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Vor allem der Bezahl-TV-Sender Sky versucht derzeit, mit Serien wie „Patrick Melrose“ die Streaming-Zuschauer für sich zu gewinnen
2018 SHOWTIME / SKY UK LTD / OLLIE UPTON
Bewegtbild-Markt

Wie TV-Sender den amerikanischen Streaming-Plattformen den Kampf ansagen

Vor allem der Bezahl-TV-Sender Sky versucht derzeit, mit Serien wie „Patrick Melrose“ die Streaming-Zuschauer für sich zu gewinnen
Das Amazon Original "Tom Clancy’s Jack Ryan" mit John Krasinski in der Hauptrolle rauschte in der ersten Septemberwoche mit einer Brutto-Reichweite von 5,09 Millionen Zuschauern auf den 2. Platz der deutschen Video-on-Demand-Charts (VoD). Aufwendig inszenierte und intelligent erzählte Serien wie diese sind eine wichtige Zutat für den Erfolg von Netflix und Amazon Prime. Beide Streaming-Anbieter wachsen rasend schnell und erreichen mittlerweile fast 14 Millionen Menschen in Deutschland – insbesondere junge, einkommensstarke und gebildete Zielgruppen. Ein zentraler Faktor dafür ist das steigende Bedürfnis nach zeit- und ortsunabhängiger Mediennutzung.
von HORIZONT Online Mittwoch, 10. Oktober 2018
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Laut der Goldmedia-Studie "Pay-VoD in Germany – Forecast 2018-2023" werden sich die Umsätze im deutschen Pay-Video-on-Demand-Markt in den nächsten fünf Jahren auf 2,5 Milliarden Euro verdoppeln. Ende 2017 verfügte bereits jeder fünfte deutsche Haushalt über mindestens einen kostenpflichtigen Videodienst; der Wert wird mit der wachsenden Zahl an Breitbandanschlüssen steigen.

Den US-Plattformen gefällt diese Prognose. Sie verfolgen ihre Strategie, munter Hochglanz-Serien auf den Markt zu werfen, konsequent weiter. Christoph Schneider, Geschäftsführer Prime Video Deutschland, umschreibt seine Pläne: "Wir bauen das Angebot exklusiv bei Prime Video erhältlicher Serien und Filme ständig aus, viele Serien bringen wir direkt am Tag nach der US-Ausstrahlung nach Deutschland. Auf die demnächst anstehenden deutschen Prime Originals ‚Deutschland 86‘ und ‚Beat‘, aber auch weiter in der Zukunft liegende Projekte wie unsere Serie zu ‚Herr der Ringe‘ freuen wir uns besonders." Zuletzt wurde das Portfolio durch Spiele der englischen Premier League ergänzt, was für den TV-Markt ein weiteres Warnsignal für zunehmende Konkurrenz bedeutet.

Netflix gewann im 1. Quartal dieses Jahres 7,4 Millionen Kunden weltweit. Der Umsatz wuchs um 43 Prozent auf 3,7 Milliarden US-Dollar – seit der Gründung vor 21 Jahren der gewaltigste Sprung. Das 2. Quartal lief mit einem Zuwachs von 5,2 Millionen Abonnenten dagegen nur "solide". Der Streaming-Dienst möchte dieses Jahr nach eigenen Aussagen etwa 8 Milliarden Dollar – und damit deutlich mehr als Amazon – in eigene Inhalte investieren, um seine Marke zu schärfen, sich unabhängiger von Lizenzgebern zu machen und Disney, das für 2019 eine Streaming- Plattform plant, einzuschüchtern.

Bis Ende dieses Jahres wird das Gesamtangebot von Netflix rund 700 Original- Serien enthalten. Kürzlich sorgte die Ankündigung, Trailer nach Serienfolgen einzuspielen, für Diskussionen. Den Nutzern soll hierdurch geholfen werden, Themen, die ihnen besonders gefallen könnten, schneller aufzufinden.

