"Debatte um meine Person beenden"

Spiegel-KG-Chefin Susanne Amann tritt nicht mehr zur Gesellschafterwahl an

Susanne Amann
© Manfred Witt
Susanne Amann
Flinte im Korn: Susanne Amann, die einflussreiche Sprecherin der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, der Hauptgesellschafterin des Spiegel-Verlags (50,5 Prozent), wirft hin. Zur turnusgemäßen Wahl der neuen KG-Spitze für die kommenden drei Jahre im März tritt sie nicht mehr an – trotz eines entlastenden Gutachtens. Für Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass und Chefredakteur Steffen Klusmann könnten damit bald unruhigere Zeiten anbrechen.

Als ob der Relotius-Fälschungsskandal nicht schon genug wäre, gönnt sich der Spiegel seit Weihnachten einen weiteren Unruheherd. Im Mittelpunkt steht – oder nun: stand – die frühere Print-Wirtschaftsressortleiterin Susanne Amann. Zum Jahreswechsel ist sie zu einem von zwei "Managing Editors" aufgestiegen: Als eine Art redaktionelle Change-Managerin soll sie in der neuen zweiten Führungsebene (die insgesamt zehn Personen umfasst) unterhalb der neuen dreiköpfigen Chefredaktion die Redaktionsfusion antreiben und sich im Alltagsgeschäft ressortübergreifend um effiziente Abläufe, Kosten und Personalplanung kümmern.



Dieser Aufstieg hatte interne Kritiker auf den Plan gerufen. Zum einen, weil Amann als KG-Chefin bei der Absetzung des Ex-Chefredakteurs Klaus Brinkbäumer eine wichtige Rolle gespielt hatte – und danach von dessen Nachfolger Klusmann befördert wurde. Zum anderen wegen Compliance-Bedenken: Ein Gesellschaftervertreter könne wegen Interessenskonflikten nicht zugleich als Managing Editor arbeiten – ebenso wenig wie als Geschäftsführer, Verlagsleiter oder (Vize-) Chefredakteur, so die Kritiker. Etwas über 20 (von etwa 250) Print-Redakteure haben Amann deshalb aufgefordert, ihr KG-Amt niederzulegen und nicht mehr zu kandidieren. Sie haben sich dabei auf ein Papier des Juristen und langjährigen Spiegel-Autors Thomas Darnstädt berufen, der selber bis 2007 Sprecher der Mitarbeiter KG war.

Die – in dieser Frage dem Vernehmen nach gespaltene – KG-Spitze hat daraufhin Kai Bandilla, Partner der Hamburger Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek, mit einem Gutachten beauftragt. Er berät die amtierende und die Vorläufer-KGs des Spiegel seit vielen Jahren. Sein Gutachten ist nun offenbar ausgefertigt; in einer Mail an ihre Kritiker, die HORIZONT Online vorliegt, zitiert Amann daraus: "Die Position des Managing Editors ist mit der Gesellschafterstellung und der Stellung als Geschäftsführer der Mitarbeiter KG vereinbar", selbst wenn die neuen Funktionen in einzelnen Stellenausschreibungen als "in der Chefredaktion angesiedelt" und als Teil der "erweiterten Chefredaktion" bezeichnet werden.


Doch der Gesellschafterbeschluss zum Redaktionsumbau unterscheide "klar" zwischen Chefredaktion und den darunterliegenden Stabstellen à la Managing Editor. Und: "Ein allgemeiner Grundsatz, nach dem kein Geschäftsführer der Mitarbeiter KG operativ in der Zustimmung der Gesellschafter vorbehaltene Geschäfte eingebunden sein darf, lässt sich dem Gesellschaftsvertrag nicht entnehmen. Er würde auch dem Gedanken eines Mitarbeiterbeteiligungsprogramms zuwider laufen", urteilt das Gutachten laut Amanns Mail.

Da das Gutachten "zu dem eindeutigen Schluss" komme, dass ihr neu geschaffener Posten mit der Rolle eines KG-Vertreters vereinbar sei, will Amann ihr KG-Amt nicht niederlegen. Auch "ich persönlich halte es für möglich, beide Positionen zu bekleiden und die eventuell auftretenden Rollenkonflikte zu lösen bzw. auszuhalten", schreibt sie: "Jeder, der dieses Amt schon mal innehatte, weiß, dass diese Konflikte in unserer Satzung strukturell angelegt sind."

Trotzdem will Amann zur turnusgemäßen Wahl der neuen KG-Spitze für die kommenden drei Jahre im März nicht mehr antreten. "Ich habe nicht den Eindruck, dass das Gutachten die Debatte um meine Person beenden wird, auch wenn es eindeutig ist. Ich befürchte, dass dies den KG-Wahlkampf überlagern und so von den wichtigen Themen ablenken wird", schreibt sie. Ihr sei es "wichtig, dass dieses Haus die nächsten Monate und Jahre gut übersteht. Dass wir unsere Kraft auf die Probleme konzentrieren, die vor uns liegen".

Neben diesem selbstlos klingenden Grund dürfte es noch weitere geben: Amann will sich wohl den Wahlkampf und eine mögliche zweite Amtszeit unter diesen Umständen schlicht nicht antun. Vielleicht scheut sie auch eine Niederlage bei der Wahl: Zwar hat sich nur eine kleine Minderheit ihrer Kollegen als Kritiker zu erkennen gegeben (die möglicherweise auch andere Motive umtreiben). Nicht ausgeschlossen ist jedoch, dass noch viel mehr Kollegen die Compliance-Bedenken in aller Stille teilen – und Amann nicht wiedergewählt worden wäre.

Sie schließt die Mail an ihre Kritiker mit einer kleinen Stichelei: "Ich freue mich, wenn Ihr mit der gleichen Energie, mit der Ihr in den letzten Wochen die Debatte um mögliche Compliance-Verstöße geführt habt, den Wandel unterstützt, dem wir uns gemeinsam stellen müssen."

Nun fragt sich, ob es ihre Opponenten dabei bewenden lassen – oder ob sie wie angedroht ein Schiedsgerichtsverfahren einleiten, weil Amann ihr KG-Amt nicht schon jetzt abgibt. Treiben es die Kritiker wegen der ausstehenden zwei, drei Restmonate bis zur Wahl auf die Spitze? Dann könnte sich die staunende Fachöffentlichkeit nicht nur mit den Relotius-Nachwehen beschäftigen, sondern zeitnah auch mit einer neuen Schlammschlacht an der Ericusspitze.

Dort könnten mit Amanns Verzicht auf eine Kandidatur für Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass und Chefredakteur Steffen Klusmann im Frühjahr ohnehin unruhigere Zeiten anbrechen. Denn nun ist klar: Mindestens drei der fünf KG-Chefs treten nicht mehr zur Wahl an; das Machtzentrum des Spiegel wird somit mehrheitlich neu besetzt. Dies dürfte den eingeleiteten Redaktionsumbau zwar nicht grundsätzlich umkehren. Wohl aber könnte es von manchen Kritikern gewünschte Kursänderungen oder Tempoverlangsamungen zur Folge haben. rp

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