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Matthias Horx: "Hass, Boshaftigkeit und Oberflächlichkeit haben die öffentliche Diskussion nahezu zerstört, jedenfalls sehr schwer gemacht"
Zukunftsinstitut
Deutscher Medienkongress

Matthias Horx: „Überhitzung ist das Narrativ der 20er-Jahre“

Matthias Horx: "Hass, Boshaftigkeit und Oberflächlichkeit haben die öffentliche Diskussion nahezu zerstört, jedenfalls sehr schwer gemacht"
Der digitale Hype ist vorbei, dafür kommen die großen Gesellschafts-Themen zurück – so sieht Matthias Horx das neue Jahrzehnt. Beim Deutschen Medienkongress spricht der Zukunftsforscher über „Medialution – Die Evolution aus der Sicht der Zukunftsforschung“. Und im Gespräch mit HORIZONT Online verrät er, was sich in den nächsten Jahren verändern wird.
von Klaus Janke Dienstag, 21. Januar 2020
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Herr Horx, was wird die 20er-Jahre ausmachen? Wir werden eine Renaissance der großen Gesellschafts-Themen erleben. Die gegenwärtigen Spaltungsprozesse erschrecken uns zunehmend – auf der sozialen, ökologischen und auch medialen Ebene. Dagegen werden sich neue Bewegungen bilden, die das nicht hinnehmen wollen. Zum Schlüsselthema wird die CO2-Frage, weil sich daran sehr viel festmachen lässt. Die globale Überhitzung ist das große, übergreifende Narrativ der 20er-Jahre. Es umfasst aber nicht nur den Klimawandel, sondern auch geistige, emotionale und mediale Überhitzung. Es gibt einfach von allem zu viel: Zu viel schlechte Nahrungsmittel,  zu viel Wegwerf-Kleidung, zu viel verdorbene Information. Wir sind auch medial überhitzt, fast jeder von uns.


Werden wir denn wieder herunterkühlen? Es muss nicht immer alles bruchlos verlaufen, sicher ist das auch ein krisenhaftes Geschehen. Aber es gibt keine Alternative dazu, unseren Kopf wieder ein Stück weit auf Distanz zu dieser Hypermedialität zu  bringen, die uns täglich die ganze Welt als Skandal oder Kaufanreiz um die Ohren haut. Das heißt auch, dass viele Formate schlichtweg scheitern werden, von denen sich Verleger das große Geschäft im Digitalen erwartet haben.

Matthias Horx beim DMK 2020 erleben!
Der 12. Deutsche Medienkongress findet am 29. und 30. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen - darunter Matthias Horx. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2019. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Preis für die Teilnahme beträgt 1199 Euro (zzgl. Mwst.). Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2020 sind HORIZONT und dfv Conference Group.
Schwächt sich die digitale Euphorie ab, die die beiden vergangenen Jahrzehnte geprägt hat? Digitalisierung war in den 10er-Jahren der Super-Hype, fast eine Religion. Heute sind wir längst mitten in der „digitalen Revision“. Die Heilsversprechen haben sich immer weiter gesteigert, wurden dann aber überwiegend nicht eingelöst, auch ökonomisch nicht. Das Digitale hat auf der Ebene der Kommunikation erhebliche Schäden verursacht, weil die ständige Echtzeit-Welt alle negativen Eigenschaften von Menschen verstärkt. Hass, Boshaftigkeit und Oberflächlichkeit haben die öffentliche Diskussion nahezu zerstört, jedenfalls sehr schwer gemacht. Zudem wirkt sich Digitalisierung in den verschiedenen Bereichen des Alltags sehr unterschiedlich aus – und eben nicht immer positiv. Wir sehen mittlerweile, dass sie die Welt teilweise nicht smarter, sondern komplizierter macht, und dass das Internet nicht gerade ein sicherer Raum ist, sondern eher ein Wilder Westen, einschließlich Lynchmob.


Die große digitale Transformation bleibt also aus? Jeder große Trend erzeugt einen Gegentrend. Und die Gegentrends werden nun auffälliger. Viele Menschen suchen wieder digitale Abstinenz, oder wollen lieber, wie wir es nennen, OM-line sein, im Gleichgewicht zwischen analoger und digitaler Welt. Ich lebe mit meiner Familie in einem Zukunftshaus, in dem wir viele neue Technologien und Gadgets testen. In der Küche haben wir aber eine digital-freie Zone, damit sich die Familie mal wieder real begegnet.

