Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt

"Wenn mich etwas quält im Journalismus, dann Opportunismus"

Will unabhängiger von Facebook werden: Ulf Poschardt
Björn-Arne Eisermann
Will unabhängiger von Facebook werden: Ulf Poschardt
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Ist der deutsche Journalismus nach wie vor geprägt von "langweiligen politischen Dichotomien"? Im Interview mit HORIZONT Online sagt Ulf Poschardt, Chefredakteur der "Welt": "Die klugen Leute auch aus dem anderen politischen Spektrum haben kapiert, dass wir einfach nicht so weitermachen können wie bisher. Wir können nicht nach einer Gesäß-Geographie unsere Interessen sortieren, wir müssen rauskommen aus der Erwartbarkeit."

Poschardt nimmt in dem Interview auch Stellung zu der Bedeutung von Facebook als Traffic-Bringer für Zeitungen. Sein entscheidender Satz hierzu: "Die Social-Reichweite ist mittlerweile nicht mehr so zentral wie noch vor einiger Zeit. Wir fokussieren uns jetzt insgesamt stärker auf unsere Homepage." Die Marschroute laute, sich unabhängiger von Plattformen zu machen, die eigentliche Erfolgswährung sei die Zahl der digitalen Abos. Die belaufen sich bei der "Welt"  auf 80.000, und das sei "eine richtig große Erfolgsgeschichte". Und zur Zukunft der Zeitungen: "Ich bin überzeugt: Unser Haus hat die Kraft, hier am Ende so etwas wie the last man standing zu sein."

Und wie sieht Poschardt die Zukunft des klassischen Qualitätsjournalismus in Deutschland insgesamt? In der Vergangenheit sei "von Kultur-Pessimisten ja gerne das Schreckensbild an die Wand gemalt worden, Plattformen wie Facebook würden uns irgendwann das Licht austreten."




Nun leide der der Social-Media-Riese aber plötzlich selbst an "gewaltigen Problemen". Poschardt: "Was Facebook gerade erlebt, ist eine gigantische Vertrauenskrise – ein Alptraum." Vertrauen werde in den kommenden Jahren aber die "absolut zentrale Ressource in der Kommunikation". Deshalb dürfe man sich "auch keine großen Fehler wie 2015 bei der Flüchtlingskrise mehr erlauben".


Ulf Poschardt über...

 

… die journalistische Ausrichtung der "Welt"

Ich glaube, eine große Stärke der "Welt" liegt darin, überraschend und nicht berechenbar zu sein. Wir haben uns verabschiedet von diesen vorhersehbaren und langweiligen politischen Dichotomien, die eine Zeitung ist konservativ, die andere liberal und die dritte links.

… seine Lust an provokanten Texten

Ach, meine provokanten Zeiten liegen eigentlich längst hinter mir. Ich stelle im Augenblick eher erstaunt fest: Wenn ich über Integration schreibe, sind es auch Politiker der Grünen, die mich retweeten. Bei der Christmette-Kontroverse haben mich Leute wie Sascha Lobo, Carolin Emcke und Nils Minkmar vom "Spiegel" rausgehauen. Die klugen Leute auch aus dem anderen politischen Spektrum haben kapiert, dass wir einfach nicht so weitermachen können wie bisher. Wir können nicht nach einer Gesäß-Geographie unsere Interessen sortieren, wir müssen rauskommen aus der Erwartbarkeit. Provokation als Selbstzweck halte ich dagegen für eine überkommene Strategie, das brauchen wir nicht. Mir geht es um Unerschrockenheit. Wenn mich im Journalismus etwas wirklich quält, dann ist das Opportunismus.

… seine eigene Rolle als Chefredakteur

Ich sehe mich als Mannschaftsspieler und versuche in der Redaktion vorzuleben, dass es im Journalismus vor allem um Leidenschaft und Authentizität geht. Ich beobachte im intellektuellen Deutschland insgesamt eine neue Offenheit, die mich inspiriert. Und es stimmt schon: Ich verkneife mir nicht aus irgendwelchen Opportunitätsüberlegungen heraus Sätze, die vielleicht hart und provokativ klingen. Ich glaube, das ist wichtig für den Journalismus insgesamt.

… die Bedeutung der "Welt" im politischen Diskurs

Ich höre immer öfter den Satz: "Wenn ich wissen will, was im politischen Berlin und in Brüssel passiert, muss ich euch lesen!" Wir haben hervorragende Autorinnen und Autoren, die für exklusive und besondere Recherchen, Zugänge und Haltungen stehen. Angefangen bei unserem Herausgeber Stefan Aust.
„Was Facebook gerade erlebt, ist eine gigantische Vertrauenskrise – ein Alptraum.“
Ulf Poschardt
Ulf Poschardt im HORIZONT-Interview
Ulf Poschardt im HORIZONT-Interview (© Björn-Arne Eisermann)
Auch andere Kolleginnen und Kollegen wie Robin Alexander oder Anette Dowideit waren zeitweise in jeder zweiten Talkshow zu Gast. Unser Politik-Autor Daniel Sturm hat in der inzwischen legendären Pressekonferenz nach der Bundestagswahl Martin Schulz in seiner unnachahmlichen Art die ganz entscheidende Frage gestellt hat, über die der damalige SPD-Vorsitzende dann später gestolpert ist. Bei uns werden Debatten losgetreten und leidenschaftlich geführt. So zum Beispiel bei Alexander Dobrindts Aufruf zu einer konservativen Revolution, die bei uns erschienen ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass die "Welt" in der politischen Berichterstattung jemals eine so zentrale Rolle gespielt hätte wie heute.

