Bilanz ohne Ausblick

Bertelsmann-Chef Thomas Rabe: „M&A ist weltweit zum Erliegen gekommen“

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Konzernchef Thomas Rabe sieht Bertelsmann gut gerüstet für die Corona-Krise
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Konzernchef Thomas Rabe sieht Bertelsmann gut gerüstet für die Corona-Krise
2019 war für den Gütersloher Konzern ein solides Geschäftsjahr. Finanziell sieht sich Bertelsmann gut gerüstet für die Corona-Krise. Von Vorteil seien die derzeit hohen TV-Quoten, der Streaming-Boom, das gestiegene Bedürfnis nach Information und Unterhaltung sowie der Bedarf an Online-Learning-Angeboten, sagte Vorstandschef Thomas Rabe. Negative Effekte im Werbegeschäft seien bereits zu spüren. Eine Prognose, wie sich das Geschäftsjahr 2020 entwickeln könnte, wagte er daher nicht, erneuerte aber sein Interesse an einer Übernahme von ProSieben Sat.1.



Das ursprünglich für kommenden Montagabend geplante Get-together von Bertelsmann-Managern und Journalisten: Es fällt in diesem Jahr aus. Die Präsentation der Bilanz fand am heutigen Vormittag lediglich telefonisch statt. Noch bevor es soweit war, hatte der andere große deutsche Medienkonzern, Axel Springer, die Prognose für 2020 gekippt. Umsätze und operativer Gewinn dürften sich in allen drei Geschäftsbereichen schlechter entwickeln als gedacht. Was die Corona-Krise für Springer bedeutet, wurde einem erst so richtig bewusst, als Bertelsmann-Vorstandschef Thomas Rabe am Dienstag auf Nachfrage sagte: „In Zeiten der Corona-Krise und eines weitgehenden Shutdowns ist M&A zu betreiben faktisch unmöglich. Schon rein physisch. Es ist weltweit zum Erliegen gekommen.“

Was wird Axel Springer nun mit den ganzen Milliarden Euro tun, die der Konzern nach dem Einstieg des Finanzinvestors KKR in Expansion und Wachstum investieren wollte?


Doch zurück zu Bertelsmann, dem Rückblick auf das abgelaufene Geschäftsjahr 2019 und zur Frage, wie die Gütersloher auf die Corona-Krise blicken.

Die Zahlen in aller Kürze: Der Konzernumsatz stieg 2019 um zwei Prozent auf 18 Milliarden Euro. Der Anteil der Digitalgeschäfte lag mit 51 Prozent erstmals über der Zielmarke von 50 Prozent. Das Operating Ebitda erreichte vor allem dank dem Dienstleister Arvato mit 2,9 Milliarden Euro einen Bestwert (nach 2,6 Milliarden Euro im Vorjahr). Das Konzernergebnis von 1,1 Milliarden Euro blieb stabil.

Als Meilenstein betrachtet Bertelsmann die Komplett-Übernahme von Penguin Random House. Sie soll im zweiten Quartal abgeschlossen sein. Konzentrieren will sich Bertelsmann 2020 insbesondere auf die organische Entwicklung seiner Wachstumsplattformen. Dazu gehören neben der Bertelsmann Education Group, Fremantle, Arvato und BMG die Digitalgeschäfte von RTL Group und Gruner + Jahr.

Die Bertelsmann-Töchter im Einzelnen - und Gruner + Jahr im Speziellen
Bertelsmann Umssätze Tochterunternehmen
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Gruner + Jahr kommt in der für Bertelsmann strategisch wichtigen Content Alliance eine konzernweit führende Rolle zu. Das eigene Ergebnis stieg operativ um 12,1 Prozent auf 157 Millionen Euro. Organisch war der Umsatz stabil, schrumpfte jedoch durch die Verkäufe von Motor-Presse Stuttgart und Ligatus um knapp 6 Prozent auf 1,4 Milliarden Euro. Wachstumstreiber war erneut die Vermarktungsplattform Applike. Positiv in Umsatz und Ergebnis entwickelten sich außerdem die Digitalangebote sowohl der deutschen als auch französischen Magazinmarken. Rückgänge im Vertriebs- und Printwerbemarkt konnten unter anderem durch Magazingründungen und effizientere Produktionsweisen ausgleichen. Im Umsatz und Ergebnis unter Vorjahr lag der Content-Communication-Anbieter Territory, dessen Management erst kürzlich ausgetauscht wurde.
Ins Zentrum seiner Bilanz-Präsentation rückte Rabe die in Deutschland ausgerollten Allianzen: von der Bertelsmann Content Alliance über die Ad Alliance bis hin zur Tech & Data Alliance. Sie sollen nun international ausgeweitet werden, sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich und den USA. Ziel sei es, den Anteil der Wachstumsgeschäfte von jetzt 36 Prozent auf 40 Prozent sowie den Umsatz außerhalb Europas von aktuell 30 auf ebenfalls 40 Prozent zu erhöhen.

Eine Prognose zum laufenden Geschäftsjahr wagte Thomas Rabe wegen der außerhalb jeglicher eigener Einflussmöglichkeiten liegenden Folgen der Corona-Krise nicht. Das erste Quartal habe sich stabil entwickelt, Bertelsmann sei profitabler denn je, die Bonität sei gut, ebenso seien die Geschäfte breit aufgestellt: das Digital-Geschäft funktioniere in Krisen ohnehin besser als die Offline-Geschäfte, meinte Rabe. Darüber hinausgehende Aussagen wären jedoch unseriös. Erste negative Effekte beim Werbegeschäft seien bereits zu spüren.

Was Rabes im Interview mit der FAS geäußertes Interesse an einer Übernahme von ProSieben Sat.1 anbelangt, erneuerte er seine Aussage. Er sei sich im Klaren darüber, dass das aus regulatorischen Gründen „momentan schwierig“ wäre, sagte der Bertelsmann-Chef, doch „irgendwann sollte das möglich sein“. Bis dahin setze er auf Kooperationen wie die gemeinsame Buchungsplattform dforce für Adressable-TV.

Ablehnend wiederum zeigte er sich mit Blick auf ein Zusammengehen von TV Now mit Joyn, und dies nicht nur wegen der zu erwartenden kartellrechtlichen Schwierigkeiten: „Das Streaming-Geschäft braucht Geschwindigkeit“, TV Now entwickle sich „ausgesprochen positiv“, da wolle sich Bertelsmann nicht ablenken lassen von Joint-Venture-Verhandlungen und Kartellverfahren. usi
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