Science-Fiction-Autorin Sheree Thomas

"Wir müssen lernen, anders auf die Welt zu blicken"

Sheree Renée Thomas: "Was uns fehlt, ist ein ,Sense Of Wonder', die Bereitschaft zu staunen."
© Gabby Rodriguez & Wisdom Dewberry
Sheree Renée Thomas: "Was uns fehlt, ist ein ,Sense Of Wonder', die Bereitschaft zu staunen."
Wie können wir mit der Weisheit unserer Vorfahren die heutigen Probleme lösen? Darüber spricht beim Deutschen Medienkongress 2020 eine der schillerndsten Vertreterinnen der amerikanischen Science-Fiction-Szene: Sheree Renée Thomas, vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin mit einem Faible für Mythen, Folklore und Naturkunde. Im Gespräch mit HORIZONT verrät sie, wie wir unsere Perspektive ändern können.  

Sheree, Sie raten, in die Vergangenheit zu blicken, um die heutige Welt besser gestalten zu können. Warum? Die Welt entwickelt sich technologisch sehr schnell weiter. Die „Conditio Humana“, der Zustand des Menschen, hält damit aber nicht Schritt, er entwickelt sich langsamer. Wir stehen nämlich immer noch vor denselben Herausforderungen, die wir schon früher hatten. Die Probleme, die wir geschaffen haben, entsprechen einem bestimmten Level des Denkens. Um die Welt besser zu gestalten, müssen wir auf ein höheres Level kommen und endlich aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. Die Möglichkeiten, die wir heute haben, sind so gut wie nie: Unsere gesamte Technologie ist vernetzt, unsere Ökonomie ebenfalls. Daher können wir viel bewegen, wenn wir zusammenarbeiten.



Dabei kann uns das Wissen früherer Zeiten helfen, sagen Sie. Welches Wissen meinen Sie? Das heute teilweise vergessene Wissen der verschiedenen Kulturen auf der ganzen Welt. Sie alle haben ihre ganz eigenen Vorstellungen von der Welt, die sich unter anderem in Kunstformen und tradierten Geschichten niederschlagen. Diese Geschichten basieren auf frühen Erfahrungen der Völker, an die sich heute niemand mehr erinnert. Ein inspirierendes Beispiel sind die australischen Ureinwohner in der Zeit, bevor die Engländer dorthin gelangt sind.

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Was können wir daraus lernen? In Somalia zum Beispiel ist Wasser ein sehr knappes Gut. Daher spielt es in der dortigen Kultur eine wichtige Rolle, vor allem die Frage, wer die Kontrolle über das Wasser hat. Diese Sensibilität für das Thema Wasser kann auch uns einen Weg aufzeigen, Wasser höher zu schätzen. Denken Sie an die ach so beliebten Avocados: In den USA weiß kaum jemand, wie viel Wasser es braucht, um sie anzubauen, und dass der Export großen Wassermangel und weitere Probleme in Ländern wie Mexiko mit sich bringt. Wir haben heute vergessen, dass alle Dinge verbunden sind, dass der Kaffee nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern aus Afrika. Wir müssen lernen, anders auf die Welt zu blicken.


Müssen wir uns teilweise vom rationalen Denken verabschieden, um uns besser auf das Wissen der Vergangenheit einlassen zu können? Absolut! Wir leben in einer sehr intellektuellen, von wissenschaftlichem Denken geprägten Welt. Was uns fehlt, ist ein „Sense Of Wonder“, die Bereitschaft zu staunen. Diese hat weniger mit dem Glauben an irrationale Dinge zu tun, es ist vielmehr eine psychische Einstellung. Als Kind haben wir sie noch, aber später werden wir konditioniert, sie auszublenden. Dieser „Sense of Wonder“ ermöglicht es uns nicht zuletzt, anders darüber nachzudenken, wie wir kooperieren können. Und darum geht es letztlich immer: Die Kulturen, die schon immer gut kooperieren konnten, sind die, die bis heute überlebt haben.

„Wir haben heute vergessen, dass alle Dinge verbunden sind, dass der Kaffee nicht aus dem Supermarkt kommt, sondern aus Afrika. “
Sheree Renée Thomas
Sie schreiben Science Fiction. Lassen Sie sich dabei von den Problemen der Gegenwart inspirieren? Selbstverständlich. Man glaubt immer, bei Science Fiction gehe es um die Zukunft. Aber nein, man spricht immer über das Hier und Heute. Denken Sie an Margaret Atwood, die im „Report der Magd“ einen totalitären Staat beschreibt, in dem Frauen keine Rechte haben. Als sie gefragt wurde, was sie dazu inspiriert hat, lautete ihre Antwort: die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan! Die Gegenwart wurde also zum Ausgangspunkt für eine Geschichte aus der Zukunft. Ähnlich ist es bei Octavio E. Butler, dessen Bücher uns ins 19. Jahrhundert zurückführen, in die Zeit der Sklaverei. Sie werden heute als Case-Studies für die Gender-Debatte von amerikanischen Studenten und Mitarbeitern von NGOs gelesen.

