Europäische Digitalplattform

Die große Vision des Ulrich Wilhelm

BR-Intedant Ulrich Wilhelm hat sich durchgesetzt
BR-Intedant Ulrich Wilhelm hat sich durchgesetzt
Es klingt ein wenig wie der Turmbau zu Babel: Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm verfolgt die Vision einer paneuropäische Digitalplattform, die europäischen Nutzern eine Alternative zu Google, Fabebook, Amazon & Co. bieten soll. Als Vorbild schwebt ihm der Flugzeugbauer Airbus vor. Hat das Projekt eine Chance?
Dem Intendanten des Bayerischen Rundfunks schwebt nichts weniger als eine "europäische digitale Infrastruktur" vor. An der Plattform sollen sich öffentlich-rechtliche und private Rundfunkanbieter, Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft und Kultur "und viele andere" beteiligen können. Dabei soll es sich aber weder um eine "Super-Mediathek" noch ein europäisches Netflix handeln: "Man muss größer denken", fordert Wilhelm. Um mit den großen Plattformen aus dem Silicon Valley mitzuhalten, brauche man "eine Art europäisches Youtube mit Elementen von Facebook für den direkten Austausch mit den Nutzern sowie einer guten Suchfunktion - also ein Angebot das von Youtube, Facebook und Google gelernt hat, aber auf europäischen Idealen von Vielfalt, Qualität und Offenheit aufbaut".


Wilhelm schwebt also nichts weniger als eine Art europäische Super-Plattform mit den besten Inhalten und nach europäischen Datenschutzstandards und Moralvorstellungen vor. "Europa sollte digitale Rahmenbedingungen schaffen, die unser kulturelles Erbe und unser Verständnis von Privatsphäre und Datenschutz im Blick haben", so Wilhelm. 

Auch was die praktische Umsetzung angeht hat Wilhelm bereits eine Idee: "Man könnte rasch, ohne große Bürokratie nach Art eines Start-ups, einen Prototyp  für solch eine Infrastruktur entwickeln. Das wäre mit weniger als 50 Millionen Euro machbar", glaubt Wilhelm. Das Geld könne über Stiftungen oder aus Wagniskapitalfonds öffentlicher Banken aufgebracht werden. 


Eine europäische Alternative zu Netflix, Facebook und Youtube, finanziert mit öffentlichen Geldern: Ist das nun blauäugig oder visionär? Wilhelm hat die Idee unter anderem im Kanzleramt vorgetragen - offene Türen hat er dabei offensichtlich nicht eingerannt: "Die Reaktionen stimmen mich zuversichtlich, dass die Idee ausgelotet werden könnte", fasst er die Gespräche zusammen. Ihm schwebt ein runder Tisch vor, um die Idee weiter auszuarbeiten. Das könne noch in diesem Jahr geschehen.

Abgesehen von der großen Vision scheint also vieles noch wenig konkret zu sein. Wie realistisch ist es also, dass das Projekt einer großen europäischen Digitalplattform jemals in die Tat umgesetzt wird? Wenn man bedenkt, wie schwer sich Medienunternehmen selbst auf nationaler Ebene tun, angesichts der globalen Herausforderungen Kooperationen einzugehen, dürften die Chancen für das Projekt nicht gut stehen. 

Pro Sieben Sat 1 Media und Discovery haben im Juni den Aufbau einer gemeinsamen deutschen Streamingplattform angekündigt, die explizit auch weiteren Partnern offensteht. Am gleichen Tag gab die RTL Group bekannt, stärker in ihr eigenes Video-on-Demand-Angebot zu investieren. Mit NetID und Verimi formieren sich derzeit gleich zwei europäische Log-In-Allianzen, die jeweils ein Gegengewicht zu Google, Facebook und Amazon bilden wollen. Die meisten Verlage sind angesichts wegbrechender Erlöse ohnehin mit sich selbst beschäftigt: "Anstatt als Flottenverband für die Zukunft unserer Industrie zu kämpfen, kämpfen wir viel zu häufig noch gegeneinander", mahnte erst kürzlich Burda-Vorstand Philipp Welte. 

Und alle diese untereinander konkurrierenden und teils sogar zerstrittenen Unternehmen sollen sich nun unter Federführung eines öffentlich-rechtlichen Senders an einen Tisch setzen, an einem Strang ziehen und eine große europäische Digitalplattform aus dem Boden stampfen, die Google, Facebook & Co. Paroli bieten kann? Es wäre zu schön, um wahr zu sein. 

Auch Ulrich Wilhelm ist sich offenbar bewusst, dass es noch sehr viele Fragezeichen und Hürden gibt: "Wenn die Initiative zu lange nur in Gesprächszirkeln gehalten wird, ist sie tot. Da bin ich Realist." dh
stats