"Das trifft uns bis ins Mark"

NDR-Redaktion mit spektakulärer Protestaktion / Führungskräfte lassen Ämter ruhen

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Beim NDR ist es derzeit zappenduster
© IMAGO / Hanno Bode
Beim NDR ist es derzeit zappenduster
Wegen ungeklärter Vorwürfe gegen redaktionelle Führungskräfte des Norddeutschen Rundfunks in Kiel haben Fernsehchef Norbert Lorentzen und Redaktionsleiterin Julia Stein darum gebeten, von ihren bisherigen Aufgaben entbunden zu werden. Derweil haben die NDR-Medienschaffenden gestern Abend ein Zeichen gesetzt und die TV-Sendung "Schleswig-Holstein Magazin" mit Blick auf ein leeres Studio begonnen.
Der Direktor des Landesfunkhauses Schleswig-Holstein, Volker Thormählen, teilte am Mittwoch in einem Statement mit: "Norbert Lorentzen und Julia Stein haben mich am heutigen Nachmittag gebeten, sie bis auf weiteres von ihren bisherigen Aufgaben im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein zu entbinden. Ich habe ihrem Wunsch entsprochen und mich bei ihnen für diesen Schritt bedankt." Thormählen ergänzte: "Ich möchte der guten Ordnung halber daran erinnern, dass die Unschuldsvermutung gilt." Lorentzen ist Chefredakteur des NDR für Schleswig-Holstein, Stein ist dort für die Politik-Berichterstattung verantwortlich.

Der Fall dreht sich um Vorwürfe im Zusammenhang mit der Politik-Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen ARD-Senders. Das Online-Medium "Business Insider" und danach der "Stern" hatten über Vorwürfe berichtet, wonach es eine Art Filter durch die Vorgesetzten in der Redaktion geben könnte. Dabei ging es beispielsweise um ein Interview, das ein NDR-Journalist habe führen wollen, was seine Vorgesetzten aber abgelehnt hätten. Lorentzen und auch der NDR hatten den Vorwurf von politischer Einflussnahme zurückgewiesen.

„Das trifft uns als unabhängige Journalisten bis ins Mark, auch wenn es bisher nur Vorwürfe sind.“
Henrik Hanses
Der unabhängige Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein hat eine Prüfung eingeleitet. NDR-Mitarbeiter forderten in einem Brief an den Landesfunkhausdirektor eine lückenlose Aufklärung. Es gehe um die Reputation des Senders.

Die Posten von Lorentzen und Stein übernehmen vorübergehend nach NDR-Angaben die Vize-Direktorin und Chefredaktionsmitglied Bettina Freitag und Redakteur Andreas Schmidt aus dem Bereich "Politik und Recherche".
Derweil haben die Journalistinnen und Journalisten des Landesfunkhauses Kiel gestern Abend im TV auf die Vorwürfe über eine Einflussnahme auf die Berichterstattung reagiert und das Schleswig-Holstein Magazin um 19.30 Uhr mit einem Blick auf ein leeres Studio begonnen. Danach hielten die Moderatoren Gabi Lüeße und Henrik Hanses eine Ansprache vor dem Studio-Gebäude mit dem gesamten NDR-Team im Rücken. Das sei "sicherlich eine der schwersten Folgen", sagte Lüeße. Man habe ernsthaft überlegt und diskutiert, ob man überhaupt sende. "Das trifft uns als unabhängige Journalisten bis ins Mark, auch wenn es bisher nur Vorwürfe sind", ergänzte Co-Moderator Hanses. dpa/mad
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