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Warum Radio nicht sterben wird

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Begehrt: Der Deutsche Radiopreis 2021
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Begehrt: Der Deutsche Radiopreis 2021
Für Deutschlands Hörfunkmacher rückt der Höhepunkt des Jahres nahe. Am 2. September verleiht der Deutsche Radiopreis die Auszeichnungen für die besten Produktionen des öffentlich-rechtlichen und privaten Hörfunks. Im HORIZONT-Interview erklären Beiratsmitglied Nina Gerhardt, im Hauptberuf Chefin von RTL Radio Deutschland, sowie Katja Marx, Beiratsvorsitzende und NDR-Programmdirektorin Hörfunk, wie das Radio junge Hörer halten kann, was in der Flutkatastrophe schief lief und warum Radio-Journalisten nicht den Drang verspüren sollten, Millionär zu werden.

Streaming, Podcasts und Social Audio bestimmen die Schlagzeilen in der boomenden Audiowelt. Passt der Deutsche Radiopreis noch in diese Zeit des Wandels oder hat er sich überlebt? 
Katja Marx: Das Radio hat sich nicht überlebt, es strahlt so funkelnd wie eh und je. Mit dem Deutschen Radiopreis stellen die Privaten und die Öffentlich-Rechtlichen gemeinsam das Medium ins Rampenlicht, weil es uns miteinander verbindet und weil es nah und knisternd bei den Menschen ist.

Nina Gerhardt: Es gibt einen anhaltenden und sehr weitreichenden Audio-Trend. Das spornt uns zusätzlich an, denn hier liegt unsere Stärke. Das Medium Radio verkörpert die Magie von Audio und der Deutsche Radiopreis zeigt eindrucksvoll, wie diese Magie Tag für Tag für die Menschen entsteht.


Die Musikkompetenz hat Radio an Spotify verloren und beim Wort machen ihm Podcasts von Quereinsteigern die Vorrangstellung streitig. Ist Ihr Medium durch den On-Demand-Trend zum Gejagten der Audiowelt geworden? 
Marx: Die größte Stärke des linearen Radios ist seine Live-Fähigkeit, die es Menschen ermöglicht, mit ihren Ohren direkt am Geschehen teilzuhaben. Es gibt nichts, das die Nähe zwischen dem Radio und den Hörerinnen und Hörern besser ausdrücken kann. Auch deshalb sehe ich die nonlinearen Angebote nicht als Konkurrenz zu Radio, sondern als Ergänzung. Die nonlineare Nutzung erfolgt zeitsouverän und oft in komplett anderen Situationen. Nehmen wir unser Programm NDR Info: Es hat seinen Nutzungsschwerpunkt am Morgen in der Primetime und am Nachmittag, wenn die Menschen von der Arbeit nach Hause fahren und sich updaten wollen. Der Podcast „Corona Virus Update“ mit Christian Drosten mit rund 114 Millionen Abrufen erfüllt als nonlineares Format von NDR Info ein komplett anderes Bedürfnis bei den Hörern, weil sie ihn jederzeit an jedem Ort anhören können.

Gerhardt: Radio steht nicht nur für Musik, sondern auch für Nachrichten, Hintergrund und Einordnung und vor allem für den Mix aus Information und Unterhaltung. Diese Formatierung und Kuratierung ist eine seiner Kernkompetenzen. Zudem muss ich widersprechen: Radio besitzt ganz klar eine starke Musikkompetenz, Streamingdienste gehen hingegen anders an Audio heran. Ich betrachte beide Angebote eher als komplementär, zumal wir als Live-Medium auch im Netz mit Podcasts, Webradios und Musikstreams stark vertreten sind. Zudem entstehen neue Hits weiterhin in erster Linie durch das Medium Radio und nicht durch Streamingdienste.

„Wer Millionär oder Influencer werden will, sollte nicht Radio-Journalist werden.“
Katja Marx
Katja Marx
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Katja Marx
Laut JIM-Studie 2020 nutzen weniger als die Hälfte der Jugendlichen regelmäßig Live-Radio, um Musik zu hören, während die drei Streamingdienste Spotify, Apple Music und Amazon Music schon auf 70 Prozent kommen. Wenn der Nachwuchs mehr und mehr den Bezug zum Radio verliert, ist es dann ein sterbendes Medium? 
Gerhardt: Ganz im Gegenteil. Dass es eine Nutzungsverlagerung bei den Jüngeren hin zu Audio-on-Demand gibt, nehmen wir als große Chance wahr, unsere Angebote zu verlängern. Natürlich möchten vor allem junge Menschen verstärkt Inhalte zeitsouverän und selbstbestimmt hören. Diesem Bedürfnis kommen wir nach, indem wir stärker auf junge Zielgruppen zugehen, zum Beispiel über Events oder in Social Media, wo viele Sender eine große Followerschaft aufgebaut haben, wie der Berliner Sender JAM FM. Gerade die aktuelle Media-Analyse hat aber auch gezeigt, dass viele junge Programme stark abgeschnitten haben, was für die Bindung der Jungen auch an klassisches Radio spricht.