Bewusst auf den VoD-Trend reagiert hat indes der Bezahl-TV-Sender Sky, wie Julia Laukemann, Senior Vice President Product Management, erklärt: "Über die im Mai gestartete neue Nutzeroberfläche Sky Q haben wir erstmals Video-on-Demand stark in den Vordergrund gestellt. Auf der Home-Seite von Sky Q finden Kunden eine große Auswahl an Serien, Kinoblockbustern, Filmklassikern, Kinderprogrammen, Dokumentationen und Shows auf Abruf." Derzeit spreche Sky mit Partnern, um das Multiscreen-Angebot mit der Sky Q App auf zusätzlichen Plattformen auszurollen. "Außerdem werden wir mit Sky Q Mini eine eigene neue Hardwarelösung für die Nutzung von linearen und On-Demand-Services auf bis zu fünf Geräten anbieten", sagt Laukemann.

Mit "Babylon Berlin" hat der Konzern im vergangenen Jahr den Einstieg in den Produktionsmarkt erfolgreich gemeistert – für Laukemann ein Grund, vermehrt auf Originals zu setzen: "In der nächsten Zeit folgen hochkarätige Sky Original Productions aus Großbritannien und Italien, wie etwa ‚Patrick Melrose‘ oder ‚Gomorrha‘. ‚Babylon Berlin‘ wird mit dem Drehbeginn der dritten Staffel im Herbst eine Fortsetzung finden."
Für die Mediengruppe RTL und Pro Sieben Sat 1 fungiert das klassische Fernsehen als Rückgrat. Trotzdem möchte man sich in Köln und München nicht mehr darauf verlassen, dass sich der Wandel der Sehgewohnheiten in bekömmlichen Dosen vollzieht. Lange hatte man sich gedrückt, entscheidende Entwicklungen voranzutreiben; nun sind die deutschen Medienriesen aus ihrer Lethargie erwacht. Bereits im Winter möchte die Mediengruppe RTL mit einem massiv erweiterten TV-Now-Angebot starten. TV-Now-Originals, exklusive Drittinhalte und Vorab-Ausstrahlungen ganzer Serienstaffeln sollen das Produkt veredeln. Gleichzeitig möchte man sich mit Standards wie News, Shows und Reality-TV von den Streaming-Anbietern differenzieren. Das Pricing sei noch nicht abgeschlossen,allerdings werde sich der derzeitige Monatsbeitrag von 2,99 Euro etwas erhöhen. RTL.de – bisher Sender-Promotionfläche – soll als Brücke zum Videodienst dienen, etwa mit Folgen-Hinweisen oder Highlight-Ranglisten.

Auch bei Pro Sieben Sat 1 wird eifrig getüftelt, um den US-Giganten die Stirn zu bieten. Gemeinsam mit Discovery arbeitet man derzeit an einer bislang namenlosen Plattform, in der 7TV, Maxdome und der Eurosport Player aufgehen sollen: "Wir sehen im Aufbau der Streaming-Plattform die Chance, einen der führenden OTT-Services auf dem deutschen Markt zu etablieren und damit eine attraktive Alternative zu den amerikanischen Wettbewerbern zu schaffen. Wir werden intensiv in den Ausbau der Plattform investieren und hier auch maßgeschneiderte Inhalte produzieren." Den Zuschauer erwarte ein umfangreiches Paket mit Sport, Filmen, Serien und Dokus, verkünden die Initiatoren. Seit August sind mit Sport 1, Welt und N24 Doku erste externe Content-Partner mit auf der Plattform. Das Angebot des Joint Ventures soll 2019 starten und innerhalb von zwei Jahren zehn Millionen Kunden anziehen.

Eine sich parallel öffnende Rettungsgasse könnte zur Überholspur werden: Pro Sieben Sat 1 lädt andere Sender wie ARD, ZDF und RTL ein, sich der übergreifenden Plattform anzuschließen. Durch die Bündelung des Wissens über lokale Zielgruppen könnte gegenüber den US-Playern ein bedeutsamer Vorteil generiert werden. ARD-Chef Ulrich Wilhelm hatte bereits mehrfach eine gemeinschaftliche Plattform der führenden Medienhäuser angeregt. RTL zeige sich ebenfalls offen, ohne den raschen Ausbau von TV Now zu vernachlässigen. Eine Kooperation würde nicht nur das Rennen mit den VoD-Marktführern völlig neu definieren, sondern auch das Kartellamt auf den Plan rufen: Mit dem öffentlich-rechtlichen Projekt "Germany’s Gold" und seinem privaten Pendant "Amazonas" wurden frühere Versuche, gemeinsame Sache zu machen, gnadenlos ausgebremst. André Gärisch




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