„Viele Menschen suchen wieder digitale Abstinenz, oder wollen lieber, wie wir es nennen, OM-line sein.“
Matthias Horx
Schauen wir uns die digitalen Trendthemen genauer an. Wird autonomes Fahren im neuen Jahrzehnt Realität? In sehr eingeschränkten Bereichen ja, dort, wo die Straßen für den Algorithmus der Autos geeignet sind. In den USA fahren automatische Autos unter anderem schon in den Sun Cities, also in abgeschotteten Städten, in denen ältere Menschen wohnen. Da sind die Straßenführungen sehr überschaubar. Aber es wird noch bis 2050 dauern, bis das vollautonome Fahren in einer wuseligen europäischen Großstadt möglich ist. Man muss die Städte erst noch darauf ausrichten, ja regelrecht umbauen, und ob das die Bewohner zulassen, wage ich zu bezweifeln. Das gilt auch für die Autobahnen, die man für diese Maschinen umbauen müsste. Voll-Autonomes Fahren ist auf den letzten 5 Prozent technologisch wahnsinnig schwierig.

Wie sieht es mit Augmented und Virtual Reality aus? Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat diesen Themen gerade eine goldene Zukunft prognostiziert. Man sieht daran, dass es oft ganz bestimmte Interessen sind, die für überzeichnete Zukunftsvisionen sorgen. Facebook möchte seine Monopolstellung in den Cyberspace ausweiten, aber ist der Cyberspace wirklich die Zukunft? Wenn man mit VR experimentiert, bemerkt man schnell, dass das Gehirn beim Eintritt in künstliche Welten extrem verunsichert wird – an dieser Konstante ändert sich so schnell nichts, und das begrenzt auch die Absatzmärkte. Oder nehmen Sie das krachende Scheitern von Google Glass: Wenn Menschen über Informationen verfügen, die man selbst nicht hat, erzeugt das eine große soziale  Dissonanz – es zerstört die humane Kommunikation. Bei Spezialanwendungen wie in Fabriken oder in der Medizin ist AI sinnvoll, aber im öffentlichen Raum schafft es ein extremes Ungleichgewicht.

Und warum nimmt das Thema Smart Home nicht langsam Fahrt auf? Man versteht darunter ja meist die elektronische Vollautomatisierung des Haushalts. Das ist jedoch eher eine männliche Fantasie. Das klassische „Smart Home“ ist im Grunde eine Technologie für Singles, die selten zuhause sind. Einzelne Funktionen wie Licht- und Klimasteuerung mögen sinnvoll sein. Aber lebendiges Wohnen hat eben auch viel mit analogen Ritualen zu tun, die das Zusammenleben prägen, das fängt schon beim Aufziehen von Vorhängen an. Auch Kochen ist etwas Sinnliches, Soziales – wollen wir das wirklich einem Küchenroboter oder dem berühmten automatischen Kühlschrank überantworten? Zudem ist die Wartung  sehr aufwendig, die Komplexität bizarr hoch. Man will nicht andauernd einen Programmierer im Haus haben. Ein Staubsaugerroboter kann nützlich sein – aber die ganze Wohnung in ein elektronisches Theater zu verwandeln, ist irgendwie eine Vorstellung für kleine Jungs.

Spielt auch Angst hinein? Es gibt ja auch hier Menschen, denen es egal ist, ob Alexa sie rund um die Uhr belauscht. Aber das Problem ist nicht von der Hand zu weisen, vor allem, wenn Maschinen so tun als wären sie „intelligent“. Aus der Psychologie weiß man, dass es Menschen gruselt, wenn Maschinen zu menschenähnlich werden, das führt ins sogenannte „Uncanny Valley“. Und das kann eben auch für Alexa und Co gelten.

Das Marketing setzt große Hoffnungen auf Künstliche Intelligenz, um die Konsumenten besser zu verstehen und sie zielgerichtet anzusprechen. Wird das klappen? Am Ende nicht. Am Anfang scheint individuelle Werbung sehr praktisch, aber man fühlt sich schnell manipuliert und gestört.  Menschen spüren, wenn sie für einen ökonomischen Zweck manipuliert werden, und dann werden sie störrisch. Man wird ja  andauernd konfrontiert mit Vermutungen über sich selbst, die auch die Intimsphäre berühren. Es gibt natürlich  Unternehmen,  denen dieser Resistenz-Effekt egal ist. Sie werden aber in Zukunft einen erheblichen Widerstand erleben. Da deutet sich ein neuer Kulturkampf an.

