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Die Hauptstadt will sich digitalisieren – aber "nicht mit Herrn Friedrich"

State of the art ist das Hauptstadtportal nicht wirklich
© Screenshot: HORIZONT
State of the art ist das Hauptstadtportal nicht wirklich
Der Medienausschuss im Abgeordnetenhaus sah am Mittwoch Klärungsbedarf. Es ging um die Zukunft des Portals Berlin.de. Künftig soll kein privater Betreiber damit Geld verdienen können. Anlass waren Äußerungen des Verleger-Ehepaars Silke und Holger Friedrich, wonach die Berliner Verwaltung "elektrifiziert und automatisiert" werden müsse - mit ihrer Hilfe.




Keine Frage, das Hauptstadtportal Berlin.de sieht altbacken aus, noch altbackener als bis vor kurzem der Webauftritt der Berliner Zeitung. Den haben die neuen Verleger, Silke und Holger Friedrich, bekanntlich in Rekordzeit neu aufgestellt. Alles wirkt nun aufgeräumt, großzügig und bietet viel Weißraum – was allerdings auch daran liegt, dass dort seit dem Relaunch keine Werbung mehr ausgespielt wird. Einzige Ausnahme ist die Eigenwerbung für die digitale Ausgabe der Berliner Zeitung, die es ab 9,90 Euro monatlich im Abo gibt.

Absichtlich werbefrei ist das Portal nicht. Der Schönheitsfehler, der im Wust der Schlagzeilen, den die Friedrichs produzieren, bisher keine Beachtung fand, scheint sich nicht einfach beheben zu lassen. Die neue Technik, die der Webseite zugrundeliegt, verträgt sich nicht mit dem AdServer des Online-Vermarkters Ströer. Damit entfällt vorerst die Möglichkeit, mit der Berliner Zeitung online Geld zu verdienen. Beim Hauptstadtportal berlin.de verhält sich das noch anders. Doch dort soll künftig prinzipiell kein Profit mehr mit Werbevermarktung erzielt werden. Das stellte am Mittwoch Christian Gaebler (SPD), der Chef der Senatskanzlei, klar und sprach von einem Zielkonflikt, wenn der Betreiber eines öffentlichen Portals damit zugleich eine Gewinnabsicht verfolge.


Betreiber von berlin.de ist bislang die Berlin Online GmbH, die zu 25,2 Prozent der landeseigenen Investitionsbank Berlin (IBB) gehört und zu 74,8 Prozent dem Berliner Verlag mit seinen neuen Eigentümern. Doch der Betreibervertrag wurde schon zu Zeiten des Vorbesitzers DuMont vor einem Jahr mit Wirkung zum 31. Dezember 2021 gekündigt. Stattdessen favorisiert der Senat den Eigenbetrieb im Zuge einer Komplett-Übernahme der Berlin Online GmbH durch die IBB. Die Friedrichs sollen also herausgekauft, Berlin.de soll vollständig kommunalisiert werden. Das werde Thema der nächsten Gesellschaftersitzung von Berlin Online im Dezember sein, kündigte Gaebler an.

Damit erteilte er der von den Friedrichs im Interview mit der NZZ formulierten Vorstellung eine Absage, für berlin.de eine App zu entwickeln, mit der Bürger ihren Ausweis einscannen, sensible Daten verifizieren und mit der Steueridentifikationsnummer abgleichen lassen könnten. Dieser Irrglaube, meint Gaebler, sei wohl Folge einer Verwechslung mit dem Serviceportal, das zwar Teil des Auftritts von Berlin.de ist, aber mit einer eigenen technischen Infrastruktur arbeite und Schutz vor Zugriffen Dritter biete – auch vor dem der Friedrichs. Den Traum, Berlin.de sei "der eigentliche Schatz unseres Deals" können die Neu-Verleger damit ebenso begraben wie die Hoffnung, dass Berlin mit ihrer Hilfe "elektrifiziert und automatisiert" werde. Digitale Bürgerdienste seien zwar wünschenswert, befanden mehrere Abgeordnete am Mittwoch, provozierten damit aber den Zwischenruf: "Ja, das alles machen wir auch, aber nicht mit Herrn Friedrich".

Als ersten Schritt hat der Senat nach eigenen Angaben nun einen Rebrush der Seite veranlasst. Das Serviceportal soll sich schon optisch vom kommerziellen Teil des Portals abheben. Außerdem sei der Kaufpreis für die Friedrich-Anteile zu ermitteln. Zu prüfen seien weiterhin die Auswirkungen des kürzlich ergangenen Gerichtsurteils in Dortmund, das Stadtportalen journalistisch anmutende Auftritte untersagt. Ziel des Senats ist, Berlin.de zu einem "stringenten Hauptstadtangebot" zu entwickeln, über das der Senat hundertprozentige Kontrolle hat und das frei ist von Clickbaiting, Lifestyle und einer Werbevermarktung, die dem zentralen Aushängeschild der Stadt nicht würdig sei, wie es ein Abgeordneter formulierte. usi

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