Marx: Ich sehe das veränderte Nutzungsverhalten der jüngeren Generation nicht als Bedrohung, sondern als spannende Herausforderung für uns. Wir wollen mit unseren Angeboten für möglichst viele Menschen wertvoll sein. Dabei eignen sich Podcasts mit ihren spitzen Formaten sehr gut, weil wir Zielgruppen ein tolles Angebot machen können, die sehr individuelle Bedürfnisse haben. Ein Beispiel dafür ist der NDR-Literatur-Podcast „Eat.Read.Sleep“, der seit seinem Start im Juni 2020 heute auf mehr als 100.000 Downloads im Monat kommt. Die Nutzer interessieren sich für Bücher und Buchkritik und schätzen die moderne, dialogische Form des Podcasts. Es wäre ungleich schwieriger, eine so große und engagierte Community allein mit einer linearen Sendung in so kurzer Zeit aufzubauen.

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Das Radio stellt in der Corona-Krise seine Systemrelevanz in den Vordergrund. Aber was ist sie wert, wenn es die Menschen immer stärker zu den nichtlinearen Audioangeboten zieht? 
Marx: Radio erreicht jeden Tag rund 53 Millionen Menschen, so viel Zuspruch würden sich andere Medien wünschen. Deshalb ist die Systemrelevanz extrem viel wert, vor allem in der Pandemie. Es ist das Genre Radio – privat wie öffentlich-rechtlich –, das gerade in der Corona-Krise sehr viel Vertrauen in der Information und Aufklärung der Menschen genießt. Wir haben uns von Beginn der Pandemie an zusammen mit Wissenschaftlern auf die Suche nach den Fakten und Antworten begeben. Deshalb können wir mit breiter Brust von Systemrelevanz reden.

Gerhardt: Auch bei der Flutkatastrophe hat sich gezeigt, dass Radio eine Schnittstelle für überlebenswichtige Informationen der Menschen bildet. Deshalb steht seine Systemrelevanz außer Frage.

Wirklich? Sie, Frau Marx, haben im April gesagt, dass Radio für „verlässliche Information“ steht. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli haben SWR und WDR aber überwiegend ihr Standardprogramm gesendet und die Menschen in den betroffenen Gebieten erst sehr spät über die lebensgefährliche Lage informiert. War man in dieser Nacht verlassen, wenn man sich auf das Radio verlassen hat? 
Marx: Nein. Es sind Fehler gemacht worden, die in der Öffentlichkeit breit diskutiert und intern intensiv nachbereitet wurden. Ein Hauptproblem war, dass die Vernetzung mit Institutionen wie Katastrophenschutz, Feuerwehr und Wetterdienst nicht belastbar funktioniert hat. Aber ab dem nächsten Morgen sind die Sender breit in die Berichterstattung eingestiegen, das hält bis heute an. Und es gibt auch ein Beispiel für einen Sender, der alles richtig gemacht hat, nämlich Radio Wuppertal. Dessen Chefredakteur hat dank seiner persönlichen Quellen sehr schnell verstanden, was gerade passiert. Er hat mit seinem Team gesendet und gesendet, bis auch das Notstromaggregat den Geist aufgegeben hat. Das ist ein wunderbares Beispiel, wie ein Radioprogramm in einer Notsituation systemrelevant aktiv sein kann. Deshalb hat der Beirat des Deutschen Radiopreises entschieden, Radio Wuppertal für seine Leistungen in der Flutnacht einen Sonderpreis zu verleihen.

