"Eine Ära ist vorbei"

Das sagen die Medien zum Vorrunden-Aus der deutschen Nationalelf

Die deutschen und internationalen Medien gehen hart mit der Nationalelf ins Gericht
Berliner Morgenpost
Die deutschen und internationalen Medien gehen hart mit der Nationalelf ins Gericht
Das frühe Aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist seit gestern Abend das beherrschende Thema in Deutschland. In den Medien ist die Aufarbeitung der Pleite und die Abrechnung mit Jogis Jungs in vollem Gange - und natürlich wird auch die Trainerfrage gestellt. HORIZONT hat ausgewählte Kommentare zu der WM-Blamage gesammelt. 
Für die Bild kommentiert Sportchef Matthias Brügelmann das Aus: 


"Wir sind nicht mit Pech ausgeschieden, sondern völlig zu Recht. Wer gegen Mexiko und Südkorea verliert, hat ganz viel falsch gemacht.

Völlig unverständlich, warum Khedira und Özil nach der katastrophalen Leistung gegen Mexiko gegen Südkorea wieder spielen durften. Stur hielt Löw an ihnen fest. Den Erdogan-Skandal um Özil und Gündogan hat Löw unterschätzt. Die Nicht-Nominierung des Manchester-City-Stars Sané fällt Löw auf die Füße. Bedenklich, dass der Mannschaft abgesehen vom Schweden-Spiel das Feuer, die Leidenschaft fehlte. Das muss Löw sich ankreiden lassen.


Eine Ära ist vorbei. Gilt das auch für den Trainer? Löw muss sich nach zwölf Jahren als Bundestrainer kritisch hinterfragen, ob er bereit ist, aus seinen Fehlern von Russland zu lernen und den Umbruch radikal durchzuziehen. Nur dann ist Löw der richtige Bundestrainer für die EM 2020."  Christoph Biermann macht für 11 Freunde auch handwerkliche Fehler auf der Trainerbank aus: 

"Der Bundestrainer wirkte schon länger entrückt, als würde er nicht mehr unter den Irdischen weilen, sondern die Dinge vom Fußballolymp aus betrachten. Seine demonstrative Lässigkeit, gelehnt an eine Laterne auf der Strandpromenade von Sotschi war fast eine Selbstparodie des bohemistischen Espressotrinkers. 

Auch handwerklich war es nicht nur ein schlechtes Turnier von ihm, weil er sein Team offenbar nicht richtig las. Er hatte seine Spieler auch nicht in Form bekommen oder zu lange an den schwächelnden Weltmeistern festgehalten. Erstaunlicher Weise waren die Matchpläne schlecht oder wurden nicht angemessen umgesetzt. Auch die Standards, die in Brasilien entscheidend zum Titel beigetragen hatten, waren schwach." 

Tageszeitungen: Die Titelseiten vom 28.6.2018


Für Die Zeit kommentiert Oliver Fritsch das schwache Auftreten der deutschen Nationalmannschaft. Für ihn bietet das frühe Ausscheiden auch eine Chance: 

"Der deutsche Fußball sollte sich von seinen Illusionen verabschieden und wieder bescheidener werden. Wie kam man überhaupt auf die Idee, dass der aktuelle Kader der beste aller Zeiten ist, wie manche Experten behaupteten, wo doch der beste deutsche Fußballer seit Jahrzehnten, Philipp Lahm, nicht mehr dabei ist? (...)

So hilflos, blutleer und mittelmäßig wie gegen Südkorea sah man eine deutsche Elf zuletzt im Jahr 2004, also direkt vor dem Beginn der neuen Epoche. (...) 

Vielleicht hat das Vorrundenaus auch eine gute Seite. Nein, nicht die ersparte Klatsche in der K.-o.-Runde gegen Brasilien. Sondern den Stunde-null-Moment, den es auslösen könnte. Das war ja auch immer typisch für den deutschen Fußball: aus der Niederlage die richtigen Schlüsse ziehen."  In der FAZ stellt Anno Hecker die Frage nach der Zukunft von Joachim Löw: 

"Er hat die Verantwortung für die Zusammenstellung des Kaders. Er hat die "Jugend" gelobt, aber ihr zu wenig vertraut. Und er hat im Spiel gegen Mexiko Schwächen beim Coaching gezeigt, nicht zum ersten Mal. Auf dem Weg zum Titel in Rio zwang ihn die Verletzung eines Verteidigers im Achtelfinale zu einer taktisch überfälligen und intern geforderten Veränderung. Auch bei der EM 2012 trug eine falsche Aufstellung zur Niederlage gegen Italien bei. 

