Spiegel-Führungskrise

Bestätigt: Büchner und Saffe gehen / Brinkbäumer und Höges übernehmen kommissarisch

Wolfgang Büchner
© Carsten Milbret / HORIZONT
Wolfgang Büchner
Es ist vollbracht – teilweise: Nach monatelangem zermürbenden Gezerre um Chefredakteur Wolfgang Büchner und um sein digitales Umbaukonzept klären die Gesellschafter des "Spiegel" jetzt immerhin einige Führungsfragen. Eine wichtige bleibt aber weiterhin offen.

Wie seit längerem erwartet, wird Büchner zum Jahresende abberufen, nach nur 15 Monaten im Amt. Entsprechende HORIZONT-Informationen sind nun auch offiziell in einer Pressemitteilung des "Spiegel" bestätigt. Vorerst kommissarisch übernehmen das Blatt die stellvertretenden Print-Chefredakteure Klaus Brinkbäumer und Clemens Höges. Florian Harms und Barbara Hans, beide stellvertretende Chefredakteure von Spiegel Online, verantworten das Nachrichtenmagazin weiterhin im Internet. Die Lösung scheint überraschend, waren zuletzt doch Brinkbäumer und Harms als künftige Doppelsitze gehandelt worden. Doch die Variante ist wohl nicht vom Tisch. Nach HORIZONT-Informationen wird an den Verträgen für das künftige, mutmaßliche Chefredakteurs-Duo gefeilt.

Geschäftsführer Ove Saffe trägt Büchners Demission erwartungsgemäß nicht mit und wird das Haus ebenfalls verlassen, nach über sechs Jahren dort an der Spitze – allerdings führt er die Geschäfte noch weiter, bis ein Nachfolger gefunden ist, längstens jedoch bis Mitte 2015.

Mit anderen Worten: Der "Spiegel" sucht jetzt einen neuen künftigen Geschäftsführer. Hier dürfte das Kandidatenspekulationskarussell bald anfangen zu rotieren, Namen genannt und vielleicht verbrannt werden. Wichtiger als das Personaltableau jedoch ist die Frage, inwieweit die Gesellschafter an der Richtung, an den Details, an der Tiefe und am Tempo von Büchners digitalem Umbaukonzept festhalten.

„Wolfgang Büchner hat das Nachrichten-Magazin mit neuem Layout und neuen Formaten und mit der Ausrichtung auf den Erscheinungstermin Samstag erfolgreich weiterentwickelt. Mit Spiegel 3.0 hat er ein Digitalisierungskonzept vorgelegt, das die Weichen stellt für notwendige Veränderungen.“
Ove Saffe
Noch-Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
© Olaf Ballnus
Noch-Spiegel-Geschäftsführer Ove Saffe
Saffe äußert sich in einem Statement noch einmal wohlwollend über die von Büchner eingeleiteten Schritte: "Wolfgang Büchner hat das Nachrichten-Magazin mit neuem Layout und neuen Formaten und mit der Ausrichtung auf den Erscheinungstermin Samstag erfolgreich weiterentwickelt. Mit Spiegel 3.0 hat er ein Digitalisierungskonzept vorgelegt, das die Weichen stellt für notwendige Veränderungen beim ,Spiegel' und bei Spiegel Online. Für diese Arbeit unds ein großes Engagement danke ich ihm herzlich und wünsche ihm für seine berufliche und private Zukunft alles Gute."

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Die interimistischen Chefredakteure: Klaus Brinkbäumer galt schon lange als Top-Kandidat einer internen Lösung (die indes per se immer zweite Wahl war; dazu später mehr in einer Analyse des Dramas). Seit 1993 beim "Spiegel", als Redakteur und New-York-Korrespondent bald preisgekrönt, wurde Brinkbäumer 2011 erst Textchef, dann Vize-Chefredakteur. Im Sommer letzten Jahres führte er – damals mit Martin Doerry – die Print-Redaktion kommissarisch, von April bis August 2013, als die frühere Doppelspitze Georg Mascolo/Mathias Müller von Blumencron schon weggeschickt und Büchner noch nicht angetreten war. Und hat sich dabei bewährt. Brinkbäumer, 47, der Wunschkandidat der Print-Redaktion, gilt als exzellenter Schreiber und Blattmacher. Aber nicht unbedingt als Digitalstratege und Change-Manager.

Clemens Höges ist seit 1. April 2014 stellvertretender Chefredakteur und damit Nachfolger von Martin Doerry. Zuvor war er Leiter des Auslandsressorts beim "Spiegel". Er studierte Politikwissenschaften und Publizistik, besuchte die Henri-Nannen-Schule und ist seit 1990 beim "Spiegel". Zunächst war er Korrespondent in Leipzig und Redakteur im Deutschlandressort, dessen stellvertretender Leiter er 1994 wurde. 1997 ging Höges als Korrespondent nach Washington, später arbeitete er als Reporter. Ende 1998 wurde er Leiter des Deutschlandressorts, 2008 wechselte er als Reporter ins Auslandsressort, dessen Leitung er im September 2012 übernahm.

Expertise mit Digitaljournalismus hat der mutmaßliche zweite künftige Chefredakteur Florian Harms. Der heute 41-Jährige kam nach einem Volontariat bei der "Neuen Zürcher Zeitung" 2004 als freier Nachrichtenjournalist zu Spiegel Online, zwei Jahre später wurde er fester Redakteur. Ab 2007 leitete der promovierte Islam- und Politikwissenschaftler die Entwicklung des Zeitgeschichteportals Einestages. Im Juli 2008 wurde Harms bei Spiegel Online Chef vom Dienst. Seit März 2011 ist er stellvertretender Chefredakteur des Portals, im Februar 2014 kam Barbara Hans hier an seine Seite. Chef war auch hier Wolfgang Büchner. rp




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