Fachjournalist des Jahres

Juryvorsitzender Lutz Frühbrodt: "Fachmedien hören den Pulsschlag einer Branche"

   Artikel anhören
Lutz Frühbrodt
© Vogel Stiftung
Lutz Frühbrodt
Lutz Frühbrodt ist Leiter des Master-Studiengangs "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Seit 2011 ist er Juryvorsitzender des Karl-Theodor-Vogel-Preises "Fachjournalist des Jahres" und Stiftungsprofessor der Vogel Stiftung. Im Interview erläutert er, welchen Stellenwert die Auszeichnung hat, wie sie sich im Laufe der Jahre verändert hat und welche Bedeutung den Fachmedien in unseren Zeiten zukommt.
Sie sind seit zehn Jahren Juryvorsitzender des "Karl-Theodor-Vogel-Preises – Fachjournalist des Jahres". Macht das eigentlich Spaß? Unbedingt! Aber ich will auch ganz offen sein: Wenn ich jedes Jahr wieder vor einem neuen Berg Bewerbungen stehe, kriege ich zunächst oft einen Koller. Aber der verschwindet meist schon wieder bei der Lektüre. Und wenn ich dann die Gewinner bei der Preisverleihung auf der Bühne interviewen darf, empfinde ich meine größten persönlichen Glücksmomente und flüstere mir einmal mehr zu: "Es hat sich gelohnt."

Wie hat sich der Wettbewerb verändert? Der Preis wurde 2005 erstmals gemeinsam mit der Deutschen Fachpresse ausgeschrieben, um in erster Linie Bravourleistungen im Technikjournalismus zu prämieren. Im Laufe der Jahre sind aber auch zunehmend herausragende Artikel aus den Feldern Wirtschaft/Marketing sowie Recht gekürt worden. Seit einigen Jahren hat sich die Jury wieder stärker auf ihre ursprüngliche Mission besinnt, ohne dabei aber die anderen Disziplinen ausbremsen zu wollen. Ich denke, das hat sich bewährt.

Welchen Einfluss hatte das auf die Qualität der Einsendungen? Einen sehr positiven. Wir wollen ja die Community mit unserer Preisvergabe jedes Jahr auf drei journalistische Leuchttürme hinweisen. Die Preisträger aus dem Bereich des ökonomischen Fachjournalismus mit ihren hohen Standards haben sicher auf die gesamte Fachmedienszene ausgestrahlt, so dass sich die journalistische Qualität bei den Fachmedien egal welcher Richtung spürbar verbessert hat. Da sind natürlich auch andere Triebkräfte im Spiel. Ich hoffe aber, dass der Karl-Theodor-Vogel-Preis einen kleinen, sichtbaren Beitrag dazu leisten konnte.
„Es lässt sich nicht leugnen, dass Corona nicht nur viele Branchen der deutschen Wirtschaft schwer gebeutelt hat, sondern dass auch durch die Fachmedien ein Konsolidierungsschub geht.“
Lutz Frühbrodt
Und hat sich der Qualitätsanspruch in den vergangenen zwölf Monaten – bedingt durch die Corona-Pandemie – ganz speziell verändert? Ich persönlich würde gerne sagen: Nein, denn Qualität ist unabhängig von Zeit und Raum und damit auch von Wind, Wetter und Viren nicht anfechtbar. Aber natürlich ist guter Rat in Krisenzeiten besonders teuer und deshalb hochwertiger Fachjournalismus noch stärker als sonst gefragt. Es lässt sich aber auch nicht leugnen, dass Corona nicht nur viele Branchen der deutschen Wirtschaft schwer gebeutelt hat, sondern dass auch durch die Fachmedien ein Konsolidierungsschub geht. Darüber sollte der Journalismus nicht vergessen werden, denn er stellt ja schließlich das Kernprodukt dar.

Welche Rolle spielt journalistische Qualität in Fachmedien? Gibt es da Unterschiede zu den Publikumsmedien? Traditionell besteht das Selbstverständnis der Fachmedien darin, sich besonders nah am Puls einer Branche zu befinden, ja, ihn schlagen zu hören. Das hat auch zur Folge, dass man manchmal etwas zu nah am Werbekunden dran ist. Das Phänomen ist durchaus auch in den Publikumsmedien bekannt, aber nicht so ausgeprägt. Das Pfund, mit dem Fachmedien wuchern können, ist der extrem hohe Nutzwert, den sie ihren Konsumenten bieten. Und der wiederum ist das Ergebnis intimer Branchenexpertise. Ein Drahtseilakt also.

Hat sich die Gewichtung der Qualitätskriterien für die Jury geändert? Klassische Gütekriterien wie die Sorgfaltspflicht oder Unparteilichkeit genießen nicht nur bei den Publikumsmedien, sondern auch bei den Fachmedien und damit beim Preis "Fachjournalist des Jahres" eherne Gültigkeit. Wenn dazu noch die hohe Kunst des virtuosen Textens kommt, strahlen die Gesichter alle Jury-Mitglieder*innen vor Lesefreude. Natürlich spielen aber auch die Relevanz des Themas und dessen Aufbereitung eine wichtige Rolle. Heißt konkret: Auch das Textformat sollte passen. Und da sind wir offen für alles: Vom klassischen Fachartikel über den Anwenderbericht bis zur Reportage. Es darf aber auch gerne mal ein Editorial oder eine Glosse sein.
„Traditionell besteht das Selbstverständnis der Fachmedien darin, sich besonders nah am Puls einer Branche zu befinden, ja, ihn schlagen zu hören.“
Lutz Frühbrodt
Welche Rolle spielen Aspekte wie Ethik und Nachhaltigkeit bei der Jury-Bewertung? Eine immer größere. Wenn z.B. ein Autor eine vierseitige Artikelstrecke über Fracking hinlegt, dann sollten sich in diesem Text auch kritische Stimmen finden, die umweltpolitische Aspekte hervorheben. Es gibt natürlich auch andere Themen dieser Art wie die Verantwortung für Lieferketten aus Entwicklungsländern oder die Folgen künstlicher Intelligenz für den Arbeitsplatz. Dazu kann man sicher unterschiedliche Standpunkte vertreten, wie dies oft auch in der Jury des Karl-Theodor-Vogel-Preises der Fall ist. Diese Aspekte sollten aber nicht völlig ausgeblendet werden, nur weil man als Medium oder Autor*in befürchtet, man könnte damit der Wirtschaft vors Schienbein treten.

Wer darf überhaupt teilnehmen und was hat man vom Gewinn des Preises? Jeder Journalist kann und sollte sich bewerben, der in einem Fachmedium einen aus seiner Sicht herausragenden Artikel veröffentlicht hat. Egal, ob Chefredakteur, festangestellter Reporter oder freier Mitarbeiter – Hauptsache Fachmedium. Und wenn man tatsächlich gewinnt, kann man sich berechtigterweise als Top-Journalist fühlen. Der Preis wirkt in vielerlei Hinsicht als eine Art "Türöffner" in der Branche.
Meist gelesen auf Horizont+
Wie läuft die Zusammenarbeit mit dem Verband Deutsche Fachpresse? Sehr professionell, absolut reibungslos, ausnehmend freundlich. Ich wünschte, es wäre an anderen Stellen des Lebens genauso.

Die aktuelle Ausschreibung läuft noch bis zum 5. Februar 2021. Näheres Infos gibt es unter Karl-Theodor-Vogel-Preis.de.
    stats