Ärger hinter den Kulissen des Theodor-Wolff-Preises

Michael Jürgs: "Unsere Waffen sind Wörter und Worte"

Mathias Döpfner trägt vor, was Michael Jürgs lieber persönlich gesagt hätte
© BDZV / Anikka Bauer
Mathias Döpfner trägt vor, was Michael Jürgs lieber persönlich gesagt hätte
Sechs Theodor-Wolff-Preise wurden am Mittwochabend vergeben. Der Journalist und Buchautor Michael Jürgs, ehemals Chefredakteur von Stern und Tempo, wurde für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Seine Krankheit zwang ihn, der Veranstaltung fernzubleiben. Die Laudatio auf Jürgs und seine Replik per Mail waren emotionale Momente einer Feier, in deren Vorfeld bereits ums Wort gerungen worden war.
Die Zeilen, die Michael Jürgs nach Berlin gemailt hatte, begannen: „Ich hätte Sie alle, euch alle, gern noch mal gesehen. Ging leider nicht. Danke dir, old friend Mike, für deine Laudatio. Danke der Jury für die Ehre, mich ausgewählt zu haben für diesen wichtigsten deutschen Journalistenpreis. Glückwunsch an alle, die heute ausgezeichnet wurden“.


Mathias Döpfner, Springer-Vorstandschef und BDZV-Präsident las sie vor. Bevor er das tat, erzählte er von dem Telefongespräch, das er am Tag vor der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises mit Jürgs geführt hatte. „Scheiße“ hatte der Journalist gesagt, noch bevor Döpfner überhaupt fragen konnte, wie es Jürgs gehe.

Döpfner tat gut daran, selbst die Dankesworte vorzutragen, die Jürgs gern persönlich auf der Bühne des Radialsystems V gesagt hätte. Er hatte sich auf den Abend in Berlin gefreut. Seit Sonntag wusste er: Es geht nicht. Er wird nicht kommen können. Noch dazu bei der Hitze.


Die meisten, die Jürgs so gern noch einmal gesehen hätte, waren trotzdem da: Günther Jauch etwa oder Volker Schlöndorff, anfangs auch Hans-Ulrich Jörges und Manfred Bissinger, später noch Stefan Aust. Michael Naumann hatte die Laudatio vorbereitet. Der frühere Kulturstaatsminister, heute Gründungsdirektor und Geschäftsführer der Barenboim-Said-Akademie Berlin, zitierte, was Jürgs ihm vom Krankenbett aus berichtet hatte: „Mein nun tatsächlich letztes Buch habe ich noch geschafft, bevor ich wieder in die Klinik musste“. Der Titel: „Post mortem. Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf". Am 18. Juni war Abgabe, im September wird es erscheinen.
Die weiteren Preisträger
Die mit jeweils 6000 Euro dotierten Theodor-Wolff-Preise gingen
- in der Kategorie Meinung überregional an: Daniel Schulz von der taz für "Wir waren wie Brüder";
- in der Kategorie Meinung lokal an Gregor Peter Schmitz von der Augsburger Allgemeinen für „Heimat-Schutz“;
- i
n der Kategorie Reportage lokal an Tagesspiegel-Redakteurin Maris Hubschmid für „Bis zum letzten Tropfen“;
- in der Kategorie Reportage überregional an Marius Buhl (SZ-Magazin) für „Bis zum Letzten“.
- in der Kategorie "Thema des Jahres", das sich 2019 um die Frage drehte: "We
lt im Umbruch – Demokratie in Gefahr?“, an Andrian Kreye von der Süddeutschen Zeitung für „Berührungspunkte“
Und dann erzählte Naumann von seiner 56 Jahre währenden Freundschaft mit Jürgs. Von ihrer Zeit als Studenten bei der Asta-Zeitung „Information“, ihrer ersten gemeinsamen Zeitschrift „Common Sense“, die an ihrer Münchner Uni nicht vertrieben werden durfte, ein Umstand, der sie „im Glück des antifaschistischen Dissidentenruhms“ sonnen ließ. Naumann erinnerte sich, wie Jürgs ohne den Umweg über Pro- und Hauptseminare den Weg in den Journalismus fand: zur Abendzeitung mit ihrem damals legendären Feuilleton. Irgendwann trennten sich die Lebenswege.