„Neue Hits entstehen in erster Linie durch das Radio, nicht durch Streamingdienste.“
Nina Gerhardt
Nina Gerhardt
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Nina Gerhardt
Frau Gerhardt, außer Radio Wuppertal sind andere Privatsender, die die Flutgebiete abdecken, nicht durch herausragende Berichterstattung in der besagten Nacht aufgefallen. Muss sich deshalb auch das Privatradio Fehler und Versagen ankreiden lassen? 
Gerhardt: Es sind Fehler an den Quellen gemacht worden, aus denen auch Privatradio bei Gefahren schöpft. Radio Wuppertal hat sich mit seiner eigenen Reaktion positiv hervorgetan. Natürlich muss der private Hörfunk immer schauen, was leistbar ist für ihn. Insgesamt müssen öffentlich-rechtliche und private Anbieter in Zukunft noch stärker reflektieren, wie sie mit solchen Extremsituationen umgehen, um daraus zu lernen und für künftige Situationen besser vorbereitet zu sein.

Aber reicht es, die Fehler nur bei den Behörden zu suchen? Die Wetterdienste haben doch tagelang mit wachsender Intensität öffentlich davor gewarnt, dass im Westen außergewöhnlich schwere Unwetter drohen. Müssen deshalb nicht auch private und öffentlich-rechtliche Sender für sich Konsequenzen aus ihren Versäumnissen in der Flutnacht ziehen? 
Marx: Wir arbeiten intensiv an diesem Thema und sind im kritischen und konstruktiven Dialog mit den Katastrophenschutzbehörden. Es gibt systemische Fehlerquellen, die dazu geführt haben, dass Warnmeldungen nicht verlässlich bei den Redaktionen angekommen sind. Wir wollen aus den Erfahrungen aus der Flutnacht lernen, damit sich die Fehler nicht wiederholen.

Die Öffentlich-Rechtlichen haben die Corona-Pandemie für eine digitale Angebotsoffensive genutzt und können nun auch höhere Rundfunkbeiträge einziehen. Die Privatradios kämpfen dagegen mit sinkenden Werbeerlösen und bangen zum Teil um ihre Existenz. Wie haben Sie sich da noch zu einer gemeinsamen Preisverleihung zusammenraufen können? 
Gerhardt: Als jüngstes Beiratsmitglied des Deutschen Radiopreises kann ich sagen: Wir befassen uns dort nicht mit rechtlichen Rahmenbedingungen, sondern setzen unsere gebündelte Kraft und Energie für das ein, was uns am Herzen liegt: Die Leidenschaft für Radio zu würdigen. Die Zusammenarbeit ist daher absolut harmonisch, vertrauensvoll und mit festem Blick auf das, was wir für die Gattung Radio tun können.

Marx: Auch ich nehme die Arbeit im Beirat als sehr konstruktiv und kooperativ wahr. Das gilt generell für die privaten und öffentlich-rechtlichen Radios, die in einem starken Miteinander sind, weil die einen ohne die anderen im Hintertreffen wären. Das gilt bis hin zum Werbemarkt. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Rundfunkbeitrag hat eine Signalwirkung für den Journalismus und die Medien in Deutschland, weil das Grundrecht auf Informationsfreiheit gestärkt wurde.

Die Beitragserhöhung stärkt doch nur die Öffentlich-Rechtlichen. Und das von Ihnen so genannte Miteinander von ARD Werbung und RMS im Werbemarkt ist ein Duopol, das schon öfter das Kartellamt auf den Plan gerufen hat. Beschönigen Sie die Realität? 
Marx: Das Urteil stärkt das duale Rundfunksystem in Deutschland als Ganzes. Der gesetzliche Gestaltungsauftrag an die Länder geht ja deutlich über die Öffentlich-Rechtlichen hinaus und ich halte das auch für richtig. Denn unser öffentlich-rechtliches Medienangebot an die Menschen wäre nicht dasselbe, wenn es die Privaten nicht gäbe – und andersherum.

Weshalb hat der Vaunet nicht gegen die Beitragserhöhung protestiert, Frau Gerhardt? 
Gerhardt: Vaunet hat sich differenziert zum Urteil geäußert. Wir haben gelernt, mehr auf uns selbst zu schauen und weniger auf die anderen. Wir fordern aber von der Politik, dass wir Rahmenbedingungen bekommen, die uns ein Agieren auf Augenhöhe ermöglichen. Das ist unser Fokus.

Zum Start des Deutschen Radiopreises 2010 hat der damalige NDR-Hörfunkdirektor und heutige Intendant Joachim Knuth gesagt: „Die ARD will sich nicht selbst einen Preis verleihen, wir wollen alle dabei- und eine unabhängige Jury haben.“ Sind die Privaten von Anfang an nur geduldet, damit die Radiomacher der ARD besser glänzen können und auf der Party mehr los ist? 

