Erdogan in Berlin

So machen sich Medien und Agenturen für die Pressefreiheit stark

Schon am Flughafen wurde Erdogan mit einer mobilen Plakatwand begrüßt
© ROG
Schon am Flughafen wurde Erdogan mit einer mobilen Plakatwand begrüßt
Der Staatsbesuch von Recep Tayyip Erdogan sorgt bereits seit Tagen für hitzige Debatten im politischen Berlin - und in der Medienbranche. Bei der heutigen Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dem türkischen Präsidenten kam es dann tatsächlich zum Eklat. Der Journalist Ertugrul Yigit, der ein T-Shirt mit der Aufschrift "Gazetecilere Özgürlük - Freiheit für Journalisten in der Türkei" trug - wurde vor laufenden Kameras von Sicherheitsleuten abgeführt. Unterdessen haben Medien und Agenturen den Besuch Erdogans genutzt, um sich auf kreative Weise für die Presse- und Meinungsfreiheit einzusetzen.

"Ich habe nichts getan", rief der Journalist, der eine Akkreditierung für die Pressekonferenz hatte. Augenzeugen sagten, er habe vor dem Einsatz noch ruhig fotografiert. Regierungssprecher Steffen Seibert hat das Vorgehen der Ordner inzwischen verteidigt. "Wir halten es bei Pressekonferenzen im Kanzleramt wie der Deutsche Bundestag: keine Demonstrationen oder Kundgebungen politischer Anliegen", twitterte Seibert am Freitag. "Das gilt völlig unabhängig davon, ob es sich um ein berechtigtes Anliegen handelt oder nicht."

Der Journalist war nicht der einzige, der heute gegen Erdogan Flagge zeigte. Eine besonders kreative Form des Protests hat sich Reporter ohne Grenzen (ROG) mit der Aktion "Fonts for Freedom" einfallen lassen. Für die Aktion, bei der auch die Agenturen Serviceplan (Idee, Kreation, Realisierung) und Achtung (PR) mitwirken, hat ROG die Typografien geschlossener Medien aus verschiedenen Teilen der Welt rekonstruieren lassen. Auf Fonts-for-freedom.com können sich Medien die Schriftarten ab sofort kostenlos downloaden. 

Davon Gebrauch gemacht hat bereits die Tageszeitung Die Welt, die am heutigen Freitag ihre Titelseite in der Hausschrift der türkischen Zeitung Taraf gedruckt hat. Taraf wurde kurz nach dem Putschversuch im Juli 2016 wegen angeblicher Verbindungen zur Gülen-Bewegung per Regierungsdekret geschlossen. Auch die Tageszeitung taz hat eine der "verlorenen" Schriften übernommen: Die Seite 3 erschien am Freitag in der Schriftart von Özgür Gündem. Die kurdische Tageszeitung wurde wegen angeblicher Terrorpropaganda im August 2016 per Gerichtsbeschluss geschlossen.

Die Welt und die taz unterstützen die Aktion von Reporter ohne Grenzen
© ROG
Die Welt und die taz unterstützen die Aktion von Reporter ohne Grenzen
"Allein in der Türkei wurden in den vergangenen gut zwei Jahren rund 150 Medienorganisationen geschlossen. Damit ist das Land ein trauriges Paradebeispiel dafür, wie Medienpluralismus durch die Schließung kritischer Redaktionen weitgehend zerstört wird", sagt ROG-Geschäftsführer Christian Mihr. "Mit der Aktion sollen die geschlossenen Medien nicht in Vergessenheit geraten. Sie sollen selbst nach ihrer Auflösung ein Symbol für die Medien- und Pressefreiheit bleiben."

Der Protest wird nicht nur auf Zeitungsseiten, sondern auch auf der Straße sichtbar. Für größtmögliche Aufmerkamkeit bei den ROG-Kundgebungen rund um den Flughafen Tegel, den Washingtonplatz, das Kanzleramt und das Schloss Bellevue sollen mobile Plakatwände sorgen. Im Rahmen der OoH-Aktion werden überall in der Hauptstadt Plakate mit klaren Botschaften an den türkischen Präsidenten platziert - jede davon in der Schriftart einer der geschlossenen Zeitungen seines Landes. mas/dpa




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