Löw darf nicht sakrosankt sein, wenn das schmerzhafte Resultat von Kasan der Beginn von etwas Neuem, Großem sein soll, des nächsten Fußballfestes zur Freude der Millionen Fans in Deutschland. Dass die Party vorbei ist, bevor sie richtig begonnen hat, ist verschmerzbar – falls die Strategen des deutschen Fußballs die Zeichen der Zeit erkennen und handeln." 

  Auch für die Süddeutsche Zeitung steht die Frage nach der Zukunft des deutschen Bundestrainers im Mittelpunkt: 

"Der DFB würde Löw gern im Amt halten, Präsident Reinhard Grindel hatte das bereits vor dem Spiel gegen Südkorea vorbeugend verkündet, aber er konnte nicht ahnen, dass es so ein schlimmes Ende nehmen würde. Nun ist es egal, ob Löw gerade erst einen neuen Vertrag unterzeichnet hat, der bis 2022 gilt; es ist auch einerlei, was Grindel möchte oder nicht. Löw muss selbst entscheiden, ob er Bundestrainer bleiben mag mit dem Makel, erstmals in der DFB-Geschichte die Vorrunde einer WM nicht überstanden zu haben."  Für Julien Wolff von der Welt gibt es aber auch Argumente für ein Festhalten an Löw: 

"Es gibt Gründe, warum Löw Bundestrainer bleiben sollte. Wenn er betont, er wolle Verantwortung übernehmen, tut er dies, indem er die Mannschaft der Zukunft aufbaut. Dass er eine Mannschaft entwickeln kann, hat er in den vergangenen Jahren bewiesen. So bitter diese WM war – Löw kann weiter der richtige Mann sein. Sofern er bereit ist, auf die neue Generation zu setzen. 

Sein Rücktritt würde zudem ein Loch reißen und den DFB vor ein großes Problem stellen. Alternativen gibt es derzeit kaum: Jupp Heynckes will sein Leben als Rentner genießen, Jürgen Klopp scheint sehr an seinem Job beim FC Liverpool zu hängen, Thomas Tuchel fängt gerade bei Paris St. Germain an." 

Die internationalen Pressestimmen zum WM-Aus der deutschen Mannschaft: 

ITALIEN

La Repubblica: "Deutschland ist verloren. Der moderne Fußball verschont keinen. Es ist ein geteiltes Schicksal, ein Virus, der sich durchfrisst, ohne Unterschiede. Es gibt nichts Größeres, als Weltmeister zu werden. Aber es ist eine wenig nachhaltige Größe." 

Nachrichtenagentur Ansa: "Germania kaputt" 

"Corriere della Sera": "Eine so graue Mannschaft hat nichts mehr zu sagen. Deutschland ist draußen - und jeder findet so sein eigenes Korea. Heute müssen wir erkennen, dass Deutschland auf der gleichen Stufe wie Italien steht. Es ist nur wesentlich älter."

POLEN

"Przeglad Sportowy": "Historische Katastrophe! Deutschland verliert auf sensationelle Weise gegen Südkorea und scheidet bei der WM aus! Die Niederlage gegen Mexiko und die Qualen mit den Schweden waren kein Zufall. Das Tor von Toni Kroos war nicht die Geburt einer neuen Mannschaft. Es verlängerte bloß die Agonie." 

"Sportowe Fakty": "Schock für die Deutschen. Die Weltmeister fahren nach Hause. Neben Südkorea sah die Mannschaft von Joachim Löw aber weder flinker, ideenreicher noch organisierter aus als bei ihren vorherigen Auftritten." 

