BDZV 2020

Was Publisher von Corona gelernt haben (sollten)

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Newsrooms sind nicht die Lösung aller Probleme. Relevanter Journalismus macht Zeitungen attraktiv für Werbung nach der Pandemie. Produkte sollten den Nutzer ins Zentrum stellen. Und wer an Fake News glaubt, muss damit rechnen, dass die Realität zurückschlägt. Eindrücke vom Kongress der Zeitungsverleger.
Zweigeteilt zeigte sich das Programm des BDZV-Kongresses in diesem Jahr. Ging es einerseits um Themen, die die Gesellschaft umtreiben und womit publizistisch umzugehen ist, handelten andere ganz konkret von neuen Arbeitsweisen und technologischen Neuerungen. Erst am Ende schloss sich die Klammer, und es zeigte sich, wie beides doch miteinander zusammenhängt.


Zunächst jedoch stand der Begriff Haltungsjournalismus im Vordergrund. Wie neutral kann/darf/muss ein Journalist sein? Wie umgehen mit Ansichten, die nicht ins Weltbild einer Redaktion passen?

Während Judith Wittwer, die neue Co-Chefin der Süddeutschen, und Philipp Oehmke, Autor eines umstrittenen Spiegel-Beitrags wider das Neutralitätsgebot im Journalismus, um Deutungen rangen, war es an Bernhard Pörksen, ein Mann der Wissenschaft, der die Dinge auf den Punkt brachte. Was ist Realität? Die knappe Definition lautet: Realität ist das, was nicht weggeht, auch wenn man nicht daran glaubt.


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Beispielhaft erläuterte er das mit der Geschichte eines Taxifahrers aus Palm Beach, der Corona für einen Fake hält – bis er daran erkrankt und daraufhin auf Facebook andere mahnt, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Die Realität, sagte Pörksen, sei etwas Elastisches, die Wirklichkeit bleibe lange geduldig und still gegenüber Fake News. Würden aus ihnen jedoch persönliche Handlungsstrategien geformt, wehre sich die Realität auf brutale Weise. Das Beispiel des Taxifahrers zeige: "Fake News können tödlich sein", so Pörksen, woraus folge: In Zeiten der Pandemie könne man nicht mehr folgenlos meinen. Wer das Virus leugne, sich Desinfektionsmittel spritze oder vor einer vermeintlichen Gesundheitsdiktatur warne, müsse damit rechnen, dafür einen Preis zahlen zu müssen. „Faktisches Wissen wird erlebbar“, dadurch erhöhe sich der Wert von Wissen.

Wie man „den Bullshit zurückdrängen“ könne und mit jenen reden solle, die die Dinge partout anders sehen? Jedenfalls nicht durch Abwerten und Attackieren, mahnt Pörksen, vielmehr durch „respektvolle Konfrontation“.

Glaubwürdig aufklären, praktische Hilfe leisten, Bedürfnisse erkennen und befriedigen: Das alles sei den Zeitungen in den Monaten der Corona-Krise unterm Strich ziemlich gut gelungen, konstatierte der seit seinem Ausscheiden bei Bild am Sonntag als Medienberater aktive Christian Lindner. Er wünschte sich, dass Redaktionen und Verlage aus dieser Zeit ihre Lehren gezogen hätten: angefangen bei den in der Vergangenheit überschätzten Newsrooms, weiter bei der inhaltlichen Gestaltung der Zeitungen.
„Wer Autoren künftig wieder in den Newsroom setzt und zum alten Terminjournalismus zurückkehrt, hat nichts gelernt“
Christian Lindner
Womöglich habe man es in Redaktionen mit dem hohen Maß an Abstimmung vor Corona übertrieben. Es gehe ja auch anders, habe man nun feststellen können. Wer allerdings Autoren künftig wieder in den Newsroom setze und zum alten Terminjournalismus zurückkehre, habe nichts gelernt, sagte Lindner.

