Deutscher Medienkongress

Nina Ruge: "Podcasts sind wie ein Plausch am Küchentisch"

Nina Ruge: "Dem Hörer müssen Wege geöffnet werden, um einzutauchen ins Kino im Kopf"
© Matthias Garvelmann
Nina Ruge: "Dem Hörer müssen Wege geöffnet werden, um einzutauchen ins Kino im Kopf"
Wie macht man einen guten Podcast? Wo liegen die Hürden und Stolperfallen? Und warum sind die Social-Media-Kanäle dabei so wichtig? Darüber diskutiert beim Deutschen Medienkongress 2020 eine der bekanntesten TV-Moderatorinnen Deutschlands: Nina Ruge. Mit HORIZONT spricht die Journalistin und Buchautorin über ihre eigenen Erfahrungen mit dem neuen Boom-Medium und verrät, welchen Podcast sie tagtäglich hört.

Frau Ruge, Sie haben ab November 2017 unter dem Titel „Das BUNTE Gespräch“ Podcasts für die Amazon-Audioplattform Audible produziert. Inhalt: jeweils ein knapp einstündiges Gespräch mit Prominenten wie Theo Waigel, Michael Mittermeier, Monica Lierhaus, Harald Krassnitzer oder Olivia Jones. Wie haben Sie das Format Podcast im Vergleich zum Fernsehen empfunden? …sehr viel intimer natürlich. Wie Radio ohne Verfallsdatum. Nehmen wir ein Beispiel: In meiner Personality-Talk-Sendung „Unter4Augen“ im Bayerischen Fernsehen hatte ich eine halbe Stunde mit prominenten Menschen, um für die Zuschauer zu erfragen, wie diese Menschen wurden, was sie sind. Allein schon die Zeit in der Maske vor der Aufzeichnung hob die Gesprächssituation auf eine formellere, artifizielle Ebene. Dann das Riesen-TV-Studio. Regie, Kameraleute, Aufnahmeleitung, Kabelhilfen – wieder Maske. So viele Leute schauen schon im Studio zu, was im Scheinwerferlicht gesprochen wird. Dann kommt noch das Team in der Regie dazu. „Glänzt“ der Gast? Bitte Puderquaste. Stimmt der Ton? Sprechprobe bitte. Stimmt die Sitzposition? Das kleinkarierte Hemd bitte wechseln. Es flimmert. Spätestens dann ist Nähe, Begegnung zwischen dem Gast und mir – und dem Zuschauer – nur noch dann herzustellen, wenn der Gast hochprofessionell das TV-Korsett auszublenden weiß.



Wie ist es dagegen beim Podcast? Der Gast reist an, geht ins Tonstudio, das Mikro wird auf Höhe gebracht – und los geht‘s. Da sind ein oder zwei Profis in der Regie – that’s it. Die Aufnahmestudios sind düster, klein und kuschlig – das ist wie ein Plausch am Küchentisch. Idealer Raum für Begegnung. Professioneller Hörfunk, auch die Tonstudios der großen Sender kommen da nicht mit. Sie atmen wesentlich mehr Coolness der professionellen Produktion. Im Podcast verkriecht sich die Technik – zugunsten der Begegnung.

DMK 2020
Der 12. Deutsche Medienkongress findet am 29. und 30. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2019. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Normalpreis für die Teilnahme beträgt 999 Euro (zzgl. Mwst.). Early-Bird-Tickets sind bis zum 18. Oktober zum reduzierten Preis von 799 Euro (zzgl. Mwst.) erhältlich. Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2020 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Worauf kommt es besonders an, wenn man einen guten Podcast produzieren will? Die Ansprüche steigen stetig. Im „BUNTE Gespräch“ hatten wir das Privileg der großen Namen und der üppigen Zeit fürs Gespräch. Mehr braucht es nicht, um Faszination zu erzeugen. Das Genre Podcast allerdings entwickelt immer neue Dimensionen, der Hörer wird im Dschungel des Angebots durch immer attraktivere Hörerlebnisse gelockt. Musik, diverse O-Töne, immer neue dramaturgische Überraschungen fürs Ohr. „Was für ein Aufwand!“, denke ich… der offenbar notwendig ist, um sich abzusetzen von den wahnsinnig vielen anderen, die um Hörer werben.


