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Bild-Chef Julian Reichelt auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt
Light Hunters Photography
Deutscher Medienkongress

Wie Julian Reichelt Bild zum Bewegtbild-Player machen will

Bild-Chef Julian Reichelt auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt
Immer passiert irgendwo etwas. Und alles könnte irgendwie eine Nachricht sein. Man muss nur schnell an sie rankommen. Im journalistischen Universum von Bild-Chefredakteur Julian Reichelt werden in Zukunft auch Bild-User Content liefern – und wie es aussieht, dürfte der eher blutig sein. Auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt stellte Reichelt vor, wo er diese Art der Berichterstattung verortet.
von Wolfgang Borgfeld Donnerstag, 30. Januar 2020
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Wer Reichelt (39) lauschte, hörte zunächst einen sehr viel älteren Mann, der unterschiedliche, längst vergangene Bilder der Zunft zeichnete: Früher einmal seien Journalisten die ewigen Zweifler gewesen, deren Job es gewesen sei, alles zu hinterfragen, niemandem zu glauben – "wir waren die alleinigen Wächter der Wahrheit."


Das habe sich umgekehrt, in Zeiten von Social Media und dem dort verbreiteten maximalen Misstrauen sei die Presse zu Verfechtern davon geworden, dass es Wahrheit überhaupt gibt.

Doch Reichelt fremdelt mit dieser Rolle. Offenbar bietet Social Media ihm doch eine interessante Perspektive. Per Mail schwörte er zu Jahresbeginn die Mitarbeiter auf Live News ein. Reichelt gibt sich als selbstkritischen, dem Leser verpflichteten Journalisten, der eingesteht, er und seine Kollegen hätten viel zu lange den Dialog mit den Lesern ignoriert. Nunmehr habe man sich auf das Gespräch mit dem Publikum eingelassen. Und so wird ein Schuh draus: Warum nicht den Usern ein Angebot machen, ihnen zuhören? Der größte und beste Aggregator von Inhalten könnte das Bild-Publikum sein.
„Technologie wird uns helfen, die Welt live zu erleben. Das sollte uns nicht abschrecken. Ich finde es faszinierend.“
Julian Reichelt
Die Idee ist ja nicht neu. Neu ist die nach wie vor stetig wachsende Popularität bewegter Bilder und hier insbesondere das Faszinosum, live dabei sein zu können: "Breaking News werden einige der wenigen Produkte sein, die wir live konsumieren werden", ist Reichelt überzeugt. "Technologie wird uns helfen, die Welt live zu erleben. Das sollte uns nicht abschrecken. Ich finde es faszinierend."


Und weil für Reichelt die zwanziger Jahre des 21. Jahrhunderts zur Dekade der Nachrichten werden, biete sich hier auch ein neues Geschäftsfeld an. Wenn Springer das Projekt Bewegtbild-Inhalte tatsächlich umsetzt, und nichts deutet darauf hin, dass man dabei Skrupel hätte, dann werden die geschätzten User direkt an Bild Nachrichten von Mord und Totschlag liefern. Die Live-Videos werden erstmal frei verfügbar sein, sollen aber später zu einem Pay-Produkt gewandelt werden.

Dabei denkt Reichelt durchaus groß: Die globale Erlebbarkeit führe zu großer Betroffenheit, damit steige das Informationsbedürfnis. Und Reichelt weist Bild da eine klare Mission zu: "Wir sind auf der Jagd nach der bestmöglichen Version von Fakten."
HORIZONT-Autorin Ulrike Simon befragt Julian Reichelt auf dem Deutschen Medienkongress
© Light Hunters Photography
HORIZONT-Autorin Ulrike Simon befragt Julian Reichelt auf dem Deutschen Medienkongress
HORIZONT-Autorin Ulrike Simon stellt dann, wie bereits zuvor, Fragen, auch zum journalistischen Arbeiten, beispielsweise zur Auswahl der Inhalte. Reichelt ist da ziemlich unverblümt. Ausgewählt werde das, von dem Bild glaube, "was die Menschen am meisten beschäftigt". Ziel sei, Menschen emotional sofort zu erreichen. Dass das dann eher die "tragische Geschichte" des jungen Mannes ist, der seine Familie umbringt, oder eine möglicherweise vom Telefon aus verhinderte Gruppenvergewaltigung in Bayreuth, lässt für differenzierte Themen wenig Spielraum - if it bleeds, it leads, auch im 21. Jahrhundert hat "Mann beißt Hund" Konjunktur. Jetzt halt nur in bewegten Bildern.

Und wie sieht es mit dem Thema Faktencheck aus? Naja, wiegelt Reichelt ab, "Journalisten erzählen auch Blödsinn", die zuvor definierte Messlatte ("zwei Quellen zu finden, um eine Nachricht zu verifizieren, war nie leichter!") will er offenbar dann doch nicht so hoch hängen. Was dem Bild-Chef wichtig ist, betont er am Ende nochmal: "Wir machen emotionale Berichterstattung." Dass die Flut medial verbreiteten Schreckens und Verbrechens ein Weltbild negativ prägen, dass sie Ängste schüren könne, die zu Ablehnung und Polarisierung führe – kein Thema für Reichelt. Die implizit gestellte Frage nach Vertrauen beantwortet Reichelt offensiv und explizit: Die Bild-Zeitung habe längst bewiesen, dass sie eine vertrauensvolle Rolle spiele, wie keine andere Boulevardzeitung auf der Welt.

Wie sagte Reichelt am Anfang seines Vortrags: "Als Branche halten wir unsere eigene Zukunft in den Händen." Das es dabei auch um Fragen der Ethik geht, um Aufklärung, Vermittlung und auch um gesellschaftliche Verantwortung, davon war jetzt keine Rede mehr.

Vielleicht kann man Reichelt seine Faszination für tendenziell eher blutige Nachrichten gar nicht übel nehmen. Das wäre eine Deformation professionelle – Reichelt war einmal Kriegsberichterstatter.
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