Christchurch und die Medien

"Soziale Netzwerke sind kein Selbstbedienungsladen für Journalisten"

Volker Stennei, Sprecher Deutscher Presserat
© Deutscher Presserat
Volker Stennei, Sprecher Deutscher Presserat
Nach dem Massaker von Christchurch, bei dem ein Massenmörder 50 Menschen tötete, ist die Diskussion wieder aufgeflammt, wie Presse berichten sollte und wie nicht. Beim Deutschen Presserat, der darüber wachen soll, ob Verlage den Pressekodex einhalten, gingen bis zum 19. März 36 Beschwerden über die Berichterstattung ein. Volker Stennei, Sprecher des Presserates, spricht in HORIZONT über journalistische Sorgfalt und Respekt.

Herr Stennei, hat sich die Berichterstattung der Presse in den vergangenen zehn Jahren verändert? Verrohen die Sitten? Die Ereignisse von Winnenden stellen eine Zäsur da. Dieses bis dato unvorstellbare Ereignis hat in der Aufarbeitung im Deutschen Presserat aber auch in vielen Redaktionen eine große Nachdenklichkeit produziert. Damals veröffentlichten einige Redaktionen meist ohne Einwilligung der Angehörigen Fotos, auf denen die späteren Opfer klar zu erkennen waren. Damit haben sie das Gefühl der Ohnmacht der Betroffenen gegenüber der Presse noch verstärkt. Daraus haben wir gelernt. Ich stelle heute fest, dass sich die allermeisten Redaktionen der besonderen Verantwortung – auch in Abgrenzung zu den sozialen Medien – bewusst sind und sorgsam damit umgehen.

„Presse darf aber nie aus den Augen verlieren, dass sie es mit Menschen zu tun hat.“
Volker Stennei, Deutscher Presserat
Presse steht in einem ständigen Spannungsverhältnis: Sie soll als wahrhaftiger Chronist die Welt so darstellen wie sie ist. Sie darf dabei aber nie aus den Augen verlieren, dass sie es mit Menschen zu tun hat, dass sie mit ihrer Berichterstattung und Kommentierung  auf sie wirkt und ihre Würde respektieren muss. Das ist oft ein schmaler Grat und zugleich eine anspruchsvolle Abwägungsarbeit.


Wie hat Social Media die Berichterstattung verändert? Social Media steht vor allem für eine schnelle, ungeprüfte Verbreitung von "Nachrichten". Ich setze das Wort bewusst in An- und Abführung, weil dort eben keine professionellen und ethischen Standards herrschen. Und die sozialen Netzwerke sind ungemein schnell. Während professionell arbeitende Journalisten Meldungen gewissenhaft auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen und diese bewerten, stehen Meldungen bei Social Media quasi in Echtzeit zur Verfügung. Das setzt die Redaktionen unter erheblichen Druck, zugleich schnell, sorgfältig und mit humanem Respekt  zu berichten. Grundsätzlich ist auch deshalb die Verantwortung der Redaktionen noch gestiegen, weil sie zusätzlich nach den gültigen Berufsregeln entscheiden müssen, ob sie die im Netz überall verfügbaren Informationen verwenden oder nicht.

In wieweit beschäftigt sich der Presserat mit Social Media? Social Media beschäftigt uns als Presserat, wenn die Presse Texte, Fotos oder Videos aus den sozialen Medien übernimmt. Das Argument, die Informationen seien ja ohnehin veröffentlicht und könnten deswegen eins zu eins übernommen werden, zählt für uns nicht. Dies gilt besonders für den Opferschutz: Alleine im letzten Jahr haben wir etliche Rügen dafür erteilt, wenn Zeitungen Fotos von späteren Opfern aus deren Facebook- oder Twitterprofilen übernommen haben, ohne die Angehörigen vorher um Erlaubnis zu bitten. Vor wenigen Tagen, zum Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden, habe ich mich dazu deshalb in einer Pressemitteilung klar geäußert: Die sozialen Netzwerke sind kein Selbstbedienungsladen für Journalistinnen und Journalisten.
„Die sozialen Netzwerke sind kein Selbstbedienungsladen für Journalistinnen und Journalisten. “
Volker Stennei, Deutscher Presserat
Es gehört vielmehr zur grundsätzlichen Verantwortung der Presse, auf im Netz verfügbare Informationen zu verzichten, wenn der Nutzen für die Öffentlichkeit in einem erkennbaren Missverhältnis zu einem möglichen Schaden steht.


Sollte so auch mit Informationen umgegangen werden, die von der Polizei kommen? Dasselbe gilt für Pressemitteilungen der Polizei, die oftmals die Herkunft eines Straftäters in ihren Pressemitteilungen erwähnt und dann über die sozialen Netzwerke verbreitet. Auch hier gilt: Diese Informationen sollten an den Pressekodex gebundene journalistische Medien nicht ohne weiteres übernehmen, sondern immer abwägen, ob die Nennung der Herkunft einem öffentlichen Interesse entspricht, wie es Richtlinie 12.1 des Pressekodex festlegt ist. Keine leichte Aufgabe, wenn eine Redaktion ohnehin unter Zeitdruck ist.

Welchen Einfluss haben Pressekodex und Presserat auf die Berichterstattung? An den Stellungnahmen der Redaktionen auf Beschwerden merken wir, dass die Medien jede Beschwerde ernst nehmen und intern auch über Standards diskutieren. Und wir sehen: Die allermeisten Medien halten sich an unsere ethischen Prinzipien – wie den Opfer- und Täterschutz oder das Diskriminierungsverbot. Die Präzisierung der Richtlinie 12.1 ebenso wie die ausführlichen Richtlinien zum Opferschutz (Ziffer 8) helfen den Redaktionen bei der Bewertung der immer als Einzelfall daherkommenden Ereignisse. Wir führen viele Diskussionen mit Redaktionen, die mit uns gemeinsam für einen ethisch korrekten Journalismus eintreten. Generell teilt der Presserat allerdings das Schicksal jeder auf Prävention gerichteten Aktivität: den Wirkungsnachweis kann er nur schwer führen, weil  vermiedene und unterbliebene Regelverstöße schwer zu ermitteln sind. 

Seit Jahren führt Bild die Rügen-Liste an. Ist das Schwert des Presserates scharf genug? Presseethik entwickelt sich im Diskurs, und an dem nehmen wir teil. Über unsere Rügen wird in der Branche ja gesprochen. Keine Redaktion veröffentlicht gern eine Rüge. Das gilt auch für Boulevardmedien.  Redaktionen investieren regelmäßig viel  Arbeit und detaillierte Auseinandersetzung mit erhobenen Vorwürfen, um diese schärfste Maßnahme zu verhindern. Schließlich – und da nützt das Netz – ist eine Rüge permanent und überall auffindbar.
„Als Freiwillige Selbstkontrolle setzen wir eben nicht auf Geld- oder gar Freiheitsstrafen. Und das ist auch gut so. “
Volker Stennei, Deutscher Presserat
Aber ganz ehrlich – was ist die Alternative? Als Freiwillige Selbstkontrolle setzen wir eben nicht auf Geld- oder gar Freiheitsstrafen. Und das ist auch gut so. Unsere eigenen historischen und weltweite Erfahrungen zeigen: die Kriminalisierung professioneller Regelverstöße und Fehler der Presse hat stets zensurartige oder selbstzensurartige Wirkungen. Das will keiner. Der Umgang mit Fehlleistungen darf nicht die Pressefreiheit schwächen – sie mit einer glaubwürdigen Fehlerkultur zu stärken ist unser Ziel. Interview: pap

 

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