"Rzeczpospolita": "Der Weltmeister scheidet aus dem Turnier aus: Deutschland gewinnt nicht immer. Deutschland stieß mit dem Kopf gegen die koreanische Mauer und als die Uhr die 90. Minute anzeigte, schien es, dass die Mannschaft ihr Ziel noch erreicht. Neun zusätzliche Minuten wurden jedoch zum deutschen Alptraum und zur emotionalen Achterbahnfahrt"

SCHWEIZ

"Neue Zürcher Zeitung": "Ein Test gegen Brasilien misslang, und zuletzt konnte nicht einmal gegen Österreich gewonnen werden, ja selbst Saudiarabien wurde zur echten Hürde. Doch Löw war außerstande, dieser Erosion entgegenzuwirken, ja er beschleunigte diesen Prozess sogar, indem er es versäumte, die Erneuerung des Kaders konsequent voranzutreiben: Spieler wie Sami Khedira, Mesut Özil und Thomas Müller konnten sich ihres Stammplatzes sicher sein. Dabei hätte das Personal für einen Umbruch durchaus bereitgestanden, doch Löw scheute den Konflikt mit dem angestammten Personal. Viel zu spät steuerte Löw gegen, weswegen sein Anteil am Dilemma gewiss nicht klein ist." 

"Tages-Anzeiger": Die Warnschüsse wurden nicht ernst genug genommen. Bundestrainer Joachim Löw verbreitete ein lässiges Wir-schaffen-das-schon-Gefühl, und er erstaunte mit seltsamen Entscheidungen. So berief er Leroy Sané nicht ins WM-Kader. Und so stellt sich die Frage, ob Löw trotz kürzlich erfolgter Vertragsverlängerung bis 2022 noch der richtige Trainer ist, um den dringend notwendigen personellen Umbau im Team zu moderieren. Nach zwölf Jahren in der Verantwortung hat es sich Löw gemütlich eingerichtet, frische Impulse verlieh der 58-Jährige seiner Belegschaft schon länger nicht mehr." 

"Blick": "Die WM stand früh unter einem schlechten Stern - zumal kaum ein Weltmeister von 2014 Normalform hatte: Mesut Özil, Sami Khedira, Jerome Boateng oder Thomas Müller? Alle Schatten ihrer selbst, mut- und kraftlos. Und vor allem: satt. Tone Kroos schoss ein wunderbares Tor gegen Schweden - legte dafür aber im Getümmel den Südkoreanern das Führungstor auf. Symptomatisch!"

ÖSTERREICH

"Österreich": "Neues KORdoba für Piefke" 

"Kurier": Das Spiel gegen Südkorea wird eingehen in die deutsche Sport-Historie als die Schande von Kasan. 0:2. Kraftlos, mutlos, planlos, verunsichert, lethargisch. Wer hätte gedacht, dass die im Vorfeld der WM in Russland so hoch gehandelte und im Vorjahr nach dem Sieg im Confed-Cup und dem gleichzeitigen Triumph bei der Unter21-WM für fast unschlagbar gehaltene deutsche Auswahl alle deutschen Tugenden vermissen lassen würde?" 

"Der Standard": "Ausgeweltmeistert. Der Titelverteidiger muss nach einer blutleeren Vorstellung die Heimreise antreten."

PORTUGAL

"Público": "Das elende Schicksal des Weltmeisters. Es ist ein 'Auf Wiedersehen' für den Weltmeister, das sich bereits in der Niederlage gegen Mexiko erahnen ließ, das aber mit jenem rettenden Tor von Toni Kroos gegen Schweden in der Schublade verschwunden war. Dieses Mal scheiterte die ganze 'Mannschaft'." 

"Diário de Noticias": "Und schon sind es zehn: Wer den Confederation Cup gewinnt, siegt nicht bei der Weltmeisterschaft.(...) Der Fluch des Confederation Cup bleibt ungebrochen und macht aus Deutschland sein neues Opfer." 

"Expresso": "Deutschland hatte in dieser Weltmeisterschaft eine makellose Uniform, mit der es die Elf von 1990 würdigte, den Weltmeister von Italien. (...) 28 Jahre später, in einem schönen Grün (...) und Özil, Reus, Müller, Werner und Gomez auf dem Feld, übersteht Deutschland die erste Phase des Turniers nicht. Das ist etwas, das nur einmal geschah, 1938."

SERBIEN

"Kurir": "Auf geht's nach Hause, Ihr Deutschen! Und nehmt auch den (deutschen Schiedsrichter Felix) Brych mit." 

"Sport24": "Auf Wiedersehen!"

(Internationale Pressestimmen: dpa)
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