Marx: Nein. Die Privaten spielen eine ernsthafte Rolle auf Augenhöhe. Und ich bin ziemlich sicher, dass kommerzielle Sender auch diesmal Überraschungspreisträger stellen werden in Kategorien, die als Home Run für die Öffentlich-Rechtlichen gelten und umgekehrt. Das macht die Spannung des Preises aus.

Bei den Nominierungen fällt aber auf, dass die Öffentlich-Rechtlichen in ernsten Kategorien wie „Beste Reportage“ oder „Bestes Informationsformat“ dominieren, während die Privaten bei „Beste Comedy“ und „Beste Programmaktion“ in der Mehrheit sind. Was sagt das über die programmlichen Leistungen der System-Rivalen aus? 
Marx: Es zeigt die Stärken des jeweiligen Systems. Wir Öffentlich-Rechtlichen haben einen Informations-, Bildungs- und Kulturauftrag. Das spiegelt sich auch in den Einreichungen und Nominierungen der Vorjury wider. Das ist aber noch längst keine Garantie dafür, wer den Preis mit nach Hause nimmt.

Gerhardt: Wir sollten nicht die Schubladen aufmachen. Es gibt eben einige öffentlich-rechtliche Info-Sender, aus denen heraus viele hochwertige Informationsangebote entstehen. In Kategorien wie Comedy – die nach dieser Rechnung eher an die Privaten gehen müssten – waren die Nominierungen auch oft bunt gemischt.

Zuletzt haben Vertreter des privaten und öffentlich-rechtlichen Radios über Nachwuchsprobleme geklagt. Weshalb soll ein junger Mensch heute noch zu Ihrem Medium gehen, wenn er als Youtuber oder Podcaster sein eigenes Ding machen und dabei auch noch absahnen kann? 
Gerhardt: Genauso gut könnte man fragen, warum jemand zum Radio geht und nicht Schauspieler:in wird. Das sind erstmal zwei unterschiedliche berufliche Profile. Natürlich muss eine Nachwuchskraft als Redakteur:in bei uns im Radio einen 360-Grad-Blick haben, also neben dem Linearen auch Social Media oder das Schneiden von Inhalten, wie Videos, beherrschen. Aber es gibt auch nicht wenige Radiomoderator:innen, die selbst in Social Media eine großer Followerschaft und daher Influencerstatus haben Dies steht aber immer in Verbindung zu ihrem Moderator:innen-Job. Wer heute zum Radio geht, hat in der Regel einen anderen Fokus als früher. Aber es gibt immer noch viele junge Menschen, die zu unserem Medium wollen.

Marx: Wer Millionär oder Influencer werden will, sollte nicht Radio-Journalist werden. Es ist im Übrigen auch nicht die Motivation der jungen Menschen, die zum Radio wollen, Millionär zu werden. Es sollte Journalisten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch nicht darum gehen, Menschen etwa entlang von kommerziellen Interessen zu beeinflussen, wie Influencer das häufig tun. Der berufsethische Anspruch an Journalisten ist viel höher. Da gelten Grundsätze wie die Unabhängigkeit, Trennung von Bericht und Meinung, Faktentreue und die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass sich junge Leute aus möglichst allen Schichten beim Radio bewerben? 
Marx: Sehr wichtig. Wir haben in der Volontärsausbildung des NDR in diesem Jahr zusätzlich vier regionale Volontariate für jedes Bundesland unseres Berichtsgebiets vergeben. Wir wollten so junge Leute gewinnen, die in ihrer Region verwurzelt sind und Interesse am Beruf des Journalisten beziehungsweise der Journalistin haben, unabhängig davon, ob sie studiert haben und in die Großstadt wollen. Damit haben wir offensichtlich einen Nerv getroffen, denn es gingen sehr viele interessante Bewerbungen ein. Wir wollen mit diesen Regionalvolontariaten die Chance nutzen, noch diverser zu werden und zum Beispiel Volontäre aus Handwerker- oder Landwirtschafts-Haushalten zu gewinnen, deren Perspektiven unseren Redaktionen bereichern werden.

Gerhardt: Auch wir haben gelernt im Umgang mit jungen Bewerberinnen und Bewerbern. Wir müssen sie anders ansprechen, um sie gewinnen zu können und so noch mehr Vielfalt unter unseren Beschäftigten zu erzielen.

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