Beste Blattmacher

Das sind die Gewinner der Lead Awards / "Let's make journalism smart again"

Lead-Award-Gold für Bild am Sonntag, Bunte und Brigitte/Barbara: Marion Horn, Robert Pölzer und Brigitte Huber
© Lead Awards
Lead-Award-Gold für Bild am Sonntag, Bunte und Brigitte/Barbara: Marion Horn, Robert Pölzer und Brigitte Huber
Branchen-Bescherung vor Weihnachten: Die Blattmacher von 22 Pressemedien erhielten am Dienstagabend in Hamburg die begehrten Lead Awards. Hier ließ Bild am Sonntag die SZ und die Zeit hinter sich. Die Gewinner der sieben Gold-Preise durften auf die Bühne - und sorgten für denkwürdige Momente.

Je drei Medaillen gehen an Titelchefs von Axel Springer, Gruner + Jahr und Zeit Verlag, zwei an Bauer-Verantwortliche und je eine an Burda, Funke, SZ, FAZ-Verlag sowie an drei Regionalzeitungen. Außerdem können sich vier Independent-Blattmacher frische Lead-Award-Medaillen in ihren Tannenbaum hängen.



Das Tableau der Gewinner (siehe Tabelle unten) sieht 2018 deutlich anders aus als in den über 20 Jahren zuvor. Denn erstmals stellt die Lead Academy unter ihrem Vorsitzenden Markus Peichl nicht mehr die Titel und einzelne Beiträge daraus in den Vordergrund, sondern die maßgeblichen Blattmacher. Außerdem spielt neben dem Visuellen nun auch das Publizistische eine größere Rolle. Und drittens achtet die Jury mehr auf Marktrelevanz; daher gibt es ab sofort auch Kategorien für Massen- und Mainstreamtitel. Peichl hatte all dies mit "tiefgreifenden Veränderungen" in der Gesellschaft und im Medienmarkt begründet.

Lead-Award-Gold für Bild am Sonntag, Bunte und Brigitte/Barbara – das gab es in dieser Ballung noch nie. Chefredakteurin Marion Horn habe "einen neuen Ton in den Boulevard gebracht und aus der BamS eine relevante, ernstzunehmende Zeitung gemacht", urteilt die Jury. Sie beherrsche die Mechanismen des Boulevards, doch sie setze diese verantwortungsvoll ein und erweitere das Themenspektrum. Horn konnte es auf der Bühne kaum glauben, sich gegen die ebenfalls nominierten SZ (Jury-Bemerkung: eine exzellente Zeitung, "und inzwischen auch gut gestaltet") und Zeit durchgesetzt zu haben. "Das wäre, wie wenn bei den Oscars ein Sexfilm gewinnen würde", habe sie zuvor ihrer Mutter ihre vermeintliche Chancenlosigkeit erklärt.


Bunte-Boss Robert Pölzer wiederum sei es gelungen, "die großen Fußstapfen seiner Vorgängerin Patricia Riekel nicht bloß auszufüllen", sondern das Peoplemagazin "auf erfrischende, smarte Weise neu zu beleben", meint die Jury. Er nahm seinen Preis sichtlich bewegt entgegen, in Erinnerung an seine Eltern. Und Brigitte Huber, die bei Gruner + Jahr die gesamte Brigitte-Gruppe verantwortet, leite "so etwas wie die letzte große General-Interest-Zeitschrift für Frauen" und habe speziell mit Barbara die neue Zeitschriftengattung der "Hosted Magazines" nach Deutschland gebracht. Dieser Titel ist nach Ansicht der Jury "originell, zeitgemäß, punktgenau und mit viel Spaß gemacht". Für Huber hatte es sich also gelohnt, für die eher kurzfristig anberaumte Lead-Awards-Einladung an diesem Abend auf den lange geplanten Konzertbesuch zu verzichten.

Das sind die Gewinner des Lead Awards
© HORIZONT
Das sind die Gewinner des Lead Awards
Die "bemerkenswertesten publizistischen und blattmacherischen Leistungen" seien indes bei den Regionalzeitungen vollbracht worden, sagt Peichl mit Blick auf die "Spaltungstendenzen bis in die kleinsten, lokalen Bereiche unserer Gesellschaft". Das Tagesspiegel-Duo Stephan-Andreas Casdorff und Lorenz Maroldt habe hier "die Mittel des Blattmachens voll ausgeschöpft, Aufmerksamkeit geschaffen und den Ton angegeben", so die Jury.

Generell stünden die Chefredakteure der beiden Zeitungskategorien vor der täglichen Herausforderung, im immer schnelleren Newsgeschäft einerseits einen seriösen aktuellen Journalismus zu gewährleisten und andererseits für Orientierung zu sorgen. Und das in einer Zeit, in der gerade der aktuelle Journalismus rechtspopulistischen Angriffen ausgesetzt sei und sein Selbstverständnis in Frage gestellt werde. Dies gelte auch für Zeit-Online-Chef Jochen Wegner als Digital Leader des Jahres: Er begreife digitale Kommunikation als Segen und dekliniere sie "in allen ihren Facetten durch".

Ein alter Bekannter auf dem Lead-Awards-Siegertreppchen ist Christoph Amend, Chefredakteur des Zeit Magazins. Er "hält einen Standard, den andere erst gar nicht erreichen, überrascht immer wieder, ohne bemüht zu wirken, erfindet sich neu, ohne sich untreu zu werden", staunt die Jury. Independent-Blattmacherin des Jahres wird Ricarda Messner, die für "die interessantesten, eigenständigsten, lässigsten und zeitgemäßesten Innovationen der letzten Jahre" gesorgt habe – mit dem Magazin Flaneur, das sich in jeder Ausgabe einer Straße widmet, und dem Titel Sofa, der Popkultur für die Millennials neu definiere.

„Selten gab es so viele inhaltliche Auseinandersetzungen, innovative Kraftanstrengungen und neuartige Formate.“
Lead Academy-Vorsitzender Markus Peichl
Das Resümee der Jury: Die Print- und Online-Medienmacher igelten sich angesichts der medialen, kulturellen, technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen nicht ein, sondern hielten mit klugen Ideen dagegen. "Selten gab es so viele inhaltliche Auseinandersetzungen, innovative Kraftanstrengungen und neuartige Formate", lobt Peichl und nennt etwa die "Panama Papers", die Aktion "Deutschland spricht" und die Chemnitz-Aufarbeitung vor Ort in den lokalen Medien.

Und die Veranstaltung an sich, am Dienstagabend im Hamburger Bühnenkomplex Kampnagel? Gleichsam würdig wie kurzweilig, mit pointierten Einspielfilmen, der distanziert-witzigen Moderation von Conférencier Michel Abdollahi, markanten Laudatoren (unter anderem Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda, Dominik Wichmann und Margit J. Mayer) und Lese-Szenen eines Ensembles des Wiener Burgtheaters. Ein Klassentreffen von geschätzt 400 Medienmachern, eine entspannte Würdigung des Journalismus - auch seiner bunten Ausprägungen. "Let's make journalism smart again", sagte Peichl in seiner Rede. Ein wenig erinnerten die Lead Awards in ihrer neuen Form an einen Nannen-Preis mit Werkstatt-Charakter. Doch zwei Awards pro Jahr sind für den Journalismus nun wirklich nicht zu viel, nicht in diesen Zeiten. rp

stats