Verlegerin Julia Becker

Was Funke noch fehlt …

Julia Becker beim Deutschen Medienkongress
Getty Images / Alexander Hassenstein
Julia Becker beim Deutschen Medienkongress
… ist auf keinen Fall eine unerschrockene Verlegerin. Die hat Funke bereits – mit Julia Becker. Was sich auch darin zeigt, dass sie sagt, was dem Verlag tatsächlich noch fehlt.

Ein Abend im Hamburger Presseclub. Die Gäste können stets bestimmen, nach welchen Regeln der Talk abläuft: Wird Vertraulichkeit vereinbart („Off the Record“)? Darum bitten die meisten. Oder kann man zitieren? Klar, passt schon, sagt Julia Becker. Die seit Januar Vorsitzende des Aufsichtsrats der Funke Mediengruppe sitzt an diesem Abend als Gast auf der Bühne und lässt sich von Ex-Stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn befragen. Und danach vom Publikum: Rund 120 Journalisten, PR-Leute – und (Ex-) Funke-Mitarbeiter.

Da kommen sie natürlich, die Fragen nach dem aktuellen Stand von Betriebsvereinbarungen und Nicht-Umzugs-Garantien. Becker will oder kann so operativ nicht detailliert antworten, sie vermittelt weiter an ihren frisch beförderten Zeitungsgeschäftsführer Ove Saffe, der ebenfalls im Saal ist. Aber: Sie hört sich alles an, sie stellt sich allen Fragen – und am Ende lässt sie sich von diesen und jenen Visitenkarten in die Hand drücken. Welcher andere deutsche Großverleger, welche andere deutsche Großverlegerin würde so quasi-öffentlich auftreten?




Also, eine forsche Verlegerin fehlt Funke nicht. Sondern stattdessen zum Beispiel eine ganzheitliche überzeugende Digitalstrategie. Becker sagt das nicht genau so – sondern mit der ihr eigenen eher indirekten Wortwahl, mit Sprechpausen und Ironie an eindeutigen Stellen. Die Onlinestrategie aufzusetzen, das ist nun eine der Aufgaben von Andreas Schoo, seit drei Wochen Zeitschriften- und Digitalgeschäftsführer des Essener Konzerns.


Was Funke ebenfalls noch vermissen lässt, ist ein ausgekochtes Food-Segment. „Wir sind motiviert und entschlossen, unser Portfolio gerade hier auszubauen, durch Zukäufe und mit eigenen Gründungen“, erklärt Becker. Und wer sich allein Funkes Akquisitionen der letzten Monate (Donna, Myself) und Jahre (Axel-Springer-Titel) anschaut, der glaubt ihr das gerne.

Ebenfalls noch nicht praktiziert wird eine Erlösstrategie für die Funke-Zentralredaktion in Berlin, die seit 2015 unter der Leitung von Jörg Quoos überregionale Inhalte für die eigenen Zeitungen und Portale (etwa WAZ, Westfalenpost, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt, Braunschweiger Zeitung, Thüringer Allgemeine) produziert. Madsack arbeitet mit einem ähnlichen Modell und beliefert mit seinem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) längst auch schon andere Zeitungen mit Storys und Seiten. Das will Funke auch: „Die Inhalte unserer Zentralredaktion zu monetarisieren ist ein strategisches Ziel, das wir jetzt angehen“, sagt Becker. Dies wiederum dürfte eine der Aufgaben von Ove Saffe sein. rp

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