Der Spiegel und seine Cover-Storys

Stefan Aust über die Geheimnisse guter Titelbilder

Stefan Aust (r.) und Stefan Kiefer lassen ihre alten Spiegel-Cover wieder aufleben - und auch hochleben
© Hongkong Studios
Stefan Aust (r.) und Stefan Kiefer lassen ihre alten Spiegel-Cover wieder aufleben - und auch hochleben
Wie bringt man Stefan Aust zum Singen? Indem ihm eine Band aus ehemaligen Spiegel-Kollegen Stings "Fields of Gold" vorspielt. Und wie bekommt man ihn dazu, aus dem Nähkästchen der Titelbildgestaltung zu plaudern? Über Erfolge, Spesen-Schandtaten und Geistesblitze in der Seilbahn? Indem man mit ihm an seinen alten Spiegel-Covern entlang flaniert.

Die "Hongkong Studios" in der Hamburger Hafencity, ein großes Loft in einem ehemaligen Speicherhaus. Hier arbeitet Stefan Kiefer seit 2014 als freier Creative Director, vermietet Büroraum, veranstaltet Workshops und Yogakurse, macht Musik und produziert nun auch ein TV-Talkformat für den Regionalsender Hamburg 1. Zuvor war Kiefer 18 Jahre beim Spiegel, davon 13 Jahre als Art Director – und gestaltete in dieser Zeit mit dem damaligen Chefredakteur Stefan Aust (1994 bis 2008), heute Herausgeber der Welt, hunderte Spiegel-Cover. Und wohl sogar tausende, wenn man alle Auswahlmotive mitzählt. Nun ist Aust der Talkgast. Es geht um Cover-Storys. Nur im anderen Sinne: Um Storys über Cover.

Eine zweite Erzählebene kreieren mit Doppeldeutigkeiten, die einen Erkenntnisprozess einleiten – das war oft Austs Rezept. Dies gelinge, sagt er, durch ikonografische Fotos mit gedankenvollen Zeilen ("Supermacht im Sand" über den stockenden US-Feldzug im Irak; 14/2003) oder durch die gezielte Verfremdung bekannter Bilder (Albert Einstein als "Gehirn des Jahrhunderts", der eben nicht seine berühmte Zunge herausstreckt, sondern sich an die Stirn tippt; 50/1999).




Gute Titelbilder sollten jedoch nicht nur eine Botschaft vermitteln, sondern auch "handwerklich und künstlerisch auf Weltniveau" spielen, sagt Aust. Die "Bush-Krieger" zum Beispiel – von diesem Cover, das den damaligen US-Präsidenten und seine Mitstreiter im "Feldzug gegen das Böse" (8/2002) wie ein Rambo-Filmposter zeigte, erbaten US-Abgesandte große Plakatabzüge. Statt Kunst oder Witz könnten aber auch scheinbar schlichte Dokumentarfotos (das zugeschneite einsame Fahrrad zu "Verschwundene Kinder"; 10/2001) oder verwackelte Handybilder ("Gewalt im Klassenzimmer"; 14/2006) funktionieren – weil sie authentisch sind. Bei letzterem stand laut Aust die Verlagsseite Kopf ("Wie könnt ihr ein solch schlechtes Foto auf den Titel bringen?"), doch die Verkäufe haben ihm Recht gegeben, meint er sich zu erinnern.


Nicht der Fall war das beim Cover über Europas einstige Technologie- und Wirtschaftsoffensive gegen die USA (22/2000), für das der Spiegel eigens das damalige Top-Model Laetitia Casta fotografieren ließ, naturellement in Paris. Mit 25.000 Dollar allein an Casta-Honorar sei es das "teuerste Titelbild aller Zeiten" gewesen, sagt Kiefer. "Und ein bisschen plump", urteilt Aust heute. Den Lesern sei ohnehin schnuppe gewesen, wer da auf dem Stier posiert.

Wohl ein Ausreißer in Austs Cover-Historie beim Spiegel. "Ich kann Wichtiges vom Unwichtigen trennen und die Dinge mit einer Szene und Zeile auf den Punkt bringen", sagt er. Dahinter stecke wohl die Gabe, "überdurchschnittlich durchschnittlich zu denken", kokettiert Aust. Hilfreich sei es, selber der Zielgruppe anzugehören. "Was würde mich selbst interessieren" – das sei oft seine Leitfrage gewesen. Bisweilen zum Leidwesen der Kollegen, wenn er ein paar Stunden vor Andruck Titelbilder oder gar -geschichten geändert hat: "Man muss im Gefühl haben, was in der kommenden Woche interessant ist, nicht am Tag des Redaktionsschluss'." Die Ideen seien ihm oft ganz plötzlich gekommen, etwa in der Seilbahn in den Bergen jener Geistesblitz ausgerechnet der roten Sonne, die im grünen Meer versinkt ("Der lange Abschied von Rot-Grün"; 12/2005).

Wer diese Regeln beherzige, der könne weiterhin Erfolg am Kiosk haben: "Gute Titelthemen, -bilder und -zeilen sind auch heute noch der größte Hebel, um die Auflage zu stabilisieren", sagt Aust. Okay, "gerade das Einfache ist manchmal ziemlich schwer umzusetzen", räumt er ein. Der unausgesprochene Subtext lautet: Aber er habe es (damals) schon ziemlich oft geschafft ...

Das Gespräch ist zu Ende. Kiefer führt Aust ins Musikstudio der Hausband "Hongkong Five", in der Kiefer und weitere Ex-Spiegel-Leute spielen. "Fields of Gold", Austs Lieblingslied, er singt leise mit. Zu sehen ist das alles erstmals an diesem Samstag (29. September) um 19:15 Uhr auf Hamburg 1 und im Livestream. Vor einem Jahr gab es einen Piloten mit Frank Otto; von nun an wollen die "Hongkong Sessions" monatlich einen kreativen Kopf zum Gespräch bitten. Auf einer neuen Website soll ab Samstag eine Mediathek für ausgestrahlte Sendungen entstehen. rp

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