"Anpacken, nicht nur schreiben"

Das bemerkenswerte Mission Statement der beiden Stern-Chefredakteure

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Die Stern-Chefredakteure Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless beim Videointerview
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Die Stern-Chefredakteure Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless beim Videointerview
Eines kann man Anna-Beeke Gretemeier und Florian Gless, seit nunmehr über zwei Jahren Chefredakteure des Stern, jetzt nicht mehr vorwerfen: dass sie auf Branchenbeifall aus seien und keine Idee hätten, wohin sie mit Gruner + Jahrs Flaggschiff wollen. Im HORIZONT-Interview, ihrem ersten überhaupt, begründen sie ihren aktivistischen Kurs mit klaren Worten: "Wir finden, dass die reine Berichterstattung und Kommentierung angesichts der Vielzahl der Probleme in unserer Gesellschaft nicht mehr ausreichen." Und sie zeigen Kritikern die Zähne.

Bisweilen klingen die beiden wie Manager – was bei einer solchen "Transformation des Print-Stern zu einer modernen journalistischen Medienmarke" vielleicht auch mal sein darf. Hierbei wollen sie "Treiber" sein. Und wer sich nicht treiben lassen will? Veränderungen würden "oft erst einmal skeptisch beäugt", das gelte besonders für Journalisten, diese kritischen Köpfe. Gretemeier und Gless meinen das nach innen gerichtet – sechs Redakteure haben den Stern jüngst verlassen (siehe Kasten unten) – wie nach außen: "Was haben wir in den letzten Wochen alles für Unfug lesen müssen" über den Stern, klagen sie über "viele handwerkliche Schnitzer" anderer Medien, die "mit Freude am Narrativ gearbeitet" hätten, dass es dem Stern nicht gut gehe.


Das Gegenteil sei wahr: Man wachse auch beim Ergebnis, investiere stark – und baue weiter um. Dann wohl bald auch mit RTL, im Zuge des von Bertelsmann erwünschten Zusammenrückens der Konzerntöchter. Hier sehen Gretemeier und Gless ihre redaktionelle Autonomie nicht in Gefahr – sondern stattdessen ganz viele Chancen. Das einst so heilige Stichwort "Chefredakteursprinzip" indes wird bei dieser Frage offiziell schon gar nicht mehr erwähnt. Und doch dürfte es auch ihre Idee sein, beim Stern die Grenzen des Journalismus zum Aktivismus aufzuweichen und die Marke zu so etwas wie einer "journalistischen Hilfsorganisation" zu formen.

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