Und welche Fehler sollte man vermeiden? Ein Podcast kann nur begrenzt durch Hör-Effekte faszinieren. Er braucht also Content, Tiefe, Informationsdichte, Unterhaltungs-Qualitäten – also mehr als nur Youtube-Teaser auf Hör-Spur. Das heißt: Dem Hörer müssen Wege geöffnet werden, um einzutauchen ins Kino im Kopf. Dazu braucht es eine gewisse Magie. Ich hatte das Glück, diese Magie sozusagen in Form von faszinierenden Menschen liefern zu können.

Sie haben „Das BUNTE Gespräch“ nach den ersten 24  Folgen nicht weitergeführt. Woran lag das? Ich hätte liebend gerne weiter gemacht – und BUNTE auch. Rückblickend hatte es meines Erachtens zweierlei Gründe, dass Audible uns aus dem Angebot genommen hat. Zum einen:  Wir waren sehr früh mit unserem Programm in der Podcast-Geschichte. Audible erwartete aus dem Stand heraus hervorragende Erfolge. Da unser BUNTE-Publikum nicht wirklich gewillt schien, sich durch die komplexe Bezahlschranke von Audible zu kämpfen, erreichten wir die hochgesteckten Ziele nicht. Und: Wir haben nicht genug auf Social Media für den Podcast getrommelt. Das ist ein Muss. Dessen waren wir uns nicht wirklich bewusst.

„Da ist die Sehnsucht, abzutauchen aus dem Geflimmer der Kurz-Nachrichten und aufgeregten Flashs in Social Media. “
Nina Ruge
Sind Sie weiterhin offen für das Format Podcast? Unbedingt! Die Möglichkeiten, in die Tiefe, Höhe, Breite von Themen, Recherche, Gespräch zu gehen, sind faszinierend. Der Wettbewerb wächst allerdings immens. Und die Notwendigkeit, in hochprofessioneller Weise Social Media zu bespielen, um überhaupt ans Ohr des Hörers zu gelangen, flößt mir enormen Respekt ein – und demotiviert mich zugleich. Es braucht einen Haufen Profis, um gute Produkte ins Netz zu drücken und ganz wenige, um sie zu produzieren.

Warum, glauben Sie, gibt es den aktuellen Podcast-Boom? Da ist die Sehnsucht, abzutauchen aus dem Geflimmer der Kurz-Nachrichten und aufgeregten Flashs in Social Media. Und dennoch wundere ich mich ein wenig über diesen Boom. Woher nehmen die Leute die Zeit, frage ich mich. Ich höre täglich EINEN Podcast, der ist mir geradezu heilig. Das ist das Morning Briefing von Gabor Steingart. Und es ist manchmal geradezu ein Kampf gegen die Zeit, den auch tatsächlich 30 Minuten zu Ende zu hören. Mehr Podcast wäre für mich keinesfalls drin.

Noch eine ganz andere Frage: Als Moderatorin haben Sie den Satz „Alles wird gut“ geprägt. Gilt der auch in Zeiten von Klimakrise, Fremdenfeindlichkeit und Brexit-Gezerre immer noch? Die ewige Frage – die ewige Antwort: Natürlich wäre ich vom Klammerbeutel gepudert, wenn ich mein „Alles wird gut“ auf politisch-sozial-wirtschaftliche Zusammenhänge ausdehnen wollte. So blond bin ich nicht. „Alles wird gut“ ist natürlich nicht mehr und nicht weniger als ein zarter Hinweis auf eine mögliche Haltung zum Leben. Und die beinhaltet – aus meiner Sicht: „Alles wird gut“, wenn ich Hindernisse als Chancen begreife, wenn ich aus Niederlagen lerne – und wenn ich bereit mich einem sinn-vollen Leben zu verschreiben. Was doch eine geniale Thematik für eine Podcast-Reihe wäre!!

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