Bild-Reichelt interviewt Spiegel-Klusmann

"Wir müssen aufpassen, dass wir den Draht zu den Menschen nicht verlieren"

Julian Reichelt (r.) im Gespräch mit Steffen Klusmann
© Group M / Marvin Kochen
Julian Reichelt (r.) im Gespräch mit Steffen Klusmann
Was kommt dabei heraus, wenn Bild-Chefredakteur Julian Reichelt auf der Bühne Steffen Klusmann interviewt, seinen Kollegen vom Spiegel? Ein launiger bis leidenschaftlicher Talk über perfekte Reportagen in Zeiten von Relotius und Netflix, Wölfe auf dem Land, die AfD im Parlament, Haltungsjournalismus und Handwerksregeln.

Wie steht’s eigentlich um die Spiegel-interne Aufklärung des Relotius-Fälschungsskandals? Er wolle und könne der Untersuchungskommission nicht vorgreifen, sagt Klusmann. Aber: "Schon jetzt ist klar, dass wir ein paar Dinge ändern müssen." Etwa das Gegenchecken im betroffenen Gesellschaftsressort, für das bisher – entsprechend der Themenbreite dort – Allrounder zuständig waren anstatt Spezialisten wie in anderen Ressort. "An der einen oder anderen Stelle hat der Spiegel systemisch versagt", so Klusmann. Andererseits: "Claas Relotius war in der Dreistigkeit seines Vorgehens auch wirklich einzigartig."



Damit äußert sich der neue Spiegel-Chef erstmals nach seinem Antritt (und nach dem der Kommission) branchenöffentlich zum Stand der Dinge. Zusammengebracht hat beide Group M; die Mediaagentur hat Mitarbeiter, Werbekunden und Vermarkter zum "Content Gipfel" nach Düsseldorf eingeladen. Mehr dazu kommende Woche in HORIZONT 9/2019.

Reichelt fragt interessiert, mitunter kollegial mitfühlend, ohne den auftrumpfenden und pseudo-enthüllenden (die Enthüllungen kamen ja vom Spiegel selber) Belehrungston, der zum Jahreswechsel bisweilen die Relotius-Berichterstattung seiner Bild bestimmte. Klusmann und Reichelt können offensichtlich miteinander, freilich ohne die erwarteten Sticheleien wegen unterschiedlicher Zielgruppen und damit journalistischer Herangehensweisen ganz zu vergessen. Sichere Lacher im Publikum.


Und so ist es Reichelt, der den Blick vom Spiegel weglenkt und fragt, ob die Causa Relotius nicht auch ein Branchenthema sei. Klusmann nimmt den Ball auf: "Bei uns allen gibt es den Hang, eine bestimmte Haltung zu zeigen und Erwartungen eines Teils der Leser zu bedienen, denen wir uns selber nahe fühlen." Doch hier müssten Journalisten, zuhause in ihren Medienmetropolen und -blasen, aufpassen, "dass wir den Draht zu den anderen Menschen nicht verlieren". So habe die gesamte Zunft Trump in den USA, den Brexit in England und die AfD hierzulande so nicht kommen sehen – und in allen Fällen "haben nicht nur Vollpfosten dafür gestimmt, sondern auch normale Menschen aus bestimmten Gründen". Vor den anstehenden Wahlen müsse man dafür ein Sensorium entwickeln, anstatt sie kollektiv lächerlich zu machen. Bei aller notwendigen Aufklärung sollte die Presse für diese Beweggründe zugleich ein "respektvolles Verständnis aufbringen".

Was hat Relotius damit zu tun? Vielleicht, so Klusmann, habe der ja deshalb ein leichteres Spiel gehabt, weil er eine bestimmte Haltung so perfekt bediente. Und ebenso jene perfekte Inszenierung von Reportagen, die im Zeitalter von Netflix scheinbar so designt daherkommen müssten wie Hochglanzserien. "Vielleicht müssen wir alle hier einen Schritt zurückgehen." Eine schöne Erzählung sei kein Wert an sich – da könne man sich ja gleich ein Buch kaufen.

Er will den Spiegel investigativer, faktenhaltiger und sachlicher machen. Mehr Themen setzen und Geschichten erzählen über exklusive News – idealerweise drei, vier Mal pro Jahr mit Scoops à la "Football Leaks". Doch auch im Wochenalltag könne man hier besser werden, sagt Klusmann. Eine Geschichte sei dann perfekt, wenn Politiker oder CEOs darauf reagieren müssten. Dennoch will er jetzt nicht gleich neue Handwerksregeln für Reportagen einführen: "Wir sollten erst einmal die Regeln einhalten, die es gibt. Und vor einer Haltung zunächst mal recherchieren". Hier stimmt Reichelt zu: "Entscheidend ist, dass wir bis zum Andruck die bestmögliche Wahrheit suchen – da geht es nicht um eine richtige oder falsche Haltung."

Auch nicht beim Wolf, der den Menschen auf dem Land und ihrem Weidevieh immer näher kommt. Bild nimmt sich ihrer Sorgen an und treibt Abschussszenarien gegen die "Bestie" durch den Blätterwald. Der Spiegel gehe das Thema laut Klusmann "eher wissenschaftlich" an; seine urbanen Leser freuten sich über die Rückkehr der Wölfe, als Zeichen einer intakten Natur. "Es gibt hier zwei unterschiedliche Deutschlands, und wir sollten auch die Ängste wahrnehmen, um nicht wieder überrascht zu werden, wenn viele Menschen plötzlich andere Parteien wählen", sagt Reichelt.

Die "Old Media" hätten tatsächlich viel zu verlieren – nämlich das "Produktversprechen der Glaubwürdigkeit, von dem Social Media nur träumen können", meint Klusmann. Daher würden Facebook und Co bald merken, dass es sinnvoll sei, Content der Medien zu führen, doch bitte unter fairen Bedingungen. Die Medien müssten aber aufpassen, dass ihnen manche weltweite Plattform-Brand nicht den Rang ablaufe: So habe es etwa Netflix bereits geschafft, zur begehrten Produzentenmarke zu werden.

Umso wichtiger sei es für Verlage, bei ihren digitalen Abos weiter zuzulegen: "Damit können wir unabhängiger werden von den US-Plattformen und von großen Werbekunden." Immerhin abonnierten die Nutzer jetzt allein wegen der journalistischen Angebote – und nicht mehr wie früher wegen Abo-Prämien. Dass die neuen Abos nur noch monatsweise laufen, quasi auf Abruf, stört beide Chefredakteure nicht. Im Gegenteil: "Wer sich als Leser heutzutage zu lange an ein Abo binden muss, bindet sich erst gar nicht mehr", sagt Klusmann. Solche Monatsabos hätte man schon viel früher einführen müssen, meint er. Zumal die jederzeitige Kündbarkeit den Journalismus wach halte, ergänzt Reichelt. rp

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