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Der Werbemarkt ist wegen der Coronakrise im Sturzflug
Gerd Altmann auf Pixabay
Corona-Werbekrise

EU-Politiker wollen Medien-Notfallfonds

Der Werbemarkt ist wegen der Coronakrise im Sturzflug
Angesichts der Corona-Krise haben EU-Politiker einen europäischen Notfallfonds für Medien vorgeschlagen. In einem Schreiben fordern eine Reihe von EU-Abgeordneten Vertreter der Kommissionsspitze auf, einen europäischen Notfallfonds zur Unterstützung von Medien und Journalismus zu prüfen. 
von HORIZONT Online / dpa Mittwoch, 22. April 2020
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Medienhäuser verzeichnen in Corona-Zeiten eine erhöhte Nachfrage nach Inhalten und gewinnen Digital-Abonnenten hinzu, haben aber zum Teil erhebliche Rückgänge im Anzeigengeschäft, weil es Stornierungen gibt. Dem Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) zufolge sind die Werbeeinnahmen je nach Sektor zwischen 20 und bis in der Spitze über 80 Prozent eingebrochen. 


Eine Reihe von EU-Abgeordneten forderte Vertreter der Kommissionsspitze auf, einen europäischen Notfallfonds zur Unterstützung von Medien und Journalismus zu prüfen. In einem Brief, der der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch vorlag, heißt es, besondere Aufmerksamkeit sollte auf lokale und regionale Medien sowie Nachrichtenmedien, die in kleinen Märkten agieren, gerichtet werden. 

Eine Idee in dem zu Wochenanfang versandten Schreiben ist auch, als Unterstützung Gutscheine an junge Leute für Abos von Nachrichtenmedien auszustellen; ebenso das Umleiten von Kommunikationsbudget der Kommission und des Europäischen Parlaments weg von großen Online-Plattformen hin zu nationalen Medien. 


In einem zweiten Brief, der von Mitgliedern des Ausschusses für Kultur im Europäischen Parlament an EU-Kommissare verschickt wurde, wurde ebenfalls dazu aufgefordert, das Potenzial für einen Notfallfonds zur Unterstützung der Medien- und Pressebranche zu prüfen. Die Ausschussvorsitzende Sabine Verheyen (EVP) sprach sich auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur für Direkthilfen für Medienhäuser aus. "Der Fonds soll einen teilweisen Ausgleich zu wegfallenden Werbeeinnahmen leisten." Man brauche zugleich eine Garantie, dass mit den Zuschüssen auch tatsächlich Journalismus finanziert werde. Wesentlich sei es, in der Corona-Krise mit wegbrechenden Anzeigen die Medienvielfalt zu erhalten.

Der Zeitschriftenverleger-Verband VDZ betonte am Mittwoch bei seiner Jahrespressekonferenz, dass die Verleger trotz massiver Umsatzrückgänge die Krise unternehmerisch und ohne staatliche Zuschüsse bewältigen wollten. Vom Gesetzgeber forderte der Verband zugleich, ordnungspolitische Weichen zu stellen. 
VDZ Stephan Scherzer Rudolf Thiemann
© Screenshot: HORIZONT
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20,2 Milliarden Euro setzten die Magazinverlage 2019 um, kaum weniger als im Jahr zuvor. Aber was heißt das schon? Bis März liefen die Geschäfte noch gut, doch dann begann der Shutdown. Um 20 Prozent und in der Spitze bis zu 80 Prozent sind die Werbeeinnahmen eingebrochen, das Konferenzgeschäft liegt brach. Das trifft auch den VDZ. Der Publishers' Summit wird in diesem Jahr nicht stattfinden.

Schon vor der Krise beklagten Verlage gestiegene Kosten, die meisten Zeitschriften werden per Post verschickt. "Wir müssen schnell an einem runden Tisch klären, was jeder zu einer einvernehmlichen und dauerhaft tragbaren Lösung in der Zustellung beitragen kann", sagte der VDZ-Vizepräsident und Sprecher der Publikumszeitschriften, Philipp Welte. An dem Gipfel sollten sich aus VDZ-Sicht Entscheidungsträger aus Politik, Post und Verlagen beteiligen. 