Jürgs wurde Stern-Chef. Nach seinem Rauswurf 1990 versuchte der impulsive Verlagschef Schulte-Hillen ihn zurückzuholen. Der aber ließ sich auch nicht von hohen Geldsummen locken. „Jürgs' Stolz war unverkäuflich“. Stattdessen schrieb er fortan Bücher, darunter das über Axel Springer. Naumann war nun bei jener Passage angekommen, die mancher beim BDZV als Ausrichter des Theodor-Wolff-Preises lieber unterbunden hätte.

In vorauseilendem Gehorsam

Aber warum? Was war daran überraschend, dass der Hamburger Presse-Zar aus seinen Geschäften im Lauf seines Lebens über eine Milliarde Mark zog: zum eigenen Pläsier, für Immobilien, Frauen, Freundinnen, Manager und Schmeichler? Stand alles in Jürgs' Buch und ist längst bekannt. Oder lag es daran, dass Naumann Springers religiösen Wahn und seine Gegnerschaft zu Willy Brandts Ostpolitik erwähnte? Und dass ihm sein eigener Pressekonzern am Ende des Lebens leid geworden war?

Verbürgt ist jedenfalls, dass Mathias Döpfner vom Begehr, Naumann möge auf diese Passage verzichten, Wind bekam. Er war entsetzt. Umgehend ließ er Naumann ausrichten, er möge sagen, was er sagen wolle und sich durch nichts davon abhalten lassen. Auch deshalb war bezeichnend, dass Naumann und Döpfner nebeneinander in der ersten Reihe saßen. Natürlich ließ sich Naumann die Freiheit seiner Rede nicht nehmen an diesem Abend, an dem mit Theodor Wolff dem Journalismus und der freien Presse gehuldigt wurde. Die Rede ist am Ende dieses Textes dokumentiert. Zuvor aber die Sätze, mit denen Jürgs‘ eingangs zitierte Zeilen endeten, vorgelesen von Mathias Döpfner: 

Wir sind die Mehrheit

„Theodor Wolff verkörperte beispielhaft aufrecht die vierte Säule einer Demokratie: die freie Presse. Sie wird, egal wo auf der Welt, als erstes ermordet, wenn Autokraten und Despoten an die Macht kommen. Den Chefredakteur des Berliner Tageblatts, der auf ihrer Hassliste ganz oben stand, zwangen die Nazis ins Exil, ließen ihn nach der Okkupation Frankreichs verhaften. Er starb in Gefangenschaft.

Die Umschreibung unseres geliebten Berufes als vierte Macht war mir stets zu martialisch. Jetzt aber, in Zeiten, da Barbaren unsere Zivilgesellschaft attackieren und vor Mord nicht zurückschrecken, ist es der passende Begriff. Den Feinden der Demokratie,  auf der Straße oder im Netz, ist zu begegnen mit aller Macht des Staates, aber auch mit unseren eigenen Waffen: Wörtern und Worten. Die werden gelesen. Analog wie digital. Lokal wie regional wie überregional. Wir sind Volkes Stimme. Nicht die anderen. Und wir sind die Mehrheit“.

Michael Naumanns Laudatio

Per Livestream sollte Michael Jürgs in Hamburg die Rede seines Freundes Mike verfolgen. Ihr Wortlaut:

Du erhältst den Theodor Wolff-Preis als Auszeichnung für dein Lebenswerk. Ein wenig zu spät, finde ich, aber gerade noch in womöglich letzter Minute. Aus seinem Bett auf einer Hamburger Palliativstation hat er mir geschrieben: „Mein nun tatsächlich letztes Buch habe ich noch geschafft, bevor ich wieder in die Klinik musste. Soll bereits im September erscheinen. Titel: ,Post mortem – was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf‘.“

Nun könnte man mit Karl Marx sagen, „die bürgerliche Presse kann die Ereignisse nicht abwarten“, aber das hat Karl Marx ja nie gesagt. Michael Jürgs und ich stammen aus einer Zeit, in der man Marx-Zitate noch erfinden konnte, um Eindruck bei Sit-ins zu schinden.

