Reporter Claas Relotius

Spiegel muss Betrugsfall im eigenen Haus eingestehen

Der Spiegel muss Aufklärung in eigener Sache betreiben
© Spiegel-Verlag
Der Spiegel muss Aufklärung in eigener Sache betreiben
Der Spiegel macht bittere Schlagzeilen in eigener Sache: Der hochdekorierte Reporter Claas Relotius, der seit sieben Jahren für das Nachrichtenmagazin schreibt, hat zahlreiche seiner Geschichten frei erfunden. Das hat er nach internen Recherchen von Kollegen eingeräumt. Für den Spiegel ist der Fall in Zeiten von Fake News ein Super-GAU. 
Relotius, 33, war einer der Stars einer aufstrebenden jungen Generation von Nachwuchsjournalisten. Er schrieb Reportagen für die Weltwoche, die Neue Zürcher Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Cicero, den Spiegel - und nach eigenen Angaben auch für renommierte internationale Titel wie den britischen Guardian und die Los Angeles Times. Doch auch daran bestehen mittlerweile Zweifel. Er wurde für seine Arbeiten in den vergangenen Jahren mit Preisen überhäuft - unter anderem bekam er viermal den Deutschen Reporterpreis und den Peter Scholl-Latour-Preis für seine Reportagen. 


Doch viele seiner gefeierten Texte waren schlicht und einfach erfunden. Erste Zweifel an seiner Arbeit kommen auf, als sein Kollege Juan Moreno, Co-Autor der Reportage "Jaegers Grenze", Verdacht schöpft und beginnt, die Stories von Relotius zu überprüfen - auch gegen Widerstände im eigenen Haus. Ullrich Fichtner, selbst Reporter beim Spiegel, hat in einem Beitrag in eigener Sache rekonstruiert, wie die Redaktion Relotius auf die Schliche kam, und dieser schließlich einräumen musste, viele seiner Reportagen frei erfunden, oder Texte mit erfundenen Zitaten oder Tatsachen frisiert zu haben. Andere Texte will er dagegen sauber recherchiert haben. Momentan überwiegen die Zweifel. 

Relotius hat am Montag selbst gekündigt und sein Büro bereits am Sonntag geräumt. Aber nicht nur der ehemalige Redakteur, auch der Spiegel steht vor einem Scherbenhaufen. Gerade in Zeiten, in denen die Arbeit der "Mainstream-Medien" Zweifeln ausgesetzt ist, ist ein Fall wie der von Relotius ein Super-GAU und Wasser auf die Mühlen der Kritiker. "Diese Enthüllung, die einer Selbstanzeige gleichkommt, ist für den Spiegel, für seine Redaktion, seine Dokumentationsabteilung, seinen Verlag, sie ist für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Schock. Die Kolleginnen und Kollegen sind tief erschüttert", schreibt Fichtner, ab Januar Mitglied der neuen Chefredaktion.


Zugleich erinnert er an den Leitspruch des Spiegel, der im Atrium des neuen Spiegel-Hauses am Ericusgraben an der Wand steht: "Sagen, was ist."
Deshalb markiere der Fall Relotius "einen Tiefpunkt in der 70-jährigen Geschichte des Spiegel", so das Eingeständnis von Fichtner. "Die selbst gesteckten Ziele wurden verfehlt, eigene Ansprüche weit unterboten, alte Werte verletzt, wie oft genau und in welchen Weisen, wird noch zu ermitteln sein." Der Spiegel, eigentlich berühmt für die unbarmherzige interne Qualitätskontrolle seiner Dokumentationsabteilung, will nun seine interne Abläufe auf den Prüfstand stellen. Man werde eine Kommission aus internen und externen Experten einsetzen, "um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden", erklärt Fichtner. "Ausschließen lassen sie sich, auch bei bestem Willen, nicht." 

Im Fall Relotius kam erschwerend hinzu, dass Falschinformationen aus den eigenen Reihen nicht eingeplant sind: "Dass ein Kollege vorsätzlich betrügt, kann nicht Teil der alltäglichen Überlegungen im Journalismus sein", schreibt Fichtner. "Die Regel ist das redliche Bemühen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Der Betrug ist die Ausnahme. Bei Claas Relotius verfließen alle Sphären."

Der Spiegel versucht nun mit schonungsloser Offenheit den Schaden für das eigene Haus zu minimieren und schildert den Fall in mehreren Beiträgen in eigener Sache. Diejenigen, die schon immer wussten, das "Die Presse" ja ohnehin nur Fake News verbreitet, wird das aber vermutlich auch nicht überzeugen. 

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Fälle von Journalisten, die Geschichten oder Interviews erfunden oder aus bestehenden Texten neu zusammengesetzt haben. Einer der prominentesten Fälle ist der des Schweizer Journalisten Tom Kummer, der Interviews für das SZ Magazin mit Hollywood-Stars gefälscht hatte. 2000 mussten wegen des Skandals die damaligen Chefredakteure Ulf Poschardt und Christian Kämmerling ihren Hut nehmen. Zehn Jahre später ereilte das inzwischen eingestellte Jugendmagazin Neon von Gruner + Jahr das gleiche Schicksal: Autor Ingo Mocek hatte ebenfalls Interviews mit US-Prominenten erfunden. dh 

Ausgewählte Twitter-Reaktionen zum Fall Claas Relotius

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