Vorwürfe ans Grosso

Kleine Verlage lassen Handelskonditionen rechtlich überprüfen / Verband wehrt sich

Grosso-Chef Frank Nolte
Grosso-Chef Frank Nolte
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Neuer Ärger: Nicht alle begrüßen die jüngst abgeschlossene 5-Jahres-Handelsvereinbarung der sieben großen Verlage mit dem Grosso-Verband. Im Gegenteil. Der Arbeitskreis Mittelständischer Verlage (AMV) will den Deal „rechtlich überprüfen lassen“.

Einem wesentlichen Bestandteil der neuen Verträge werde man nicht zustimmen, erklärt AMV-Vorstandschef Manfred Sinicki auf HORIZONT-Anfrage. Die neue Rabattstruktur sei weder gerechtfertigt noch zielführend. Im AMV sind laut Website derzeit 20 kleinere Verlage und Vertriebe organisiert, darunter auch bekanntere Häuser wie Jahreszeiten Verlag, Jahr Top Special, Finanzen Verlag und Bastei Lübbe.

Es geht um die sogenannte Malusregelung, die den Nutzen und die Kosten unterschiedlicher Titelkategorien gerechter verteilen soll. Für Titel, die bestimmte Mindestjahresumsätze durchschnittlich pro beliefertem Einzelhändler unterschreiten, sollen die Grossisten künftig eine höhere Marge erhalten, da solche Hefte den gleichen Aufwand erfordern und Regalplatz besetzen, zur Finanzierung des Systems jedoch wenig beitragen. Titel mit seltener Frequenz (und langen Liegezeiten), geringen Abverkäufen, niedrigen Copypreisen und/oder einer hohen Anzahl belieferter Kioske rentieren sich für Verlage künftig also weniger – es sei denn, sie drehen an diesen Stellschrauben und erhöhen so ihren durchschnittlichen Umsatz pro Kiosk. Dies kann eben auch dadurch geschehen, dass ein Verlag weniger jener Läden beliefert, die einen Titel kaum verkaufen. Das würde dem System zwar keine zusätzlichen Umsätze bescheren, es aber immerhin entlasten.

Dieses bewusste neue Marktregulativ, das erst im September in Kraft tritt und den Verlagen daher nun sechs Monate Zeit gibt, ihre Copypreise, Distribution oder Vertriebswerbung nachzujustieren, betrifft fast jedes Haus bei einzelnen Titeln. Verlage, die mehr (oder nur) solche Titel führen, dürften die neue Malusregelung stärker spüren, wenn sie nicht gegensteuern wollen oder können. Genau dies befürchten offenbar einige der AMV-Verlage.

Der Grosso-Verband habe nicht wirklich mit dem AMV verhandeln wollen und „wohl kein Interesse an den Wünschen der kleinen und mittleren Verlage“ gehabt, „sondern präferierte erstmal einen Abschluss mit der marktmächtigen Verlagsallianz“, beklagt AMV-Vereinsboss Sinicki. Grosso-Verbandschef Frank Nolte entgegnet auf HORIZONT-Nachfrage: „Wir haben sehr wohl mit dem AMV parallel Gespräche geführt, aber der Fokus lag auf den Gesprächen mit der großen Verlagsallianz – und ohne dort Ergebnisse zu haben, machten weitere Gespräche irgendwann nur bedingt Sinn.“

Zweitens beklagt der AMV die „sehr kurzfristige Einforderung“ der Unterschriften zum Vertrag. „Die meisten kleineren und mittleren Verlage kannten die Vereinbarungen ja noch nicht einmal, und erst recht konnte keiner so schnell rechnen“, welche Auswirkungen vor allem die neue Malusregelung für ihre Objekte haben würde, so Sinicki. Grosso-Chef Nolte hält dagegen: „Wir haben die Unterschriften nicht kurzfristig eingefordert, sondern nur um Unterzeichnung gebeten, ohne Fristsetzung.“ Ferner hätten sowohl die Verlagsallianz als auch der Grosso-Verband nach Abschluss der Verhandlungen am 19. Februar Gespräche angeboten, was aber nicht oder nur teilweise angenommen worden sei. Die Angebote bestünden nach wie vor. Natürlich müssten die Auswirkungen noch geprüft werden – „daher wurden mit einigen Verlagen die Rabattanpassungen zum 1. März nun eben unter Vorbehalt abgeschlossen“, so Nolte.

