Axel Springer

Bild-Lilli, die Gänsefüßchen-DDR und verborgene Schätze aus der Historie des Verlags

Axel Cäsar Springer
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Axel Cäsar Springer
Der Kultur-Aufmacher in der Welt am Sonntag gestern bildete den Auftakt. 30 Jahre nach dem Mauerfall rekonstruiert darin der Leiter des Springer-Unternehmensarchivs, warum die DDR in den hauseigenen Zeitungen von August 1989 an nicht mehr in Anführungszeichen gesetzt wurde. Geschichten wie diese will "Inside.history" künftig immer wieder ausgraben. Springer öffnet damit online sein Archiv.

Für Mathias Döpfner war es ein Anlass, mal wieder grundsätzlich zu werden. "Was für ein fröhlicher Triumph wäre es gewesen", kommentiert er in der Welt am Sonntag, hätte Springer an seinem Alleinstellungsmerkmal festgehalten und die DDR bis zu ihrem Ende in Anführungsstrichen geschrieben.



26 Jahre war die Schreibweise "DDR" in allen Publikationen des Konzerns Gesetz. So hatte es der Verlagsgründer gewollt, denn für ihn war die DDR "weder deutsch noch demokratisch noch eine Republik". Davon ließ er sich auch nicht von jenen beirren, die das für skurril hielten oder ihn einen "Brandenburger Tor" schimpften, weil er sich weigerte, die DDR als gegeben anzusehen. Axel Springer verwies dann auf die Menschenrechtsverstöße, den Bau von "Todesmaschinen" und Völkerrechtsverletzungen. Doch nach seinem Tod dauerte es keine vier Jahre. Per Vorstandsdekret wurden die Tüddelchen abgeschafft. Die Redaktionen hatten zuvor moniert, dass die provokante Schreibweise die Akkreditierung von Journalisten in Ost-Berlin behindere.  Der Vorstand pflichtete bei, es schrecke außerdem Anzeigenkunden und jüngere Lesergruppen ab. Offiziell möge es so verkauft worden sein, als wolle man durch intensivere Berichterstattung  stärker herausstellen, was dem Gedanken der Einheit widerspreche. Tatsächlich, schreibt Döpfner, habe  der Verlag auf die Anführungszeichen als "Symbol der Unangepasstheit an den Mainstream" verzichtet, weil es die Geschäfte gestört habe. Das sei anbiedernd gewesen, ein "historischer Fehler", über den zu sprechen es höchste Zeit sei.
„Was man daraus lernen kann? Dass es immer falsch ist, das Richtige zu leugnen.“
Mathias Döpfner
Dem Argument, Springer sei dem Mainstream gefolgt, könnte man widersprechen. Im August 1989 ging der in eine ganz andere Richtung, jedenfalls auf der gegenüberliegenden Seite des Grenzstreifens, und führte, was nicht vorherzusehen war, zum Fall der Mauer. Warum aber jetzt Döpfners Empörung über das Ende der "DDR"? Wegen des bevorstehenden Jubiläums des Mauerfalls, wäre eine Antwort. Eine andere, dass Döpfner bezeugen will, das geistige Erbe Axel Springers hochzuhalten, auch wenn Kritiker dies verschiedentlich bestreiten: wegen des Verkaufs der Regionalzeitungen und ganz besonders aktuell mit Blick auf den bevorstehenden Einstieg des US-Investors KKR. Springer mag noch so sehr betonen, dass es das Leitprinzip der Investorenvereinbarung sei, eine führende Stimme für Journalismus zu bleiben, nicht nur mit Bild, sondern auch mit der Welt. "Dafür stehen sowohl der gesamte Vorstand als auch Friede Springer ein", hatte er neulich beteuert. Eine andere mögliche Antwort lautet: Döpfner empört sich als Demokrat. Er schreibt: Lernen könne man aus dem Menetekel um die nicht mehr in Anführung gesetzte DDR, "dass es immer falsch ist, das Richtige zu leugnen". Prinzipien seien wichtig, "so wie es dieser Tage prinzipiell falsch ist, Subventionen von Erdogan zu kassieren, um in der Türkei deutsche Autos zu bauen, chinesische Großaktionäre Schlüsselindustrien in Deutschland beeinflussen und irgendwann beherrschen zu lassen (denn wir dürfen das da auch nicht) und die Energieabhängigkeit von Russland durch weitere Pipelines noch weiter zu erhöhen".

Weniger politisch relevant als vielmehr unterhaltsam sind die weiteren Auftaktgeschichten des gestern Abend online gegangenen Blogs Inside.history. So erzählt Lars-Broder Keil, der Redakteur der Welt war, bevor er die Leitung des Unternehmensarchivs übernahm, von Lilli, der Protagonistin eines Bild-Comics, die bald als Puppe erhältlich war und damit Barbie als Vorbild diente. Und er erinnert am Beispiel einer Werkzeugkiste an die Arbeitsweisen in der Zeitungsproduktion Mitte des vorigen Jahrhunderts. Keil verbindet mit dem Blog als Instrument der Unternehmens-PR, in unregelmäßigen Abständen Schlaglichter zu werfen auf "verborgene Schätze und neue Exponate", aber auch Fundstücke, Ereignisse und Menschen, die das Unternehmen geprägt haben. Bei der Gelegenheit wieder in den Vordergrund gerückt wird die Rubrik "Medienarchiv68", in der Springer vor einigen Jahren die Rolle des Konzerns während der Studentenrevolte aufgearbeitet hat. usi


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