Ich kenne und schätze, nein, bewundere Michael seit 56 Jahren. Dass er ein journalistisches Urgestein werden sollte, konnte ich seinerzeit nicht ahnen. Wir waren fast noch Kinder und studentische Redakteure der Münchner Asta-Zeitung mit dem tollen Titel Information. Eines Tages machte sich mein Kommilitone aus dem Fachgebiet Politische Wissenschaften auf, um alle Chefredakteure der bayerischen Hauptstadt zu interviewen. Jürgs‘ Porträt des Chefredakteurs der Abendzeitung – er hieß Udo Flade – gefiel dem Mann ganz außerordentlich, und so wurde der kecke junge Student hauptberuflicher Journalist ohne Umweg über Pro- und Hauptseminare. Das war – und ist heute noch – eine empfehlenswerte Methode der Selbstbewerbung und ein Glücksfall für den deutschen Journalismus. Die Abendzeitung war es damals übrigens auch, mit einer Auflage von 200.000 und einem sechs- bis achtseitigen Feuilleton.
Michael Naumann bei seiner Laudatio auf Michael Jürgs
© BDZV / Anikka Bauer
Michael Naumann bei seiner Laudatio auf Michael Jürgs
Doch vorher waren wir bereits einmal gescheitert: Unsere im Eigendruck hergestellte Zeitschrift Common Sense kam über eine einzige Ausgabe nicht hinaus. Aus irgendeinem Grund durfte sie in der Münchner Universität nicht vertrieben werden. Wir sonnten uns sofort im Glück des antifaschistischen Dissidentenruhms. Es war natürlich ein risiko- und kostenloses Glücksgefühl, aber Michael Jürgs nahm es ernst. Sein neuer Job als Wunderkind des AZ-Feuilletons führte ihn auf die Spur aktiver Münchner Professoren mit nazistischer Vergangenheit. An der Spitze dieser Sitzenbleiber der Geschichte stand der Grundgesetzkommentator Theodor Maunz. Er lehrte Staats- und Verwaltungsrecht und war bis 1964 bayerischer Kultusminister. Im Dritten Reich hatte er die totalstaatliche Gewaltübertragung an den „Führer“  als Einzelentscheider propagiert: „Der Führer…bildet die Rechtsgrundlage der Polizei.“ Nach dem Krieg fungierte dieser Mann heimlich als Justiziar und anonymer Kommentator der Soldaten- und Nationalzeitung. Sein Assistent an der Münchner Universität hieß Roman Herzog.

Michael Jürgs war entscheidend an der Entlarvung dieses Ex-Schreibtischtäters beteiligt. Für ihn galt das Diktum von Karl Kraus: „Und sehet, mir ist ein Engel erschienen, der sagte: ,Gehe hin und zitiere ihn.‘“ Der Minister Maunz musste zurücktreten.

Der Ur-Journalist Jürgs gehörte seinerzeit zu den jungen Kollegen, denen bei Gelegenheit das Blut in den Adern gefror, als sie bemerkten, wer von ihren älteren Vorgesetzten in den Redaktionen noch in SA-Uniform im Büro erschienen war. Viele seiner frühen Artikel über diese Opportunisten atmen einen Geist der Wut und Empörung – in welches weiterhin amtierende und regierende braune Gesindel waren wir bloß geraten! Und dann auch noch die Große Koalition mit dem PG Kiesinger an der Spitze. Wir wollten irgendwann eine neue SPD gründen. Zur Gründungsversammlung im Winter 1966 erschienen zwei Herren vom Verfassungsschutz in langen schwarzen Ledermänteln aus der uralten Garderobe bayerischer Herrlichkeit in meiner Studentenbude.  Das war abschreckend genug. Die Partei haben wir dann doch nicht neu gegründet.
„Jürgs‘ Stolz war unverkäuflich.“
Michael Naumann
Unsere Lebenswege trennten sich damals, er wollte auf alle Fälle Journalist bleiben, ich wusste nicht, was ich wollte. Eine Zeitlang spielten wir noch gemeinsam in einer echten Münchner Kneipenmannschaft, er auf dem linken Flügel, ich im Tor und vor, neben und hinter uns lümmelte sich die gesamte Truppe des Jungen Deutschen Films auf dem Feld.  Unsere und ihre Talentlosigkeit war so grenzenlos wie Jürgs‘ Schmerz, der sich bei Gelegenheit einen Schienbeinknochen ohne Fremdeinwirkung brach – ein wirklich seltsames Unglück ohne Beispiel in Münchens Fußballgeschichte.