Drittens geht es dem AMV um die Frage, inwieweit das komplexe Vertragswerk überhaupt eine „Branchenvereinbarung“ darstellt. Hintergrund: Als Gebietsmonopolisten müssen die Grossisten jene Konditionen, die sie der Großallianz je Heftkategorie einräumen, auch allen anderen vergleichbaren Titeln gewähren – egal, aus welchem Haus diese stammen.

Am meisten habe ihn überrascht, wie aus Verhandlungen mit nur "einigen wenigen" Verlagen eine angeblich allgemeingültige Branchenvereinbarung geworden sei, so Sinicki mit Verweis auf die Präambel des Vertrags: „Das finde ich schon unglaublich.“ Zumal alle AMV-Fragen an die große Verlagsallianz, ob diese für die Branche verhandele, stets verneint worden seien. Dann doch „eine Branchenvereinbarung zu verhandeln, die für alle Gültigkeit haben soll, ohne dass die betroffenen Verlage Ergebnisse oder Teilergebnisse mitgeteilt bekommen, ist für mich mehr als grenzwertig“, erklärt der AMV-Chef.

Was sagt Ober-Grossist Nolte dazu? Das Ziel der Verhandlungen mit der Allianz der sieben Großverlage sei von Anfang an gewesen, eine Branchenvereinbarung zu erreichen, die für alle Zeitschriften gilt. Und der Verweis darauf, dass „nur“ sieben Häuser verhandelt hätten, sei „schon deshalb irreführend, weil bei früheren Verhandlungen teilweise noch weniger Verlage mit weniger Gesamtmarktanteil so ausführlich“ mitgewirkt hätten. „Im Übrigen ist unser System ein titel- und kein verlagsbezogenes System“, erteilt Nolte Nachhilfe: Die neuen Konditionen gelten für die „Titel aller Verlage, kleiner und großer“.

Wie geht’s jetzt weiter? Der AMV lasse die Verträge „auf eine Diskriminierung hin rechtlich überprüfen“ und werde in der kommenden Woche – dann soll es eine weitere AMV-Sitzung geben – das weitere Vorgehen mitteilen, so Sinicki. Fest steht aber offenbar schon jetzt: „Einer Malusregelung wird der Vorstand des AMV und damit auch mehrheitlich die Mitgliedsverlage nicht zustimmen. Wir betrachten diese Art von Rabattstruktur in keiner Weise als gerechtfertigt und zielführend.“

Nach HORIZONT-Informationen allerdings profitieren einzelne der 20 AMV-Verlage laut deren eigenen Berechnungen von den neuen Regeln. Andere indes befürchten jährlich teils fünfstellige Zusatzkosten, verzichten aber um des Branchenfriedens willen zähneknirschend auf eine rechtliche Prüfung. Genau diese erwägen einzelne andere Verlage (auch Nicht-AMV-Mitglieder) und nun ebenfalls der AMV. Wobei offen ist, ob damit anwaltliche Beratungen gemeint sind, Beschwerden beim Bundeskartellamt oder gerichtliche Klagen. Deren Gegenstand dürfte dann aber nicht die Verhandlungsabsprache der Großen an sich sein (hierfür haben Kartellrechtsreformen 2013 und 2017 die Fesseln gelockert), sondern die Frage, ob die neuen Konditionen für alle Titel einen diskriminierungsfreien Zugang ins Pressevertriebssystem bieten.

Sicherlich nicht justiziabel ist ein weiterer Punkt, den Kritiker gegen die neuen Regeln vorbringen: Sie seien innovationsfeindlich, weil neue Titel, die auf eine breite Distribution angewiesen seien, schlechtere Konditionen erhielten, wenn sie nicht in jedem Laden gut verkaufen. Darauf entgegnen die Verteidiger: Eine flächendeckende Über-Belieferung des Handels sei Teil des (Einführungs-) Marketings - und von diesen Kosten mögen die verantwortlichen Verlage doch bitte ein bisschen mehr tragen als bisher. rp




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