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Helmut Lind: "Ich hatte viele schlaflose Nächte"
Julien Fertl
Deutscher Medienkongress

Gemeinwohl-Banker Helmut Lind: "Wir stehen am Sterbebett des Kapitalismus"

Helmut Lind: "Ich hatte viele schlaflose Nächte"
Kann man eine Bank nach ethischen Grundsätzen führen? Natürlich, sagt Helmut Lind, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank München. Sein Institut hat sich verpflichtet, nicht nur das eigene Geschäftsinteresse zu verfolgen, sondern auch dem Gemeinwohl zu dienen. Wie das funktioniert und warum die Entscheidung ziemlich riskant war, erklärt Lind beim Deutschen Medienkongress – und vorab im Interview mit HORIZONT.
von Klaus Janke Dienstag, 17. Dezember 2019
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Herr Lind, die Sparda-Bank München arbeitet seit 2011 nach den Grundsätzen der Gemeinwohlökonomie. Sie lassen sich nach den vier Kriterien Menschenwürde, Solidarität & Gerechtigkeit, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz & Mitentscheidung testieren. Wie wirkt sich das auf die nüchternen Zahlen aus? Fahren Sie damit besser oder schlechter als vorher? Die Neuausrichtung schlägt sich nicht direkt in der Gewinn- und Verlustrechnung nieder. Aber wir gewinnen mit diesem Thema zunehmend neue Kunden. Aus internen Statistiken wissen wir, dass sich an manchen Geschäftsstellenstandorten jeder fünfte Neukunde für uns entscheidet, weil wir ein Gemeinwohlökonomie-Unternehmen sind. Das Prinzip ist für viele die Antwort auf die krisenhaften Entwicklungen der Gegenwart.


Ziehen alle Mitarbeiter ausnahmslos mit – oder gibt es auch Meinungsverschiedenheiten? Die gab es und gibt es nach wie vor. Eine Bank ist ja nicht nur im klassischen Kundengeschäft unterwegs, sondern legt auch Geld am Kapitalmarkt an. Daher gibt es regelmäßig Diskussionen über bestimmte Vermögenswerte, die zwar im klassischen Kontext als unbedenklich gelten, durch die Gemeinwohl-Brille aber ethisch untragbar sind. Insbesondere im Rohstoff- und Währungsbereich haben wir uns bereits 2011 von diversen Positionen getrennt.

Wie einfach war es, die Neuausrichtung intern und extern durchzusetzen? Es ist relativ einfach, im kleinen Kreis bestimmte Dinge zu entwickeln und nach vorn zu bringen. Anspruchsvoller wird es immer dann, wenn man das gesamte Team, die Kunden oder die Öffentlichkeit überzeugen muss. Als wir das Thema kurz nach der Finanzkrise gestartet haben, waren auch bei den Mitarbeitern die Befürchtungen zunächst groß: Bekomme ich noch mein 13. Gehalt? Was heißt das für die Sozialleistungen? Und muss ich mich bei den Kunden für die Neuausrichtung rechtfertigen?


Die Sparda-Bank hat traditionell sehr breite Zielgruppen, sie ist keine Ökobank. Hatten Sie keine Angst, über die spitze Gemeinwohl-Positionierung Kunden zu irritieren? Doch, ganz klar. Ich hatte viele schlaflose Nächte. Viele Mitarbeiter haben mich damals auch gewarnt. Wer gegen den Mainstream bestimmte Dinge tut, wird immer mit Ängsten, Irritationen oder Ohnmachtsgefühlen konfrontiert. Aber da muss man eben durch. Heute ist unsere Positionierung sowohl bei den Mitarbeitern als auch bei den Kunden erfolgreich verankert.
„Wer gegen den Mainstream bestimmte Dinge tut, wird immer mit Ängsten, Irritationen oder Ohnmachtsgefühlen konfrontiert. Aber da muss man eben durch. “
Helmut Lind, Sparda-Bank München
Welche Aspekte der Gemeinwohl-Ökonomie stellen Sie vor besondere Herausforderungen? Teilweise ist schlicht und einfach die Umsetzung bestimmter Ansprüche gar nicht so einfach. Wir haben zum Beispiel 2015 gesagt: Wir wollen für jedes neue Mitglied einen Baum in Oberbayern pflanzen. Aber dann geht man zum Forstamt und erfährt, dass das so einfach gar nicht möglich ist. Mittlerweile haben wir dafür mit kompetenten Partnern eine gute Lösung gefunden.  Den größten Handlungsbedarf haben wir noch in der Produktpolitik. Aber wir machen Fortschritte. Gemeinsam mit Union Investment bieten wir zum Beispiel seit Februar 2019 den "Privatfonds: Nachhaltig" an, der unseren Kunden ethische Anlagemöglichkeiten bietet. 

