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In Krisenzeiten schauen viele das News-Flaggschiff der ARD. Bei den Jüngeren punkten auch Privatsender.
ARD
Corona und Bewegtbild

TV und Streaming profitieren bei den Reichweiten - nicht im Werbemarkt

In Krisenzeiten schauen viele das News-Flaggschiff der ARD. Bei den Jüngeren punkten auch Privatsender.
Die Bewegtbildanbieter dürften Corona-Gewinner und -Verlierer zugleich sein. Gewinner, weil das verstärkte Verharren in den eigenen vier Wänden sowie das große Informations- und Unterhaltungsbedürfnis die TV- und Streaming-Nutzung deutlich steigern. Aber natürlich schwächelt der Werbemarkt, und vor allem Kino trifft es hart.
von Katrin Ansorge, Roland Pimpl und David Hein Freitag, 20. März 2020
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Zunächst die Erfolgsgeschichten: Nachrichtenformate, Sondersendungen und Talkshows zum Mega-Thema dieser Tage erreichten zuletzt Rekord-Einschaltquoten, bei öffentlich-rechtlichen wie auch bei privaten Sendern in der Primetime. Entgegen dem Trend der vergangenen Jahre seien in den letzten Tagen besonders die Nutzungszahlen der linearen Fernsehprogramme gestiegen, sagt Kerstin Niederauer-Kopf, Chefin der AGF Videoforschung, im Deutschlandfunk: "Momentan stellen wir eher einen Lagerfeuereffekt fest."


Ein Beispiel vom Sonntag: 9,9 Millionen Menschen schalteten im Ersten die "Tagesschau" ein; mit den Ausstrahlungen in den dritten Programmen und auf 3 Sat waren es dann 17,4 Millionen. Bei Anne Will ging es im Anschluss an den "Tatort" natürlich ebenso um die Corona-Krise. Mit 6,1 Millionen Zuschauern erzielte die Talkshow damit die höchste Reichweite seit der Bundestagswahl. Auch die ZDF-"Heute"-Nachrichten um 19 Uhr erreichten mit 5,9 Millionen Zuschauern einen neuen Jahresbestwert.

Bei den Zielgruppen zwischen 14 und 49 Jahren waren neben der "Tagesschau" die Sat-1-Nachrichten mit 1,4 Millionen Zuschauern das meistgesehene Nachrichtenformat des Tages. Die Sat-1-Sondersendung "Bild Corona Spezial", produziert von Axel Springers Boulevardtitel, erreichte zuvor 1,3 Millionen Zuschauer.


Doch gerade auch Netflix und Co dürften in dieser Zeit eine deutlich stärkere Nutzung verzeichnen. Inwieweit sich das zugleich aufs Geschäft – also auf neue Abos – auswirkt, bleibt abzuwarten. Der Dienst möchte dazu auf Anfrage nichts sagen. Wahrscheinlich deswegen, um nicht als Krisengewinnler dazustehen.

Verlierer ist indes die Kinobranche – schon vor den Saalschließungen in vielen Städten wurden Filmstarts reihenweise abgesagt. Unter diesen Umständen werde man "die Kontaktziele nicht im gewünschten Kampagnenzeitraum generieren können", sagt Stefan Kuhlow, CEO von Weischer Cinema. Daher müsse man wohl manche Kampagnen verlängern oder verschieben, in enger Abstimmung mit den Kunden, denen keinerlei finanzielle Nachteile entstehen würden.

Und auch die TV-Sender werden Corona schmerzlich spüren – bei ihren Werbeerlösen, vor allem ab dem 2. Quartal. So muss die RTL-Gruppe schon jetzt von ersten Werbestornierungen und Auswirkungen auf Produktionen berichten. Bei Pro Sieben Sat 1 wird das nicht anders sein. Und die kleineren Sender? "Kurzfristig merken wir noch nichts, aber wir gehen davon aus, dass wir das bald spüren werden. Daran kommen wir wohl nicht vorbei", sagt Stephan Karrer, Geschäftsführer des RTL-Zwei-Vermarkters El Cartel Media.

Speziell die Öffentlich-Rechtlichen können nach der Verschiebung der Fußball-EM auf 2021 für dieses Jahr "unseren Teil der Vereinbarung mit den Kunden nicht erfüllen", sagt Hans-Joachim Strauch, Geschäftsführer ZDF Werbefernsehen. Diese Buchungen werden gegenstandslos. Hintergrund: Spots bei der EM oder auch den Olympischen Spielen sind fest und zu gesonderten Konditionen gebucht, sie lassen sich also nicht einfach um ein paar Wochen verschieben. Unterdessen bittet die Allianz Deutscher Film- & Fernsehproduzenten die TV-Sender um eine "verantwortungsvolle Vorgehensweise" bei anstehenden Produktionen. "Die Produzenten dürfen mit den Risiken und immensen Zusatzkosten abgebrochener oder nicht begonnener Produktionen nicht alleine gelassen werden", daher brauche es nun einen "gemeinsamen Schutzschirm der auftraggebenden Sender" im Sinne der Liquidität ihre Inhalte-Dienstleister. rp/kan/dh
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