"Wir sind nicht so gut, wie wir sein könnten" Spiegel-Geschäftsführer Thomas Hass gibt Startschuss für Redaktionsfusion

Mittwoch, 25. April 2018
Will die Mauer zwischen Print und Online einreißen: Thomas Hass
Will die Mauer zwischen Print und Online einreißen: Thomas Hass
© Der Spiegel

Bald geht’s los: Deutlich wie niemals zuvor ein Geschäftsführer beim Spiegel äußert sich jetzt der amtierende oberste Kaufmann Thomas Hass zur redaktionellen Organisation – weil es ums Geldverdienen der Zukunft geht. Eine Verkleinerung der Redaktion sei nicht das Ziel der "notwendigen" Zusammenlegung von Print und Online. Wenn neue Erlösquellen ausbleiben, könne er das aber nicht ausschließen.

Unabhängigen Spiegel-Journalismus werde es nur in einem wirtschaftlich stabilen Verlag geben, sagte Geschäftsführer Thomas Hass am Montag auf einer Informationsveranstaltung für Mitarbeiter. Die Schriftfassung der Rede ist im Intranet des Verlags dokumentiert; sie liegt HORIZONT Online vor. Sein Auftritt dürfte den Startschuss geben für das Großprojekt, die Redaktionen von Print und Online zusammenzuführen. Eine Sprecherin bestätigt die interne Veranstaltung, auf der Hass, Spiegel-Online-Geschäftsführer Jesper Doub und Produktchef Stefan Plöchinger zu aktuellen Fragen und Projekten gesprochen hätten.

Eine der Voraussetzungen für einen wirtschaftlich stabilen Spiegel-Verlag sei das Spar-, Wachstums- und Umbauprogramm "Agenda 2018", so der Geschäftsführer laut Redemanuskript. Das Ziel, die Kosten bis Ende 2018 gegenüber 2015 um 15 Millionen Euro zu senken, werde man erreichen, "sogar ein wenig schneller als geplant". Dies hatte Hass bereits im HORIZONT-Interview im vergangenen Mai angedeutet. Bis Jahresmitte werde man die großen Outsourcing-Projekte in Vermarktung und Vertrieb "größtenteils abgeschlossen haben".

Stefan Plöchinger
© Spiegel

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Die Wachstumsambitionen (bis 2019 sollen neue Produkte rund 20 Millionen Euro Umsatz generieren) dagegen liefen zunächst etwas zäher, auch das hatte Hass vor einem Jahr durchblicken lassen. Einige Vertriebsprojekte sind gefloppt (Spiegel Classic, Spiegel Fernsehen) – umso wichtiger ist nun der Neustart des digitalen Bezahlkonzepts Spiegel Plus. Man komme auch mit den übrigen Projekten "sehr gut voran", erklärt er jetzt den Mitarbeitern. Nun sollen es in Print anzeigenfinanzierte Beilagen wie das S-Magazin (Lifestyle) richten. Es entwickele sich "hervorragend", so Hass. Und kündigt mit Spiegel Expedition "in Kürze" zugleich einen neuen Magazinableger an. Erfolgreich sei auch das E-Learning-Angebot Spiegel Akademie mit der SRH Fernhochschule gestartet. Das junge Portal Bento werde als "Erfolgsprojekt" redaktionell und personell ausgebaut, das Spiegel-TV-"Magazin" relauncht.

Und doch: "Die rückläufige Umsatzentwicklung im Spiegel-Verlag geht weiter" – dieser Markttrend werde sich wohl nicht mehr drehen, so Hass. Gegenüber 2016 seien die Anzeigen- und Vertriebserlöse im vergangenen (offiziell noch nicht abgesegneten) Geschäftsjahr um zusammen rund 11 Millionen Euro zurückgegangen. In der gesamten Gruppe hingegen konnte der Umsatz mit 269 Millionen Euro fast stabil gehalten werden (minus 1 Million Euro) – mit einem Betriebsergebnis über den Erwartungen. Ende Januar kursierten bereits unbestätigte steigende Gewinnzahlen. Die Gründe: Ein Umsatzrekord bei Spiegel Online, dessen Werbeerlöse erstmals jene in Print übertrafen, und die Einsparungen der Agenda 2018.

