus China, Russland oder Saudi-Arabien.“
Maurice Conrad
Der Klimaschutzbewegung wird teilweise Intoleranz und der Ruf nach einer Ökodiktatur vorgeworfen, insbesondere der Organisation Extinction Rebellion, für die Sie auch aktiv sind. Ist da was dran? Nein. In Deutschland, wo ich es am besten beurteilen kann, halten die Aktivisten demokratische Entscheidungsprozesse für absolut notwendig.

Der "Spiegel" thematisiert in seiner Ausgabe die zunehmend schärferen politischen Auseinandersetzungen und fragt, wie gut es noch um die Meinungsfreiheit in Deutschland bestellt ist. Nachvollziehbar? Die Medien sind leider dabei, ein rechtes Narrativ zu übernehmen: Man darf in Deutschland nicht mehr alles sagen! Aber das ist Quatsch. Zwar neigt man teilweise in den öffentlichen Debatten dazu, sich vorsichtig auszudrücken oder es entstehen gewisse Hemmungen, Wörter oder Begriffe zu benutzen. Über diese Auswirkungen der politischen Korrektheit lässt sich im Einzelfall diskutieren, aber man sollte eventuelle Schwächen unserer Debattenkultur nicht mit der Begrifflichkeit der "Einschränkung der Meinungsfreiheit" verwechseln. Das ist so gefährlich wie falsch. Einschränkung von Meinungsfreiheit ist nicht, dass dir jemand widerspricht oder dich für ein Arschloch hält. Wer meint, in Deutschland wird die eigene Meinungsfreiheit beschränkt, dem rate ich zu einer Unterhaltung mit wirklich politisch verfolgten Aktivisten aus China, Russland oder Saudi-Arabien. Käme diese Unterhaltung zustande, was aufgrund der dortigen Lage von freiheitlichen Rechten wie dem der freien Meinung eher unwahrscheinlich ist, würden diese Menschen eher lauthals darüber lachen.

DMK 2020
Der 12. Deutsche Medienkongress findet am 29. und 30. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2019. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 999 Euro (zzgl. Mwst.). Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2020 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Über welche Medien informieren Sie sich privat? Ich bin ein wenig twitter-abhängig, obwohl das gar nicht das wichtigste Medium für "Fridays For Future" ist. Daneben verfolge ich journalistische Onlinemedien wie "Krautreporter" oder die digitalen Ausgaben der Tageszeitungen. Ab und zu blättere ich auch in den Zeitungen meiner Eltern. Ich bin ja noch nicht ausgezogen.

Über welche Medien kommunizieren denn die Aktivisten untereinander? In allererster Linie über Whatsapp. "Fridays For Future" hat seine ganze Kommunikationsstruktur darauf aufgebaut. Instagram ist auch wichtig. Für die Älteren gibt es aber auch eine Facebook-Gruppe.

Im Winter wird es nun schwieriger werden, die Massen auf die Straße zu bekommen. Wie sorgen Sie dafür, dass die Bewegung präsent bleibt? Wir konzentrieren uns gezielt auf bestimmte Anlässe. Der nächste weltweite Aktionstag mit Veranstaltungen in über 100 Städten findet am 29. November anlässlich der Weltklimakonferenz statt. Und es wird noch einige weitere sehr spannende Events geben.

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