Welte betonte, grundsätzlich sei man Anhänger einer freien Presse, die sich marktwirtschaftlich finanziere. Er sagte zugleich, dass niemand grundsätzlich ausschließen könne, dass man in eine Situation komme, in der man staatliche Unterstützung brauche. Eine wichtige Frage sei: Wie schafft man es, zu vertretbaren Preisen den Weg zu den Menschen zu finden? Die Politik müsse sich auch damit beschäftigen, "welche Art von regulatorischen Belastungen diese Industrie wirklich verkraftet". Welte fügte hinzu: "Wir stehen vor extrem schwierigen Zeiten." 

Die Deutsche Post zeigte sich offen "für konstruktive Gespräche mit Verlegern wie auch der Bundesregierung", wie es von einem Sprecher hieß. "Solche Gespräche sollten eine Förderung der Pressevielfalt und eine qualitativ hochwertige und wirtschaftliche Zustellung zum Ziel haben. Die Deutsche Post steht im Übrigen seit Jahren in regelmäßigem Austausch mit den Verlegerverbänden." Zugleich verwies die Post darauf, dass der durch die Bundesnetzagentur betreute regulatorische Rahmen eine Kostenorientierung der Preise vorsehe. "Die Umsätze der Verlage sind dabei bislang keine relevante Orientierungsgröße." 

Der Bundestag hatte Ende vergangenen Jahres bereits unabhängig von der Corona-Krise beschlossen, speziell die Zustellung von gedruckten Zeitungen und Anzeigenblättern in diesem Jahr mit 40 Millionen Euro zu fördern. Hintergrund ist die seit vielen Jahren sinkende Auflage. Verlage wollen sicherstellen, dass die Auslieferung der Zeitungen an Abonnenten bis in die kleinsten Dörfer weiterhin funktioniert. 

Ein genaues Konzept ist noch nicht bekannt. In dem Beschluss waren Zeitschriften nicht berücksichtigt. VDZ-Präsident Rudolf Thiemann betonte: "Wir halten nichts davon, wollte man Zeitungen und Zeitschriften gegeneinander ausspielen. Beide Kategorien sind unverzichtbarer Teil der freien Presse und ergänzen sich in idealer Weise." 

Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) reagierte auf den Vorschlag von EU-Abgeordneten zu dem Fonds auf dpa-Anfrage so: Man begrüße, dass die Politiker die hohe Bedeutung und systemrelevante Leistung der Medien und Presse anerkennen. Die private Presse sei gerade aufgrund ihrer Unabhängigkeit stark. "Daher sind allgemeine direkte Subventionen nicht der richtige Weg. Sinnvoll wäre eine Förderung des vor- oder nachgelagerten Bereichs, wie beispielsweise der Zustellung." Eine weitergehende Reduzierung beziehungsweise Befreiung von der Mehrwertsteuer brachte der Verband als Idee ebenfalls ins Spiel. 

Der Zeitschriftenverband VDZ geht davon aus, dass sich die gestiegene Nachfrage nach Informationen bis Ende 2020 mit einem jetzt erwarteten Umsatzplus von rund vier Prozent auswirken wird. Das bisher umsatzstarke Veranstaltungsgeschäft sei hingegen ein "Totalausfall". Im Schnitt rechneten Verbandsmitglieder, die sich an einer Umfrage beteiligten, mit einem Minus von 48 Prozent übers Jahr - falls die Einschränkungen bis Jahresmitte auf ein Mindestmaß heruntergestuft seien. Verlage greifen auch auf das Instrument der Kurzarbeit zurück. 

Im vergangenen Jahr lag der Branchenumsatz von gut 5500 Fach- und mehr als 1500 Publikumstiteln bei 20,2 Milliarden Euro. 2018 waren es 20,6 Milliarden Euro gewesen. Das Werbegeschäft sei rückläufig gewesen, Zuwächse habe es in anderen Geschäftsfeldern gegeben. Als eine Folge der Corona-Krise wird der Verband in diesem Jahr auch auf sein Branchentreffen ("Publishers' Summit/Night") verzichten. 
Anna Ringle und Verena Schmitt-Roschmann, dpa
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