Bild-Chef Julian Reichelt

"Journalisten waren nie Gatekeeper"

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Julian Reichelt beim Deutschen Medienkongress
© Light Hunters Photography
Julian Reichelt beim Deutschen Medienkongress
Julian Reichelt polarisiert, überraschend ist das nicht, er ist Chefredakteur von Bild, und Bild polarisiert per se. Das war so, als Bild noch ausschließlich gedruckt erschien und blieb so, als die Boulevardmarke das Digitale für sich entdeckte. Jetzt will Bild die Welt des Fernsehens erobern: mit Videos, Berichterstattung in Echtzeit und mit Beteiligung der User. Wie der Einsatz von Technologie den Journalismus verändert und warum Journalisten einen Sachverhalt nicht erst verstehen müssen, bevor sie darüber berichten, erzählte Reichelt beim Deutschen Medienkongress. Natürlich polarisierte er auch damit. HORIZONT dokumentiert den Vortrag.
"Je mehr ich mich damit beschäftige, wie wir Bild, Axel Springers gedruckte Antwort auf das Fernsehen, auf alle Geräte, also auch ins Fernsehen bringen, desto mehr fühle ich mich bestärkt in dem Glauben, dass wir als Branche unsere Zukunft in unseren eigenen Händen halten.


Niemand zwingt uns, den Niedergang unserer Printauflagen zu verwalten und uns das nahende Ende etwas ferner zu rechnen. Niemand zwingt uns zur Verzagtheit. Niemand zwingt uns, der Vergangenheit nachzutrauern. Im Gegenteil: Unser Publikum, unsere Leser, User, Zuschauer verlangen von uns mehr, mehr, mehr. Mehr News, mehr Einordnung, mehr Reportagen, mehr Meinung, mehr spannende Bilder, Fotos, Videos.

Wohin wenden sich denn die Menschen, wenn sie in Sorge sind wie derzeit wegen des Corona-Virus? Sie wenden sich intuitiv uns zu, den Medien. Und wie bitter nötig das ist, habe ich im Gespräch mit 15 Menschen in Hamburg erlebt, die der Meinung waren, dass unsere Regierung beim Corona-Virus etwas verschweigt, nicht alles preisgibt, was sie weiß, ohne genau sagen zu können, was denn da wohl verschwiegen wird.


Der Bild-Beweis
Bild Talk "Wir sind das Volk"
© Screenshot: HORIZONT
Ein paar mehr waren es durchaus, die ihre Hand hoben, als Julian Reichelt bei der Premiere des Bild-Talks "Hier spricht das Volk" von den Teilnehmern wissen wollte, wer sich in Sachen Corona-Virus von der Regierung gut informiert fühle. Viel Zeit, um die Hand zu heben, blieb ihnen allerdings sowieso nicht. Reichelt feuerte seine vielen Fragen ab wie aus einem Maschinengewehr. "Wir sind das Volk" versteht sich als die (vermeintlich) erste Talkshow, in der "normale Menschen wie Sie" zu Wort kommen und ihre Meinung sagen können - jedenfalls dann, wenn Reichelt sie aufruft.
Das Social-Media-Zeitalter hat ein bisschen die Rollen verkehrt. Früher waren wir die ewigen Skeptiker, Zweifler, die niemandem nichts geglaubt haben. Heute sehen wir uns in der ungewohnten Rolle, gegen Social Media, diese neue Macht, den Glauben daran zu verteidigen, dass unsere Institutionen grundsätzlich aufrichtig sind und unsere Politiker uns nicht grundsätzlich die Wahrheit verschweigen. Wir waren Wächter der Wahrheit. Heute sind wir auch Wächter des Gedankens, dass es so etwas wie Wahrheit überhaupt noch gibt.

Wo wir einst Verschwörungen aufgedeckt haben, ist es heute unsere vielleicht nobelste und schwierigste Aufgabe, durch starken Journalismus deutlich zu machen, dass die Welt keine einzige Verschwörung ist – und dabei dürfen wir die existenten Skandale, Verschwörungen nicht übersehen. Eine gewaltige Herausforderung, die wir alle in einem Echtzeit-Umfeld unter maximaler Beobachtung und bei maximalem Misstrauen jeden Tag bewältigen müssen.

Warum glaube ich, dass die 20er Jahre des 21. Jahrhunderts dafür ein goldenes Zeitalter werden könnten? Warum sehen Sie mich euphorisch und inspiriert? Weil ich Journalismus für so stark halte wie eh und je und Technologie für unseren größten Freund und Enabler. Und weil Technologie mit all ihren Auswirkungen es uns ermöglicht, die Welt live zu erleben.