… die Rolle von Facebook als Traffic-Bringer

Wir machen uns nicht von einer Plattform abhängig, sondern leiten unsere Aktivitäten immer aus unserer Gesamtstrategie ab. Die Social-Reichweite ist mittlerweile nicht mehr so zentral wie noch vor einiger Zeit. Wir fokussieren uns jetzt insgesamt stärker auf unsere Homepage.

… die Facebook-Strategie der "Welt"

Facebook hat uns zweifellos geholfen, neben tollen Reichweiten auch neue Leser und Abonnenten für uns zu gewinnen, die zuvor kaum mit unserer Marke in Berührung gekommen waren. Daher hat sich das für uns schon gelohnt. Wir werden sicher weiter den Austausch mit unseren Lesern auf Facebook pflegen, das ändert aber nichts daran, dass wir die Abhängigkeit von den sozialen Plattformen weiter abbauen werden. Bei uns stehen eher digitale Abos als die Erfolgswährung im Zentrum. In der Vergangenheit wurde von Kultur-Pessimisten ja gerne das Schreckensbild an die Wand gemalt, Plattformen wie Facebook würden uns irgendwann das Licht austreten. Jetzt bekommen die plötzlich selbst gewaltige Probleme. Umso wichtiger ist, dass wir einen guten Job machen.

… die Folgen der aktuellen Facebook-Diskussion

Ich bin überzeugt, dass Vertrauen in den kommenden Jahren die absolut zentrale Ressource in der Kommunikation sein wird. Was Facebook gerade erlebt, ist eine gigantische Vertrauenskrise – ein Alptraum. Wir als Medien dürfen uns aber auch keine großen Fehler wie 2015 bei der Flüchtlingskrise mehr erlauben. Ich glaube aber schon: Bei aller Kritik an unserer Arbeit vertrauen die Menschen den Medien dann doch deutlich mehr als Facebook und Co.

… die Kritik an den etablierten Medien

2015 haben sehr viele Kollegen einen Chor der Begeisterung abgegeben und jeden, der in diesen Chor nicht vorbehaltlos einstimmen wollte, scharf kritisiert. Man hat den Lesern schon sehr nachdrücklich empfohlen, wie über die Flüchtlingskrise zu denken ist. Eine der großen Stärken der "Welt" liegt für mich in ihrem Skeptizismus gegenüber angeblichen Wahrheiten. Das Tolle am Journalismus ist doch: Mit jeder neuen politischen Herausforderung wird das Spiel neu eröffnet.

… Reichweite und Digital-Abos

Als ich die Chefredaktion übernahm, haben wir uns entschieden, weniger kostenlos ins Netz zu stellen und die Zahl der digitalen Abos zu steigern. Mit rund 80.000 Digital-Abos ist das inzwischen eine richtig große Erfolgsgeschichte. Was mich besonders glücklich macht, ist, dass sich die Welt-Plus-Kunden vor allem für unsere politische Berichterstattung interessieren. Unser publizistischer Impetus und die Entwicklung der Digital-Abos greifen also wunderbar ineinander.

… die Zukunft von Print

Ich denke in Geschichten, Themen und Autoren, der Kanal kommt für mich erst danach. Mit diesem ganzen Kultur-Pessimismus kann ich nichts anfangen. Wir erreichen mit der Marke WELT gedruckt, digital und im TV insgesamt mittlerweile mehr Menschen als je zuvor. Ich liebe Zeitungen und bin überzeugt: Unser Haus hat die Kraft, hier am Ende so etwas wie the last man standing zu sein.
„Ich denke in Geschichten, Themen und Autoren, der Kanal kommt für mich erst danach. Mit diesem ganzen Kultur-Pessimismus kann ich nichts anfangen.“
Ulf Poschardt

… sein Verhältnis Christian Nienhaus, dem Print-Geschäftsführer bei Axel Springer

Christian Nienhaus liest seit seinen Studententagen "Die Welt" und hat eine so profunde Kenntnis der Zeitung, wie man sich das als Chefredakteur nur wünschen kann. Außerdem sind er als Westfale und ich als Franke zwei sehr bodenständige Naturen. In unserem ersten Gespräch haben wir uns schon im dritten Satz gesagt: ‚Lassen Sie uns immer ehrlich sein und offen sagen, wenn etwas nicht passt‘. Und genau so halten wir es auch.

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