„Im Moment verschwenden wir unsere Energie manchmal mit internen Konflikten, ausgelöst durch Doppelstrukturen, unklare Zuständigkeiten und konträre Interessen, anstatt den Spiegel-Journalismus und die Produkte besser zu machen.“
Thomas Hass
Hier habe man bisher die Strukturen in den Verlagsbereichen gestrafft. Nun gelte es, dies auf das gesamte Haus auszudehnen: "Sie wissen, dass wir über eine gemeinsame Redaktion von Spiegel und Spiegel Online nachdenken", so Hass zu den Mitarbeitern – die wohl ebenfalls wissen, dass dies mehr ist als bloß ein Nachdenken. Sondern der (wenn auch noch nicht offiziell beschlossene) Wunsch der Gesellschafter und Geschäftsführung. Denn: "Spiegel ist eine starke Marke – vor allem aber sind wir ein Spiegel, in unterschiedlichen Mediengattungen." Und die Leser unterschieden immer weniger zwischen Print und Online.

Er halte es daher für wichtig, zukünftig in Strukturen zu arbeiten, die Spiegel-Journalismus in allen Darreichungsformen ermöglichten. "Die dafür notwendige zentrale Steuerung von Themen, Inhalten, Recherchen, Personal und Produkten ist nur möglich in und mit einer gemeinsamen Redaktion." Das ist eine klare Ansage. Und das neue Ganze könne mehr sein als die Summe der Teile. Hass: "Im Moment verschwenden wir unsere Energie manchmal mit internen Konflikten, ausgelöst durch Doppelstrukturen, unklare Zuständigkeiten und konträre Interessen, anstatt den Spiegel-Journalismus und die Produkte besser zu machen. Wir sind noch längst nicht so gut, wie wir es sein könnten."

Spiegel Hochhaus
© Foto: Jürgen Herschelmann

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Ein fertiges Konzept könne er nicht präsentieren: "Wir haben noch nicht alle Antworten und noch ist nichts entschieden." Die neue Struktur einer gemeinsamen Redaktion sei noch nicht ausgearbeitet. Sie würde wohl auch von Ressort zu Ressort variieren. Es gehe innerhalb der Ressorts nicht darum, dass alle alles machen - sondern es gehe im Gegenteil um eine bessere Koordination aller speziellen Talente, sagte er nach Angaben von Teilnehmern. Und das Ziel sei auch nicht, eine möglichst kleine Redaktion zu bauen, sondern eine möglichst gute. Aber ihre Verkleinerung könne er nicht ausschließen. "Wenn es aus dem neuen Zusammenspiel nicht gelingt, neue Erlöse zu erwirtschaften, dann werden wir auch hier über Einsparungen nachdenken müssen." Zunächst werde die Fusion aber erst einmal Geld kosten, für Fachpersonal, für Projektausstattung sowie "mehrere Millionen Euro" für die technische Infrastruktur.

Und wie stellt er sich die Führung einer gemeinsamen Redaktion vor? Nicht nur das publizistische Konzept, sondern auch die Organisationsstruktur müsse noch ausgearbeitet werden, erklärt Hass. Ein interessanter Punkt: Auch Print-Chefredakteur (und SpOn-Herausgeber) Klaus Brinkbäumer bekennt sich seit längerem zum Ziel einer gemeinsamen Redaktion - dabei wünschen sich die Gesellschafter allerdings konkretere Konzepte und beherztere Schritte. Hier dürfte sich in den kommenden Monaten zeigen, ob es bei der Print-/Online-Doppelspitze mit Brinkbäumer und SpOn-Chefin Barbara Hans bleibt oder ob es einen Gesamt-Chefredakteur geben wird – oder stattdessen ein erweitertes Chefredaktions-Team.

Gemeinsam mit den Chefredaktionen arbeite man an der publizistischen und unternehmerischen Konzeption, so Hass. Wenn die Gesellschafter zustimmen, will man bis Ende August eine Konstruktion bauen, die den Spiegel-Verlag und Spiegel Online steuertechnisch zusammenführt, beide aber zunächst formal unabhängig lässt. Ein Konzept dafür gebe es bereits. Damit schaffe man "keine Tatsachen zu internen Strukturen oder Zuständigkeiten" und auch keine Veränderungen für Stille Gesellschafter, Mitarbeiter oder Betriebsräte, beruhigt Hass. Wohl wissend, dass ein zu forsches Vorgehen bei diesen innenpolitisch brisanten – aber irgendwann eben unvermeidlichen – Fragen das Ziel gefährden; Wolfgang Büchner lässt grüßen. Hass hofft aber, dass sich "in den nächsten Jahren" Ungleichheiten auflösen und alle unter gleichen Bedingungen arbeiten.

Zugleich kündigt er ein neues Leitbild für die Marke Spiegel an. Es werde derzeit erarbeitet, mit Marktforschung und Imageanalyse. Im Herbst soll es Ergebnisse geben. Auch diese sollen in das publizistische und unternehmerische Gesamtkonzept einfließen. rp

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