Jaha, werden jetzt einige sagen, aber ist das nicht riskant, wenn alles so schnell geht, müssen wir nicht entschleunigen in dieser komplizierten Welt?
Bild-Chefredakteur Julian Reichelt im Gespräch mit HORIZONT-Autorin Ulrike Simon
© Light Hunters Photography
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Deutscher Medienkongress

Bild-Chef Julian Reichelt im Gespräch mit HORIZONT-Autorin Ulrike Simon

Mit Bild TV Live Digital will Chefredakteur Julian Reichelt Deutschlands ersten User Generated Channel etablieren, ein "Sender der Zuschauer", wie er selbst sagt. Auf dem Deutschen Medienkongress in Frankfurt schildert Reichelt im Gespräch mit HORIZONT-Autorin Ulrike Simon unter anderem, nach welchen Kriterien die Bild-Redaktion Themen für eine Live-Sendung auswählt.

Meine Antwort lautet: Die Welt ist nicht komplizierter geworden. Verifikation war schon immer schwierig. Aber heute ermöglicht Social Media, Open Source, der ständige, kostenlose Zugang zu jedem Menschen in jedem Winkel der Welt völlig neue Möglichkeiten.

Wir sind nicht Journalisten geworden, weil es leicht ist, die Fakten herauszufinden, sondern weil es schwierig ist. Betreiben wir es also lustvoll und leidenschaftlich und in dem Bewusstsein, dass wir das Echtzeit-Zeitalter nicht mehr entschleunigen werden, sondern ihm gerecht werden müssen, ohne unsere Grundsätze und eisernen Regeln aufzugeben.

Zwei Quellen finden sich heute leichter als vor dem Zeitalter globaler Kommunikation. Die größten Fälschungen und Betrügereien haben wir nicht im News-Journalismus, sondern im ausgeruhten Erzähljournalismus erlebt.

„Nirgendwo steht, dass Journalismus und Journalisten das Tor zur Wahrheit, die Pforte zu den Fakten bewachen sollen“
Julian Reichelt
Von der Möglichkeit, die Welt live zu erleben, sollten wir fasziniert sein, nicht abgeschreckt. Ich bin es zumindest. Man muss die Tweets des US-Präsidenten inhaltlich nicht mögen oder teilen, aber diese Live-Leitung in das Gehirn des mächtigsten Mannes der Welt ist doch zutiefst faszinierend.

Dinge zu erleben und vom Erlebten zu berichten, ist Kern unseres Berufs. Wenn wir unsere Leser, User und Zuschauer als ebenbürtig, als gleichberechtigt, als unseresgleichen betrachten, dann haben wir kein Argument, ihnen nicht zu berichten, was wir erleben in dem Moment, in dem wir es erleben. Denn was sollte die Legitimation des Vorenthaltens sein? Dass wir erst verstehen müssen, bevor wir berichten? Dass wir erst auswählen müssen, was zumutbar ist, was unser Publikum das Falsche denken lassen könnte? Was für das Leben unseres Publikums relevant ist? Ich glaube, diese Fragen führen uns direkt zur Ursache der Krise, die wir erleben.

Nein, wir waren nie Gatekeeper. Lassen Sie sich das nicht erzählen. Nirgendwo steht, dass Journalismus und Journalisten das Tor zur Wahrheit, die Pforte zu den Fakten bewachen sollen. Journalismus ist immer nur die bestmögliche Version der Fakten bis Andruck. Es war nie anders, es wird nie anders sein. Wir kennen nicht die Wahrheit. Wir sind nur ständig auf der besessenen Jagd nach der bestmöglichen Version der Fakten, aus denen erst die Story und dann Geschichte wird.

„Unsere Gatekeeper-Funktion war kein Privileg, sondern ein Zwang, aus dem ein Geschäftsmodell wurde“
Julian Reichelt
Wir sind frei in unserem Land, aber wir sind nicht und waren nie beauftragt, Gatekeeper zu sein. Der Begriff ,vierte Gewalt‘ steht nicht im Grundgesetz. Da stehen drei Gewalten. Wir sollten nicht Gewalt sein wollen, und wir sollten nicht mit Gewalt ein Tor bewachen wollen. Wir sollten Menschen jeden Tag überzeugen wollen, warum sie uns trauen und vertrauen können. Das Wort ,Gewalt‘ war dabei nie besonders günstig gewählt. Unsere Gatekeeper-Funktion war kein Privileg, sondern ein Zwang, aus dem ein Geschäftsmodell wurde.

Papier und Druck kennen Kommunikation in beide Richtungen leider nicht im Maßstab von Zeitungsdruck. Wir mussten den Lesern etwas vorsetzen, weil der Vertriebsweg es so verlangt hat. Ähnliches gilt für Fernsehen und Radio. Aus der Gewohnheit, den Menschen etwas vorzusetzen und aus unseren gewaltigen Reichweiten haben wir zu lange geschlussfolgert, dass die Menschen gerne etwas vorgesetzt bekommen, weil sie ja sicher verstehen, dass wir als vierte Gewalt mit diesem Recht ausgestattet sind. Sind wir aber nicht.

Wir haben das Recht, uns frei zu äußern. Und wir haben als Medien nicht mehr und nicht weniger als jeder normale Mensch die Chance, die Möglichkeit, andere Menschen in ein Gespräch zu verwickeln.

