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Anastassia Lauterbach auf der Bühne beim Deutschen Medienkongress 2019
Getty Images / Alexander Hassenstein / Alex Grimm
KI-Debatte beim #DMK19

"Ist KI zu schlau, bist du zu faul"

Anastassia Lauterbach auf der Bühne beim Deutschen Medienkongress 2019
Zum Begriff AI liefert Google mehr als 600 Millionen Einträge. Auf der Tech Stage des Deutschen Medienkongresses erklärten Experten wie Chris Boos und Anastassia Lauterbach, wie sich Künstliche Intelligenz auf Business und Gesellschaft auswirken.
von Vera Günther Mittwoch, 23. Januar 2019
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Den Begriff "Künstliche Intelligenz" findet Chris Boos dabei gar nicht mal so treffend, obwohl sein Unternehmen sich genau mit diesem Feld beschäftigt. Die von seiner Firma Arago entwickelte Künstliche Intelligenz-Plattform Hiro unterstützt Unternehmen dabei, Prozesse zu automatisieren und dadurch zu optimieren.


Warum er den Begriff nicht mag? "Er ist sehr undefiniert und führt in die falsche Richtung: Bevor es mit unserer natürlichen Intelligenz geklappt hat, probieren wir es mit der künstlichen", spottet Boos. Besser findet er die Bezeichnung "Künstliche Automatisierung". Denn darum gehe es bei AI, glaubt Boos. "Der eigentliche Sinn von KI ist, von Menschen bereits gemachte Erfahrungen zu speichern und für die Zukunft anwendbar zu machen." In diesem Sinn beschränke sich die Ausbreitung der KI auf all jene Bereiche, in denen Abläufe automatisiert werden können. Die Kernkompetenz der KI sei, einen Prozess, den sie bereits verstanden hat, weiter zu optimieren. "Hier ist die KI unschlagbar", sagt Boos. In einer Zeit, in der Maschinen Gelebtes besser optimieren als der Mensch, sei eine Spezialisierung deshalb immer unwichtiger. Menschliche Eigenschaften wie Neugier oder Ehrgeiz seien dann mehr gefragt. Mit KI lassen sich rund 80 Prozent dessen, was Unternehmen heute tun, an eine Maschine delegieren, glaubt Boos. Er empfindet das nicht als Bedrohung für existierende Jobs, ganz im Gegenteil: "Diese extreme Effizienzsteigerung setzt nicht nur Arbeitskräfte frei, die sich mit vielen anderen und vor allem wichtigeren Dingen beschäftigen könnten. KI setzt im System auch sehr viel Geld frei, mit dem man die Arbeitskräfte weiter bezahlen und das man in neue, dringend notwendige Innovationen investieren kann." Damit komme KI genau zur richtigen Zeit, in der sich die alte Wirtschaft aufgrund der Übermacht von Amazon, Google und Co in einer extremen Transitionsphase befinde.

Wie sich Künstliche Intelligenz für die Wertschöpfung von Unternehmen nutzen lässt, legt im anschließenden Vortrag auch Anastassia Lauterbach dar. Als Chefin von 1AU Ventures berät sie das Management globaler Konzerne in puncto KI und Cybersicherheit. Lauterbach findet: "KI ist das wichtigste Diskussionsthema unserer Zeit." Und dabei gehe es keineswegs nur um Technologie, sondern auch um kulturelle und ethische Fragen. Die Zukunft mit KI zu gestalten, sei die größte Leadership-Herausforderung der Gegenwart. Wie Unternehmen diese lösen können, hat Lauterbach in 5 gute und eine schlechte Nachricht verpackt. Die erste lautet: KI ist dumm. Lauterbach hält das für eine gute Nachricht. KI könne nie schlau genug werden, um dem Menschen gefährlich zu werden. Bis heute sei KI nicht wirklich intelligent: "Das ist alles Programmierung – von Menschen gemacht." Je mehr Daten man habe, desto besser sei die Maschine. "Doch letztendlich sind Daten nichts anderes als Lärm", sagt Lauterbach. "Die Kunst ist, die Signale aus diesem Lärm herauszulösen."


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Lauterbachs zweite gute Nachricht: "KI ist wie Outsourcing - es kann auch gutgehen." Die KI-Expertin appelliert damit an Unternehmen, das Thema KI wie outgesourcte Dienstleistungen zu betrachten. "KI kann Unternehmen vieles erleichtern, aber sie sollten dabei immer konkret wissen, was die Technologie ihnen liefert und wie sie funktioniert." Lauterbach leitet damit zur nächsten guten Nachricht weiter. "KI lebt länger, aber wir sind mehr". Soll heißen: KI ist nur das Spiegelbild von uns. Je mehr Menschen ihre Erfahrungen in die Künstliche Intelligenz einbringen, desto besser wird sie. Lauterbach glaubt, dass Menschen und Computer zusammenarbeiten müssen, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Dann, und das ist die vierte gute Nachricht, lasse sich mit KI auch wirklich Geld verdienen. Lauterbach nennt hier drei Gruppen von Unternehmen, die das geschafft haben: die KI-Zentrierten wie Google, Apple, Facebook, Microsoft und Amazon. "Sie alle verfügen über eine große Menge an Daten, um KI-Technologien zu entwickeln und betreiben. Sie nutzten überlegene Cloud-Technologien und Master Edge Computing. Sie verfügen über ein großes Ökosystem von Unternehmen und Entwicklern, die neue Maschinenlerndienste und -produkte anbieten." Die zweite Gruppierung seien die Unternehmen, die sich nur ein KI-Kleid übergestreift hätten. IBM und Salesforce zählten dazu. Und dann gibt es noch die KI-Spezialisten, Firmen wie Spotify oder Wirecard. "Sie machen sich die KI-Technologien sehr erfolgreich zunutze", glaubt Lauterbach.

In all diesen Unternehmen gäbe es aber glücklicherweise auch Menschen, die sich der Risiken bewusst seien. KI stelle komplexe ethische Fragen. Aber gute Nachricht Nummer fünf: "Wir denken bereits darüber nach." Lauterbach warnt: "Wenn wir zu viele unserer Gedanken an die Akteure hinter den Geräten und Technologien ausliefern, brauchen wir uns nicht über die Konsequenzen wundern." Die Beraterin fordert einen politischen Dialog, um KI richtig und sicher zu nutzen. Sie fordert aber auch Unternehmer auf, sich über das Thema zu informieren. "KI betrifft jeden. Wer sich nicht selbst damit befasst, wird von ihr erfasst." Mit der letzten schlechten Nachricht beschließt Lauterbach ihren Vortrag: "Ist KI zu schlau, bist du zu faul." vg
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