Es war nicht das einzige Mal, dass die Abkehr vom Termin- hin zum Themenjournalismus beschworen wurde. Auch Julia Lumma von der Mainzer Verlagsgruppe VRM stimmte ein und verwies auf die gestiegenen Lesequoten.

In eine ähnliche Bresche schlug der CEO von Saatchi & Saatchi, Christian Rätsch. Angekündigt wurde er als der Werber, der  Zeitungsverlegern „Sätze ins Poesiealbum“ schreibe. Letztlich allerdings glichen diese Sätze  Mahnungen.
Christian Rätsch, CEO Saatchi & Saatchi
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Christian Rätsch, CEO Saatchi & Saatchi
Es waren Appelle an die Verleger, sich des Werts ihrer Zeitungen bewusst zu sein und sich zu Herzen zu nehmen, wie viel Aufmerksamkeit Nutzer der Lektüre, wie viel Vertrauen sie den Informationen, wie viel Loyalität sie der Marke schenken. „Halten Sie an Ihrem Markenkern fest. Sie müssen eine Marke bleiben, die für die Menschen eine Bedeutung im Leben hat“, appellierte Rätsch und prophezeite außerdem einen Umbruch in der Werbung: Habe sich vor Corona noch alles um Purpose gedreht, zum Ausbruch der Pandemie um Danksagungen an Mitarbeiter und jetzt um das Preisargument, würden Marken künftig vermehrt gesellschaftliche Themen aufgreifen. Das sei der Moment für entsprechende Umfelder, in denen diese Werbung wirkt. Journalistische Medien sieht Rätsch daher künftig wieder im Aufwind. Nur müsse, um Julia Lumma erneut zu zitieren, der Schwung, den Corona in die Redaktionen und Verlage brachte und so viel Neues entstehen ließ, für die Zukunft mitgenommen werden.

Hier kam die bei der dpa für Innovation zuständige Vizechefin Niddal Salah-Eldin ins Spiel.
Niddal Salah-Elding, Vize-Chefredakteurin der dpa
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Niddal Salah-Elding, Vize-Chefredakteurin der dpa
Sie schlug die Brücke von journalistischen Ideen zu technologisch basierten Produkten mit aussichtsreichem Geschäftsmodell. Notwendig sei ein ganzheitliches Produktverständnis, bei dem die Nutzerperspektive die Hauptrolle spiele, sagte sie. Der Konsument interessiere sich nämlich nicht für die wie auch immer gearteten Umstände und Zwänge in Verlagen. Vielmehr habe er ein Bedürfnis, das es zu erkennen und zu stillen gelte. Diesen Nutzen in interdisziplinären Teams zu definieren sei die Voraussetzung, bevor es an die technische Umsetzung gehe. Sie kritisiert, Verlage hätten viel zu lange anstatt an die Nutzer zu denken in Projekte und sinnlose Features investiert, von denen es inzwischen zu viele gebe, die als Altlasten mitgeschleppt würden. Die gelte es zu eliminieren, um sich auf jene Produkte zu fokussieren, die wirklich gebraucht würden. Product Thinking helfe dabei, mit klaren Zielen und ständiger Erfolgsmessung. Sie mahnte zur Dringlichkeit, denn „was passiert, wenn wir es nicht tun?“ Es gehe um nicht weniger als die Zukunft des Journalismus.

Lucy Küng, Reuters Institut, Universität Oxford
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Lucy Küng, Reuters Institut, Universität Oxford
Gar keine schlechten Aussichten hätten dabei insbesondere die kleinen Zeitungen, sagte die Medienwissenschaftlerin Lucy Küng von der Universität Oxford, und damit endete der BDZV-Kongress. Die Nähe zu den Lesern, zeigte sie sich überzeugt und verwies auf entsprechende Erfolgsmodelle in Skandinavien, sei ein klarer Wettbewerbsvorteil, den keiner der GAFA-Konzerne nehmen könne. usi
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