Konzerne wie Google, Facebook und Amazon bekommen viel Gegenwind, weil sie ihre Geschäftsmodelle auf dem Datensammeln basieren. Wird das jüngere Generationen künftig weniger stören? Das sehe ich nicht so. Es gibt auch viele junge Leute, die sehr kritisch mit dem Netz umgehen. Und wie gefährlich die Gemengelage für die Konzerne ist, sieht man daran, wie offen in den USA mittlerweile über eine Zerschlagung von Facebook und Google debattiert wird.

Wie werden sich die sozialen Medien entwickeln? Bleiben die Menschen so mitteilsam wie bislang? Vielen ist das Private anscheinend egal, sie frönen lieber einem alltäglichen Voyerismus, aber dennoch: Die Bedeutung von Facebook wird bereits nachweisbar schwächer. Die 20er-Jahre läuten eine Ära des Protests ein, dazu wird auch Rebellion gegen die digitale Verdummung gehören. Und es wird neue Medien geben, die diese Entwicklung in einem humanistischen Sinn begleiten und versuchen, es besser zu machen. Aber bislang gehört es zum eben zum Geschäftsmodell der sozialen Medien, dass es dort um reine Aufmerksamkeits-Ökonomie geht – Hass, Sensation, Niedermache, Narzißmus – das bringt Klicks, und Klicks generieren Werbeeinnahmen. Das ist der Kern der Medienkrise: Alle ringen um eine sehr knappe Ressource, nämlich die Aufmerksamkeit der Menschen. Dafür ist man bereit, über Leichen zu gehen. Die Politik greift dieses Vakuum an Regeln ja jetzt auf, endlich.
„Selbst der Spiegel fragt sich ja mittlerweile, ob er mit seinem düsteren Alarmismus nicht zu den Phänomenen beigetragen hat, vor denen er dauernd warnt.“
Matthias Horx
Wie kommt man denn dagegen an? Ist konstruktiver Journalismus eine Antwort? Selbst der Spiegel fragt sich ja mittlerweile, ob er mit seinem düsteren Alarmismus nicht zu den Phänomenen beigetragen hat, vor denen er dauernd warnt: Populismus, Hate Speech, Fake News, Angsthysterie und Polarisierung. Aber wir erleben eben auch erstaunliche Retro-Erfolge von Qualitätsmedien. Die Zeit etwa wurde vor 20 Jahren beinahe schon totgesagt; zu ausgeglichen, zu lange intellektuelle Texte. Heute gehört sie zu den erfolgreichsten Medien Deutschlands. Ich glaube, dass jedes neue Medium dafür sorgt, dass sich die alten wieder auf ihre Stärken besinnen. Auch hier beobachten wir wieder  Gegentrends: Während man sich im Internet nur noch ultrakurze Clips anschaut, arbeiten Plattformen wie Netflix wieder mit weit ausholenden, epischen Erzählformen, wie dicke Romane, in denen sich die Charaktere entfalten können. Trump hat die Wahl mit Maschinengewehr-Twitter gewonnen, aber im Gegenzug auch der New York Times wieder zu einem Auflagenhoch verholfen.

„Wo das Dschungelcamp Topmeldung ist, wo es keine geistige Haltung, keine journalistische Substanz gibt, regiert die Content- Verschrottung. Dafür kann man kein Geld verlangen.“
Matthias Horx
Alle Medienhäuser drückt aber die Frage nach der Refinanzierung redaktioneller Arbeit. Wie groß wird künftig Zahlungsbereitschaft für elektronische Medien sein? Das ist eine ängstliche Frage, und ängstliche Fragen führen immer zu falschen Antworten. Wenn das, was ein Medium bietet, einen tieferen SINN, einen geistigen Mehr-Wert für Menschen hat, werden sie dafür bezahlen, ob digital oder auf Papier. Die Frage ist doch: Kann man Inhalte bieten, die mehr sind als Augenpulver und Werbeträger?  Wo das Dschungelcamp Topmeldung ist, wo es keine geistige Haltung, keine journalistische Substanz gibt, regiert die Content- Verschrottung. Dafür kann man kein Geld verlangen. Auf paradoxe Weise spielt in der Alles-ist-Möglich-Wüste Internet die Qualität eine umso größere Rolle.

Einen überraschenden Boom erleben Podcasts. Warum eigentlich? Viele Medien belegen unsere Aufmerksamkeit komplett mit allen Sinnen, sie sind sehr immersiv.  Podcasts sind, wie Bücher, eher linear, langsam, man kann sie wunderbar beim Autofahren hören, quasi nebenher, es ist ein Format der Freiheit, der Ruhe, des Zuhörens. Das ist eine alte, humane Kulturtechnik, nach der viele Menschen im Zeitalter der Meinungsschreierei offenbar Sehnsucht haben.

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