Ich trieb mich an diversen Universitäten herum, Michael Jürgs machte Karriere. Ich staunte. Hoffentlich hebt er nicht ab, dachte ich. Nein, das tat er nicht. Im Gegenteil. Für mich persönlich gipfelte seine Karriere nicht im Rausschmiss als Chefredakteur des Stern – für Kenner des Hauses durchaus eine Ehre – sondern in einer Episode, die den immer noch jungen Journalisten Jürgs kennzeichnete. Der impulsive Geschäftsführer von Gruner + Jahr, Gerd Schulte-Hillen, hatte seinen Fehler schnell bemerkt und wollte den geschassten Chefredakteur wieder einstellen. Er schickte zwei seiner Vertrauten in die Bretagne, wo der grollende Jürgs saß und über seine Zukunft sinnierte. Sie boten ihm ein Jahresgehalt über 750.000 Mark an, plus Tantieme, aber Jürgs‘ Stolz war unverkäuflich. Stattdessen schrieb er fortan  Bücher und drehte Filme, die – aus der Ferne betrachtet – fast ausnahmslos wie ausgearbeitete Titelgeschichten für den Stern oder den Spiegel einherkamen, damals, als noch nicht zwölf Redakteure vonnöten waren, um eine einzige Magazin-Seite zu füllen.

Man hat mir nur 800 Wörter Redezeit zugestanden. Auf Zeile zu schreiben, haben wir damals in München so schnell gelernt wie die Zuneigung zum Metteur, der – gegen eine Flasche Bier – noch die längsten Überschriften stauchen konnte. Also will ich mich auf eines der wichtigsten Bücher von Jürgs konzentrieren, genauer, für mich das Wichtigste. In diesem Buch erweist sich der Autor als investigativer Journalist, als psychologisch versierter Menschenkenner, als glaubhafter Historiker und als biografischer Stilist, der das Objekt seiner Neugier, den Verleger Axel Springer, ernst nimmt – gerade dort, wo sich der Hamburger Presse-Zar aus der unerträglichen Gegenwart in einen religiösen Wahn zurückzog.

Der Großverleger hat im Lauf seines Lebens über eine Milliarde Mark zum eigenen Pläsier aus seinen Geschäften gezogen. Michael Jürgs erzählt uns, wo das Geld geblieben ist. Zum Beispiel in Immobilien, die über die halbe westliche Welt verstreut als Zufluchtsorte für den Fall einer russischen Invasion in Schuss gehalten wurden. Darüber hinaus zahlte der Verlag gewaltige Abfindungen und Gehälter für seine Paladine, die alle Vorstellungen von heute sprengen. Der erste Chefredakteur von Hörzu verdiente über 125.000 Mark monatlich. Springers Frauen, Freundinnen, Manager und Schmeichler, seine Anwälte und Fahrer – alle waren sie Nutznießer einer unerhörten Großzügigkeit. Unter den Reichen des Landes war Springer zweifellos der charmanteste, wenn man auf der Empfängerseite war. Seine Gegnerschaft gegen die SPD Willy Brandts und die Ostpolitik war grenzenlos. All die Lemuren, die ihn umgaben, flogen früher oder später aus seinem Gnadenhimmel – und Michael Jürgs hat sie besucht und ausgefragt, nicht selten auf dem Höhepunkt ihrer Enttäuschung. So entstand das Porträt eines Pressekonzerns, der dem schillernden Besitzer am Ende des Lebens leid geworden war.

Michael Jürgs Biografie Axel Springers ist ein Dokument journalistisch-literarischen Fleißes und einer intellektuellen Achtsamkeit, die jenseits aller jener Flüchtigkeit liegt, die unserem Beruf so oft nachgesagt wird. Das Spannungsverhältnis zwischen Journalismus und Verlegern, dieses alte Betriebsgeheimnis unserer Branche, hat er auf eine Art und Weise offengelegt, die seither ihresgleichen sucht.

Lieber Michael, meine Minuten sind um, es ist noch längst nicht alles gesagt worden. Günter Grass, Romy Schneider, der Weihnachtsfrieden an der Westfront 1914, die Biografien und Essay-Sammlungen stapeln sich auf meinem Schreibtisch. Du selbst, Michael, gibst dir nur noch ein paar Monate. Was soll ich dir also nach Hamburg zurufen? Gemach, bleib uns erhalten, bleib mir erhalten, lieber Freund?! Oder soll ich, Dein Leben zusammenfassend, einfach nur sagen: „Gut gemacht, verdammt gut gemacht. Drucken wir!“
usi
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