Brauchen wir starke Geschichten, um Menschen zum Umdenken zu bringen? Ja. In der Fantasie liegt eine große Kraft, vor allem in Geschichten, in denen Menschen gezwungen sind, das Unmögliche zu versuchen oder einen Weg finden müssen zu überleben. Natürlich gibt es wissenschaftliche Studien zu bestimmten Problemen wie dem Klimawandel, aber Science-Fiction-Stories liefern den Kontext. Sie zeigen, was das alles bedeuten würde. Und sie können komplexe Zusammenhänge erklären. Ein sehr gutes Beispiel ist J.G. Ballards „The Drowned World“ von 1962, in dem steigende Temperaturen für einen erhöhten Meeresspiegel sorgen und letztlich die ganze Welt in eine Dschungellandschaft verwandeln. Oder „New York 2140“ von Kim Stanley Robinson, das ein durch den Klimawandel überflutetes New York zeigt. Oder „The Windup Girl“ von Paolo Bacigalupi, eine Dystopie über eine Welt, in der Energie sehr knapp geworden ist. Es gibt viele weitere Beispiele.
„Man glaubt immer, bei Science Fiction gehe es um die Zukunft. Aber nein, man spricht immer über das Hier und Heute.“
Sheree Renée Thomas
Sie sind als Schriftstellerin sowohl vom Afro-Futurismus als auch von den Black Speculative Arts beeinflusst worden – beides Kunstbewegungen, die von der Erfahrungswelt von Afro-Amerikanern ausgehen. Wie hat sich das ausgewirkt? Es geht dabei um einen Ausweg aus der Sklaverei, um Selbstbestimmung, um das Recht auf das amerikanische „Pursuit of Happiness“, das Streben nach Glück. Dieses Projekt ist bis heute nicht abgeschlossen, weil diese Ziele noch nicht erreicht sind. Letztlich ist es das Projekt der Freiheit. Mich inspiriert es in einem weiter gefassten Sinn, denn die Erfahrung, zu einer gefangenen Bevölkerungsgruppe zu gehören, machen weltweit sehr viele Menschen. Sie leiten daraus jeweils unterschiedliche Lösungswege ab, aber letztlich sind sie alle verbunden und können voneinander lernen.

Würden sich die Dinge schneller zum Besseren wenden, wenn Frauen mehr zu sagen hätten? Natürlich. Frauen haben traditionell die Rolle, sich um die Community zu kümmern. Wir sind darauf trainiert, nicht nur an uns selbst, sondern auch an andere zu denken. Genau diese Fähigkeiten sind gefragt, wenn wir die Probleme der Welt angehen wollen.

Sind versprühen viel Optimismus, was die Zukunft angeht. Wie kommen Sie dazu? Ich sehe, wie viele Menschen an positiven Veränderungen arbeiten, wie sie kommunizieren, kooperieren und Wissen weitergeben. Wie sie Menschen in die Gemeinschaft holen, die marginalisiert sind. Natürlich geht es manchmal zwei Schritte vor und gleich wieder zwei Schritte zurück. Ich selbst habe zwei Töchter, die sich natürlich auch für die Me-Too-Diskussion interessieren. Ich bin zwar erst in meinen Vierzigern, kann mich aber noch an eine Zeit erinnern, als man mit diesem Thema ganz anders umgegangen ist. In Memphis, wo ich herstamme, passierte überhaupt nichts, wenn Männer ihre Machtstellung missbraucht haben. Seitdem hat sich schon sehr viel verändert.

Im April erscheint Ihr neues Buch „Nine Bar Blues: Stories from an Ancient Future“. Worum geht es? Es sind Kurzgeschichten, die sich um sehr verschiedene Themen drehen, Climate Fiction, altägyptische Tänze, nubische Tempel, verschwundene Mädchen. Ein bisschen psychologischer Horror ist auch dabei, und eine Hommage an Sun Ra ist dabei, den genialen Jazz-Innovator, der nach eigener Aussage vom Saturn stammte.
DMK 2020
Der 12. Deutsche Medienkongress findet am 29. und 30. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2019. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Frühbucherpreis für die Teilnahme beträgt 999 Euro (zzgl. Mwst.). Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2020 sind HORIZONT und dfv Conference Group.

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