Sie bezeichnen im Gemeinwohl-Bericht zum Beispiel das kostenlose Girokonto als Beitrag zum Gemeinwesen. Aber ist das wirklich eine ethisch wertvolle Leistung? Darüber kann man diskutieren. Es liegt daran, dass die Hauptkriterien der Gemeinwohl-Ökonomie branchenübergreifend formuliert sind. Sie lassen sich in einzelnen Branchen gut mit Inhalt füllen, in anderen weniger. Aber man wollte und will die Kriterien nicht auf einzelne Branchen herunterbrechen, damit es nicht zu aufwendig ist. Ich sage: Ein schlampiger Start ist besser als ein perfektioniertes Abwarten.

Ist es für eine Bank mit ihrem relativ abstrakten Geschäftsmodell leichter, der Gemeinwohl-Ökonomie zu folgen – im Vergleich etwa zu einem Modehersteller? Auf die Prozesse bezogen: ja. Auf Produkte und Dienstleistungen bezogen: bedingt. Wir haben zum Beispiel die Provisionen für bestimmte Beratungsleistungen eingestellt, was gut für die Kunden, aber schlecht für die Berater ist. Oder nehmen Sie das Beschaffungsmanagement: Da ist man von anderen abhängig und kann nur versuchen, mit verantwortlichem Handeln positiv auf diese abzustrahlen.

Werden Sie angesichts der Negativzinsen das kostenlose Girokonto halten können? Angesichts der anhaltenden Niedrig- beziehungsweise Negativzinspolitik der EZB können wir keine Garantie auf Dauer geben. Dann wird es bei den Kunden zu einem Bereinigungsprozess kommen. Die, die aus einer gewissen Schnäppchen-Mentalität heraus gekommen sind, werden sich wieder verabschieden. Und es bleiben die, die sich mit unserer Unternehmensphilosophie identifizieren.
„Wenn ich keine Algorithmen und keine Robotics will, aber gleichzeitig Negativzinsen an die EZB zahle – woher sollen dann die Erträge kommen? “
Helmut Lind, Sparda-Bank München
Wie stehen Sie zur Digitalisierung? Sie vereinfacht die Prozesse, macht aber auch tendenziell menschliche Mitarbeiter überflüssig. Die Welt ist nicht schwarz-weiß. Man kann sich nicht den Voraussetzungen verschließen, die auf Dauer die Existenz der Bank sichern. Wenn ich keine Algorithmen und keine Robotics will, aber gleichzeitig Negativzinsen an die EZB zahle – woher sollen dann die Erträge kommen? Man sollte sich der Digitalisierung stellen, aber mit gesundem Augenmaß. Entscheidend ist dann, ob der Change-Prozess verantwortungsvoll und menschenwürdig gestaltet wird.

Wie weit geht Ihre Kritik am Bankensystem? Muss alles anders werden? Konventionelle Banken, wenn sie keinen gesamtgesellschaftlichen Verantwortungskontext haben, werden mit der Zeit keinen Bestand haben. Man kann sie leicht durch digitale Angebote ersetzen. Banken, die authentisch Sinn vermitteln können, haben mehr Chancen als noch vor 20 Jahren.

Sehen Sie eine generelle Krise des Kapitalismus? Ganz klar ja. Die soziale Marktwirtschaft existiert nur noch auf dem Papier. Das Geld steht über der Menschenwürde, die Gier über der Tugend. Wir erleben eine EZB-Politik, die eher einer Planwirtschaft gleicht, alles wird von oben festgesetzt. Wir stehen am Sterbebett des Kapitalismus. Sehr vielen Menschen ist bewusst, dass wir ein anderes System brauchen. Es gibt viele Lösungen, eine davon ist die Gemeinwohlökonomie. Man verdächtigt sie zwar, Sozialismus zu sein. Aber das stimmt nicht. Sie steht genau zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Sie versöhnt das Gemeinwohl der Gesellschaft mit dem Profitstreben der Wirtschaft.
DMK 2020
Der 12. Deutsche Medienkongress findet am 29. und 30. Januar 2020 in der Alten Oper Frankfurt statt. Das zweitägige Branchentreffen liefert News, Trends und Inspiration von Unternehmenslenkern, Querdenkern und kreativen Köpfen aus Unternehmen, Medien und Agenturen. Einer der Höhepunkte der Veranstaltung ist die Verleihung des HORIZONT Award an die Männer und Frauen des Jahres 2019. Alle Informationen gibt es auf der Website des Deutschen Medienkongresses. Der Frühbucherpreis für die Teilnahme beträgt 999 Euro (zzgl. Mwst.). Die Anmeldung berechtigt gleichzeitig zum kostenfreien Besuch des HORIZONT Award. Veranstalter des Deutschen Medienkongresses 2020 sind HORIZONT und dfv Conference Group.


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