Wir haben uns bei Bild in den letzten Jahren größte Mühe gegeben, selbst die Zeitung, das Papier, in einen Dialog mit den Lesern zu verwandeln, nicht vorzusetzen, sondern Stimme zu sein und zu geben. Das war ein Kraftakt, aber ein erfolgreicher Kraftakt. Und in jedem direkten Gespräch mit Lesern spüre ich Erleichterung darüber, dass wir uns auf dieses Gespräch einlassen.

„Der Leserbrief hing Jahrzehnte zur Belustigung der Redaktion in der Kaffeeküche – wo unser Publikum noch diesen Geist wahrnimmt, wird es sich abwenden“
Julian Reichelt
Unser Publikum wird es uns nicht verzeihen, wenn Technologie es uns inzwischen ermöglicht, Leser, User und Zuschauer mit auf unsere Reise zu nehmen, wir sie aber trotzdem zurücklassen, weil wir ihnen diese Reise durch die Realität nicht zutrauen oder zumuten wollen. Unser Publikum ist alt genug für die Fakten. Unser Publikum wird sich dahin wenden, wo es am wenigsten Bevormundung, am meisten Transparenz wahrnimmt und vor allem – sich ernstgenommen fühlt.

Der Leserbrief hing Jahrzehnte zur Belustigung der Redaktion in der Kaffeeküche – wo unser Publikum noch diesen Geist wahrnimmt, wird es sich abwenden.

Warum glaube ich, dass 2020 zum Jahrzehnt der News wird? Weil wir in diesem Jahrzehnt, vermutlich schon in den kommenden Jahren, erleben werden, dass Technologie uns Erzählweisen ermöglicht, die früher der Inszenierung von Fiction vorbehalten waren.

Winzige Kameras und Alltagsgegenstände wie das Smartphone werden uns erlauben, in jede Situation einzutauchen, so authentisch wie es früher nur die Inszenierung geschafft hat. Mit 4G und bald 5G kann man jetzt schon aus nahezu jeder Ecke der Welt (außer aus Deutschland) live berichten, ohne die enorme und enorm teure Infrastruktur aufzubauen, über die Fernsehsender verfügen.

Das Live-Gespräch zwischen Zuschauern und Journalisten, Zuschauern und Politikern, Zuschauern und Entscheidungsträgern wird zum Standard, zur ganz normalen Erwartungshaltung unseres Publikums werden, weil sie sich eben nicht bloß als Zuschauer sehen, sondern als Teilnehmer, Teilhaber und Betroffene des Weltgeschehens, die sehr genau abgleichen, ob das, was wir berichten und das, was sie erleben, zueinander passt.

„Ich will Live Video zum ständigen Gespräch mit unserem Publikum machen“
Julian Reichelt
Technologie leuchtet die Welt aus wie nie zuvor. Technologie gibt Menschen eine Stimme wie nie zuvor. Wenn wir das nicht berücksichtigen, werden wir in Schweigen und Dunkelheit verschwinden.

Die 20er werden vermutlich nicht ereignisreicher sein oder weniger ereignisreich als jedes andere durchschnittliche Jahrzehnt, aber die globale Erlebbarkeit von News führt zu globaler Betroffenheit, zu einem nie dagewesenen Informationsbedürfnis. Und dieses Bedürfnis sollten wir im Gespräch mit unserer Audience, nicht im Frontalvortrag stillen. Die Technologie ist da, die Erwartungshaltung ist da. Und wir sind zum Glück auch noch da.

,Wir zeigen, wie Sie es sehen!‘ – Das ist der Slogan im Arbeitstitel-Stadium, unter dem wir gerade Live Video bei Bild entwickeln. Für mich ist das gerade eine inspirierende Zeit, weil ich mich intensiv mit den Technologien beschäftige, die es uns erlauben werden, den Zuschauer nicht zum ,kleinen Mann auf der Straße‘ zu degradieren, der hier und da befragt wird, sondern ihn zum integralen Bestandteil jedes Formats zu machen. Seine Fragen, seine Beobachtung, seine Analyse, seine Einschätzung. Das ist es, was ich mit User Generated Content meinte und meine. Nicht das, was in der Berichterstattung immer wieder als Gaffertum bezeichnet wurde, darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, den User in den Mittelpunkt des Programms zu stellen.

Politik ist für die Menschen da, die von Politik betroffen sind. Sie sollten nicht ausschließlich zuhören müssen. Helene-Fischer-Fans sind die vermutlich besten Helene-Fischer-Experten. Sie zu hören, ist aufregend.

Der Gedanke Fernsehen wäre mir nicht spannend, nicht innovativ, nicht radikal genug. Was ich möchte, ist Live Video zum ständigen Gespräch mit unserem Publikum zu machen, von dem wir lernen und erfahren.

Journalismus ist nämlich zu allererst zuhören und nicht sprechen, reden, senden. Dass wir zu nahezu hundert Prozent zu Sendern geworden sind, war ein Zwang der Vertriebswege. In den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts werden wir das ändern und News in Echtzeit zum gemeinsamen Erlebnis machen.

Nicht weil es leicht ist, sondern weil es schwer ist. Aber vor allem, weil es das Schönste ist, was es gibt."
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