Breitbart, Sputnik News & Co

Wie Publisher mit Fake News zum Klimawandel millionenschwere Werbeumsätze erzielen

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Breitbart profitiert von Google-Werbung
© IMAGO / ZUMA Press
Breitbart profitiert von Google-Werbung
Wie mühsam sich der Kampf gegen die Erderwärmung gestaltet, wird in diesen Tagen bei der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow deutlich. Dass sich gleich mehrere Staatschefs großer Länder wie China, Russland und Brasilien erlauben können, erst gar nicht anzureisen, zeigt einmal mehr, dass der öffentliche Druck auf Regierungen, endlich zu handeln, nicht überall gleich groß ist - und die Desinformations-Maschinerie zum Thema Klimawandel offenbar nach wie vor auf Hochtouren läuft. Warum die Ankündigung von Google, Klimawandelleugner künftig von Werbeeinnahmen auszuschließen, vor diesem Hintergrund wahnsinnig wichtig ist, zeigt jetzt eine Untersuchung des Center for Countering Digital Hate (CCDH). Denn diese dokumentiert, dass die Klimaleugnung für Publisher derzeit vor allem eines ist - ein gutes Werbegeschäft.

Knapp 7000 Artikel, in denen der Klimawandel geleugnet wird, hat das CCDH mithilfe des Social-Analytics-Tools NewsWhip analysiert. Die Ergebnisse sind bemerkenswert, zeigen sie doch, dass die Eindämmung von Fake News zum Thema Klimawandel eigentlich kein Hexenwerk wäre.


Grund: Die Anzahl der Webseiten, von denen ein großer Teil der globalen Desinformation ausgeht, ist sehr überschaubar. Heißt konkret: Fast 70 Prozent der Inhalte, die auf sozialen Kanälen die Desinformation über den Klimawandel befeuern, haben ihren Ursprung auf lediglich zehn amerikanischen und russischen News-Plattformen. 

Der Schwerpunkt der vom CCDH als "Toxic 10" bezeichneten Fake-News-Absender liegt eindeutig in den USA. Neben der wohl prominentesten Website Breitbart, die bis Anfang 2018 von Donald Trumps ehemaligem Chefstrategen Steve Bannon betrieben wurde, sind auch die Newsportale Western Journal, Newsmax, Townhall Media, Media Research Center, Washington Times, The Federalist Papers, Daily Wire und Patriot Post in den USA beheimatet. Als einziger nicht-amerikanischer Publisher wird im Toxic-10-Ranking der russische Staat aufgeführt, der über Medien wie RT.com und Sputnik News gezielt Desinformation verbreitet. 

Was der Bericht auch zeigt: Die Leugnung des Klimawandels ist für Publisher inzwischen zu einem lukrativen Geschäft geworden. Denn laut CCDH waren im Untersuchungszeitraum mit Ausnahme von The Patriot Post und den russischen Staatsmedien alle im Toxic-Ten-Ranking aufgeführten News-Portale an Googles AdSense-Plattform angebunden und profitierten damit von Google-Anzeigen. 

Das ist ein einträgliches Geschäft - und zwar nicht nur für die Publisher, sondern freilich auch für Google selbst. Laut den Berechnungen des CCDH, die auf Traffic-Zahlen von SimilarWeb und dem Google Ad Manager basieren, haben die Inhalte der Toxic-Ten-Websites allein in der Zeit von Anfang April bis Ende September rund 1,1 Milliarden Besuche erzielt und damit Werbeumsätze in Höhe von insgesamt 5,3 Millionen US-Dollar generiert. Davon flossen 3,6 Millionen US-Dollar an die Publisher, auf deren Websites Anzeigen von Marken wie Chevrolet, Capital One und DHL ausgeliefert wurden. Immerhin 1,7 Millionen US-Dollar blieben bei Google. 

Umsatzquellen der "Toxic 10" News-Sites
© CCDH
Umsatzquellen der "Toxic 10" News-Sites
Google-Anzeigen sind allerdings nicht die einzige Umsatzquelle für die Fake-News-Publisher. So erzielen mit Ausnahme von Breitbart und The Federalist Papers die Toxic-Ten auch Werbeumsätze über Facebook. Um welche Summen es hier geht, ist jedoch unklar. Da Facebook anders als Google keinerlei Informationen über die Höhe der Werbeeinnahmen pro Besuch oder Ansicht gibt, hat das CCDH in diesem Fall auf eine Schätzung der Werbeumsätze verzichtet. 

Über toxische Seiten generierter Google-Werbeumsatz im letzten halben Jahr

PublisherVisitsGoogle Umsatz in $Seitenumsatz in $Gesamt-Werbeumsatz in $
Breitbart299.670,000475.2411.009,8881.485,129
Townhall Media255.524,195405.231861.1171.266,348
Newsmax198.700,000315.115669.619984.734
The Western Journal148.019,814234.742498.827733.569
The Daily Wire124.600,000197.601419.902617.503
The Washington Times31.500,00049.955106.155156.110
Media Research Center15.390,00024.40751.86476.271
The Federalist Papers2.850,0004.2509.60514.124
Total1.076,254,0091.706,8123.626,9765.333,788
Quelle: CCDH


Spannend wird sein, wie ernst es Google mit der Ankündigung meint, Klimawandelleugnern den Geldhahn abzudrehen. Was der Konzern tun muss, ist aus Sicht des CCDH klar. So müsse Google der Monetarisierung der Klimaverleugnung einen Riegel vorschieben und Websites, die Falschinformationen hierzu verbreiten, von der AdSense-Plattform entfernen. Nur auf diese Weise könne die neue Richtlinie, nicht von Anzeigen zur Klimaverweigerung zu profitieren, in die Tat umgesetzt werden.

Für Google wäre das rein finanziell durchaus verkraftbar. Schließlich sind die genannten 1,7 Millionen US-Dollar, die Google den Berechnungen zufolge im letzten halben Jahr mit den Toxic-10-Sites verdient hat, in der Bilanz des Milliarden-Konzerns absolut zu vernachlässigen. Sollte sich die Ankündigung jedoch als Nebelkerze erweisen, dann dürfte sich CCDH-Chef Imran Ahmed bestätigt fühlen. Denn der ist davon überzeugt, dass Google und Facebook die Klimaleugnung und Desinformation verstärken und damit lebenswichtige Maßnahmen zum Schutz des Planeten verzögern. "Big Tech steht wieder einmal auf der falschen Seite von Wissenschaft, Wahrheit und menschlichem Fortschritt", so Ahmed. Bleibt zu hoffen, dass der CCDH-Chef diesmal falsch liegt. mas

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