Zeit Online-Geschäftsführer Christian Röpke

"Das Ökosystem der Digitalwerbung ist überfrachtet"

Christian Röpke, Geschäftsführer von Zeit Online
Jakob Börner, © Zeit
Christian Röpke, Geschäftsführer von Zeit Online
Das Netz ist niemals fertig: In der vergangenen Woche konnte Zeit Online erste Erfolge seines Bezahl- und Registrierungsprogramms Z Plus vermelden. Und nun geht es gleich weiter – mit der Suche nach Facebook-Alternativen und nach besserer Werbung im Web.

Um 42 Prozent auf 7 Millionen Euro sind die Online-Vertriebserlöse des Verlags 2017 gestiegen. "Wir haben insgesamt 42.000 vollbezahlte Digitalabos und generieren mittlerweile ein Drittel der neuen Digitalabos über Z Plus", sagt Zeit Online-Geschäftsführer Christian Röpke gegenüber HORIZONT Online. Außerdem sehe man, dass sich mehr Nutzer eingeloggt auf Zeit Online aufhalten und sich dort dann länger und intensiver bewegen. Diese direkten Kundenbeziehungen will Röpke ausbauen und zugleich möglichst viele Registrierungen generieren, was im Falle der E-Privacy-Verordnung hilfreich sein dürfte.

Im Interview erklärt Röpke, warum er die Zusammenarbeit mit Facebook prüft und warum die Vermarkter selbst Mitschuld tragen am Adblocker in Googles neuem Chrome-Browser.

Herr Röpke, Zeit Online generiert über 60 Prozent der Zugriffe direkt, ein Fünftel über Google und mehr als 10 Prozent via Facebook – zumindest bisher. Wie stark merken Sie, dass Facebook neuerdings Medieninhalte algorithmisch herabstuft? Wir sehen beim Facebook-Traffic einen merklichen Rückgang, den wir aber durch andere Kanäle kompensieren können. Zum Glück gibt es zahlreiche Alternativen: Google behandelt uns Verlage besser, dieser Traffic liegt stabil auf hohem Niveau. Und es gibt interessante neue Aggregatoren wie Flipboard und Upday, mit denen wir gerne arbeiten. Auch Apple News und Twitter machen uns Freude. Fast könnte man sagen: Wir sind die Meister des Mixes – bei den Erlösen wie beim Traffic. Es ist fast egal, woher der kommt. Am wichtigsten sind unsere hohen Direktzugriffe.

Facebooks News-Chefin Campbell Brown sagte jüngst: Wenn es den Verlagen nicht passt, sollen sie halt gehen. Ein Affront gegen die einst so umworbenen Medienlieferanten, oder? Ich weiß nicht, ob sie das wirklich so gemeint hat oder ob ihr das im Eifer des Gefechts auf einer Konferenzbühne so herausgerutscht ist. Die Algorithmus-Änderungen jedenfalls kamen sehr kurzfristig. Das hat uns irritiert – und ich kann mir vorstellen, auch manche Facebook-Kollegen in Deutschland.

Wird Zeit Online weiter bei Facebooks Journalism Project und mit Instant Articles arbeiten? Natürlich fragen wir uns, ob das weiterhin Sinn ergibt, wenn Facebook uns zugleich die Reichweite kappt. Wir schauen uns das alles jetzt sehr genau an, reden an mehreren Stellen mit Facebook und entscheiden in den kommenden Wochen, ob wir andere Prioritäten setzen. Kurzfristig über Bord schmeißen werden wir nichts, Facebook bleibt ja ein wichtiger Kanal.

Zugleich hat Google seinen neuen Chrome-Browser mit vorinstalliertem Adblocker gestartet. Ist das der neue Gatekeeper für Digitalanzeigen? So weit ist es noch nicht. Aber das Ökosystem der Digitalwerbung ist überfrachtet, es muss sich erneuern. Wir als Branche – Verlage, Werbekunden, Agenturen und Vermarkter – haben uns über die Jahre viele Probleme eingehandelt. Es ist gut, dass die Qualität der Werbung nun steigt, das war überfällig. Ich hätte mir jedoch gewünscht, dass wir das in Europa selbstbestimmt geschafft hätten, bevor die US-zentrierte Coalition for Better Ads – unter anderem mit Google – von außen Druck ausübt. Es ist uns aber damals leider nicht gelungen, alle Interessen unter einen Hut zu bringen. Das Fatale daran ist, dass wegen der unsauberen Praktiken Einzelner auch alle anderen Anbieter büßen müssen: Das Internet wird durch Ad-Blocker für Werbung abgeschaltet – für alle. Interview: Roland Pimpl




stats